Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zweiter Theil.

475

All alle.

Heil den mildgewognen Lüften!Heil geheimnißreichen Grüften!Hochgefeiert seyd allhier,Element' ihr alle vier!

Dritter Äct.

Vor dem Palafte des Menelas zu Sparta.

Helena tritt auf und Chor gefangener Trofaneriunen.Panthalis, Chorfüdrerin.

Helena.

Bewundert viel und viel gescholten, Helena,

Vom Strande komm' ich, wo wir erst gelandet sind,

Noch immer trunken von des Gewoges regsamemGeschaukel, das vom Phrygischen Blachgefild uns herAuf sträubig-hohem Rücken, durch Poseidon's GunstUnd Euros' Kraft in vaterländische Buchten trug.

Dort unten freuet nun der König Menelas

Der Rückkehr sammt den tapfersten seiner Krieger sich.

Du aber heiße mich willkommen, hohes Haus,

Das Tyndareos, mein Vater, nah dem Hange sich,

Von Pallas' Hügel wiederkehrend, aufgebaut,

Und, als ich hier mit Klytämnestren schwesterlich,

Mit Castor und auch Pollux fröhlich spielend wuchs,

Vor allen Häusern Sparta's herrlich ausgeschmückt.Begrüßet seyd mir, der eh'rnen Pforte Flügel ihr!

Durch euer gastlich ladendes Weiteröffnen einstGeschah's, daß mir, erwählt aus vielen, MenelasIn Bräutigamsgestalt entgegenleuchtete.

Eröffnet mir sie wieder, daß ich ein EilgebotDes Königs treu erfülle, wie der Gattin ziemt.

Laßt mich hinein! und alles bleibe hinter mir,

Was mich umstimmte bis hierher, verhängnißvoll.

Denn seit ich diese Stelle sorgenlos verließ,

Cythcrens Tempel besuchend, heiliger Pflicht gemäß,

Mich aber dort ein Räuber griff, der Phrygische,

Ist viel geschehen, was die Menschen weit und breitSo gern erzählen, aber der nicht gerne hört,

Bon dem die Sage wachsend sich zum Mährchen spann.Chor.

Verschmähe nicht, o herrliche Frau,

Des höchsten Gutes Ehrenbesitz!

Denn das größte Glück ist dir einzig bescheert:

Der Schönheit Ruhm, der vor allen sich hebt.

Dem Helden tönt sein Name voran,

Drum schreitet er stolz;

Doch beugt sogleich hartnäckigster MannVor der allbezwingenden Schöne den Sinn.Helena.

Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifftUnd nun von ihm zu seiner Stadt vorausgesandt;

Doch welchen Sinn er hegen mag, errath' ich nicht.

Komm' ich als Gattin? komm' ich eine Königin?

Komm' ich ein Opfer für des Fürsten bittern SchmerzUnd für der Griechen lang erduldetes Mißgeschick?

Erobert bin ich; ob gefangen, weiß ich nicht:

Denn Ruf und Schicksal bestimmten fürwahr die UnsterblichenZweideutig mir, der Schöngestalt bedenklicheBegleiter, die an dieser Schwelle mir sogarMit düster drohender Gegenwart zur Seite stehn.

Denn schon im hohlen Schiffe blickte mich der GemahlNur selten an, auch sprach er kein erquicklich Wort.

Als wenn er Unheil sänne, faß er gegen mir.

Nun aber, als, des Eurotas tiefem Buchtgestad'Hinangefahren, der vordem Schiffe Schnäbel kaumDas Land begrüßten, sprach er, wie vom Gott bewegt:

Hier steigen meine Krieger nach der Ordnung aus;

Ich mustre sie, am Strand des Meeres hingereiht.

Du aber ziehe weiter, ziehe des heiligenEurotas sruchtbegabtem Ufer immer auf,

Die Rosse lenkend auf der feuchten Wiese Schmuck,

Bis daß zur schönen Ebene du gelangen magst,

Wo Lakedämon, einst ein furchtbar weites Feld,

Von ernsten Bergen nah umgeben, angebaut.

Betrete dann das hochgethürmtc Fürstenhaus,

Und mustre mir die Mägde, die ich dort zurückGelassen, sammt der klugen alten Schaffnerin.

Die zeige dir der Schätze reiche Sammlung vor,

Wie sie dein Vater hinterließ und die ich selbstIn Krieg und Frieden, stets vermehrend, aufgehäuft.

Du findest alles nach der Ordnung stehen: dennDas ist des Fürsten Vorrecht, daß er alles treuIn seinem Hause, wiederkehrend, finde, nochAn seinem Platze jedes, wie er's dort verließ;

Denn nichts zu ändern hat für sich der Knecht Gewalt.

Chor.

Erquicke nun am herrlichen Schatz,

Dem stets vermehrten, Augen und Brust!

Denn der Kette Zier, der Krone Gefchnwck,

Da ruhn sie stolz und sie dünken sich was;

Doch tritt nur ein und fordre sie auf,

Sie rüsten sich schnell.

Mich freuet zu sehn Schönheit in dem KampfGegen Gold und Perlen und Edelgestein.

Helena.

Sodann erfolgte des Herren ferneres Herrscherwort:

Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn,

Dann nimm so manchen Dreifuß, als du nöthig glaubst,

Und mancherlei Gefäße, die der Opfrer sich

Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Festgebrauch.

Die Kessel, auch die Schalen, wie das flache Rund;

Das reinste Wasser aus der heiligen Quelle seyIn hohen Krügen; ferner auch das trockne Holz,

Der Flamme schnell empfänglich, halte da bereit;

Ein wohlgeschliffnes Messer fehle nicht zuletzt;

Doch alles andre geb' ich deiner Sorge hin.

So sprach er, mich zum Scheiden drängend; aber nichtsLebendigen Athems zeichnet mir der Ordnende,

Das er, die Olympier zu verehren, schlachten will.

Bedenklich ist es; doch ich sorge weiter nicht,

Und alles bleibe hohen Göttern heimgestellt,

Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie däucht,

Es möge gut von Menschen oder möge bös