Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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83L

Theater und dramatische Poesie.

der Brust, gleichsam dieselbe bezeichnend, müssen sie gehaltenwerden.

8- 67.

Bei Bewegung der Hände hüte man sich so viel als möglich,die Hand vor das Gesicht zu bringen oder den Körper damit zubedecken.

8. 58.

Wenn ich die Hand reichen muß, und es wird nicht aus-drücklich die rechte verlangt, so kann ich eben so gut die linkegeben; denn auf der Buhne gilt kein Rechts oder Links; manmuß nur immer suchen, das vorzustellende Bild durch keinewidrige Stellung zu verunstalten. Soll ich aber unumgänglichgezwungen seyn, die Rechte zu reichen, und bin ich so gestellt, daßich über meinen Körper die Hand geben müßte, so trete ich lieberetwas zurück, und reiche sie so, daß meine Figur en tuen bleibt.

8- 59.

Der Schauspieler bedenke, auf welcher Seite des Theaterser stehe, um seine Geberde darnach einzurichten.

8. 60.

Wer auf der rechten Seite steht, agire mit der linken Hand,und umgekehrt, wer auf der linken Seite steht, mit der rechten,damit die Brust so wenig als möglich durch den Arm verdecktwerde.

8. 61.

Bei leidenschaftlichen Fällen, wo man mit beiden Händenagirt, muß doch immer diese Betrachtung zum Grunde liegen.

8.62. j

Zu eben diesem Zweck, und damit die Brust gegen den Zu- !schauer gekehrt sey, ist es Vortheilhaft, daß derjenige, der ausder rechten Seite steht, den linken Fuß, der auf der linken, denrechten vorsetze.

Geberdenspiel.

8- 63.

Um zu einem richtigen Geberdenspiel zu kommen, und solchesgleich richtig beurtheilen zu können, merke man sich folgendeRegeln.

Man stelle sich vor einen Spiegel und spreche dasjenige,was man zu declamiren hat, nur leise oder vielmehr gar nicht,sondern denke sich nur die Worte. Dadurch wird gewonnen,daß man von der Declamation nicht hingerissen wird, sondernjede falsche Bewegung, welche das Gedachte oder leise Gesagtenicht ausdrückt, leicht bemerken, so wie auch die schönen undrichtigen Geberden auswählen, und dem ganzen Geberdenspieleine analoge Bewegung mit dem Sinne der Wörter, als Ge-präge der Kunst, aufdrücken kann.

8. 64.

Dabei muß aber vorausgesetzt werden, daß der Schau-spieler vorher den Charakter nnd die ganze Lage des Vorzu-stellenden sich völlig eigen mache, und daß seine Einbildungs-kraft den Stoff recht verarbeite; denn ohne diese Vorbereitungwird er weder richtig zu declamiren noch zu handeln im Standeseyn.

8- 65.

Für den Anfänger ist es von großem Vortheil, nm Geber-denspiel zu bekommen und seine Arme beweglich nnd gelenksamzu machen, wenn er seine Rolle, ohne sie zu recitiren, einem

andern bloß durch Pantomime verständlich zu machen sucht:denn da ist er gezwungen, die passendsten Gesten zu wählen.

Zu -er Probe zu beobachten.

8 - 66 .

Um eine leichtere und anständigere Bewegung der Füße zuerwerben, Probire man niemals in Stiefeln.

8^ 67.

Der Schauspieler, besonders der jüngere, der Liebhaberund andere leichte Rollen zu spielen hat, halte sich auf demTheater ein Paar Pantoffeln, in denen er probirt, nnd er wirdsehr bald die guten Folgen davon bemerken.

8 . 68 .

Auch in der Probe sollte man sich nichts erlauben, was nichtim Stücke vorkommen darf.

8. 69.

Die Frauenzimmer sollten ihre kleinen Beutel bei Seitelegen.

8- 70.

Kein Schauspieler sollte im Mantel Probiren, sondern dieHände und Arme, wie im Stücke, frei haben: denn der Mantelhindert ihn nicht allein die gehörigen Geberden zu machen, son-dern zwingt ihn auch, falsche anzunehmen, die er denn bei derVorstellung unwillkürlich wiederholt.

8- 71.

Der Schauspieler soll auch in der Probe keine Bewegungmachen, die nicht zur Rolle Paßt.

8- 72.

Wer bei Proben tragischer Rollen die Hand in den Busensteckt, kommt in Gefahr, bei der Aufführung eine Oeffnung imHarnisch zu suchen.

Zu vermeldende böse Gewohnheiten.

8- 73.

Es gehört unter die zu vermeidenden ganz groben Fehler,wenn der sitzende Schauspieler, um seinen Stuhl weiter vor-wärts zu bringen, zwischen seinen oberen Schenkeln in derMitte durchgreifend, den Stuhl anpackt, sich dann ein wenighebt und so ihn vorwärts zieht. Es ist dieß nicht nur gegendas Schöne, sondern noch viel mehr gegen den Wohlstandgesündigt.

8- 74.

Der Schauspieler lasse kein Schnupftuch aus den: Theateri sehen, noch weniger schnaube er die Nase, noch weniger spucke! er aus. Es ist schrecklich, innerhalb eines Kunstprodukts andiese Natürlichkeiten erinnert zu werden. Man halte sich einkleines Schnupftuch, das ohnedem jetzt Mode ist, um sich da-mit ini Nothfalle helfen zu können.

Haltung des Schauspielers im gewöhnlichen Leben.8- 75.

Der Schauspieler soll auch im gemeinen Leben bedenken,daß er öffentlich zur Kunstschau stehen werde.