Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.
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vorgehen kann? Mag man doch den Schauplatz der Feenmähr-chen nach Samarcand und Ormns versetzen, um unsere Ein-bildungskraft zu verwirren; wenn Sie aber unsern Geist, unserHerz bilden wollen, so geben Sie uns einheimische, geben Sieuns Familicngemälde, und wir werden uns desto eher darinerkennen, und wenn wir uns getroffen fühlen, desto gerührteran unser Herz schlagen.
Der Alte. Auch darin soll Ihnen gewillfahrt werden.Doch ist es mit den Familiengemälden eine eigene Sache: siesehen einander alle so gleich, und wir haben fast alle Verhält-nisse derselben schon gut bearbeitet auf unseren Theatern gesehen.Indessen will ich's wagen und eine Geschichte erzählen, von derIhnen schon etwas Aehnliches bekannt ist, und die nur durcheine genaue Darstellung dessen, was in den Gemüthern vorging,neu und interessant werden dürfte.
Man kann in Familien oft die Bemerkung machen, daßKinder, sowohl der Gestalt als dem Geiste nach, bald vomVater bald von der Mutter Eigenschaften an sich tragen; undso kommt auch manchmal der Fall vor, daß ein Kind die Na-turen beider Eltern auf eine besondere und verwundernswürdigeWeise verbindet.
Hiervon war ein junger Mensch, den ich Ferdinand nennenwill, ein auffallender Beweis. Seine Bildung erinnerte anbeide Eltern, und ihre Gemüthsart konnte man in der seinigengenau unterscheiden. Er hatte den leichten und frohen Sinn desVaters, so auch den Trieb, den Augenblick zu genießen, undeine gewisse leidenschaftliche Art, bei manchen Gelegenheiten nursich selbst in Anschlag zu bringen. Von der Mutter aber hatteer, so schien es, ruhige Ueberlegnng, ein Gefühl von Recht undBilligkeit und eine Anlage znr Kraft, sich für andere aufzuopfern.Man sieht hieraus leicht, daß diejenigen, die mit ihm umgingen,oft, um seine Handlungen zu erklären, zu der Hypothese ihreZuflucht nehmen mußten, daß der junge Mann wohl zweiSeelen haben möchte.
Ich übergehe mancherlei Scenen, die in seiner Jugend vor-fielen , und erzähle nur eine Begebenheit, die seinen ganzen Cha-rakter in's Licht setzt, und in seinem Leben eine entschiedeneEpoche machte.
Er hatte von Jugend auf eine reichliche Lebensart genossen:denn seine Eltern waren wohlhabend, lebten und erzogen ihreKinder, wie es solchen Leuten geziemt; und wenn der Vater inGesellschaften, beim Spiel und durch zierliche Kleidung mehr,als billig war, ausgab, so wußte die Mutter, als eine guteHaushälterin, dem gewöhnlichen Aufwande solche Gränzen zusetzen, daß im ganzen ein Gleichgewicht blieb und niemals einMangel zum Vorschein kommen konnte. Dabei war der Vaterals Handelsmann glücklich; es geriethen ihm manche Specula-tionen, die er sehr kühn unternommen hatte, und weil er gernmit Menschen lebte, hatte er sich in Geschäften auch vieler Ver-bindungen und mancher Beihülfe zu erfreuen.
Die Kinder, als strebende Naturen, wählen sich gewöhnlichim Hause das Beispiel dessen, der am meisten zu leben und zugenießen scheint. Sie sehen in einem Vater, der sich's wohl seynläßt, die entschiedene Regel, wornach sie ihre Lebensart einzu-richten haben; und weil sie schon früh zu dieser Einsicht gelangen,so schreiten meistentheils ihre Begierden und Wünsche in großerDisproportion der Kräfte ihres Hauses fort. Sie finden sich baldüberall gehindert, um so mehr als jede neue Generation neue
und frühere Anforderungen macht, und die Eltcni den Kinderndagegen meistentheils nur gewähren möchten, was sie selbst infrüherer Zeit genossen, da noch jedermann mäßiger und einfacherzu leben sich bequeinte.
Ferdinand wuchs mit der unangenehmen Empfindung heran,daß ihm oft dasjenige fehle, was er an seinen Gespielen sah.Er wollte in Kleidung, in einer gewissen Liberalität des Lebensund Betragens hinter niemand zurückbleiben; er wollte seinemVater ähnlich werden, dessen Beispiel er täglich vor Augen sah,und der ihm doppelt als Musterbild erschien, einmal als Vater,für den der Sohn gewöhnlich ein günstiges Vorurtheil hegt, unddann wieder weil der Knabe sah, daß der Mann auf diesemWege ein vergnügliches und genußreiches Leben führte und dabeivon jedermann geschätzt und geliebt wurde.
Ferdinand hatte hierüber, wie man sich leicht denken kann,manchen Streit mit der Mutter, da er dem Vater die abgelegtenRöcke nicht nachtragen, sondern selbst immer in der Mode seynwollte. So wuchs er heran und seine Forderungen wuchsenimmer vor ihm her, so daß er zuletzt, da er achtzehn Jahrealt war, ganz außer Verhältniß mit seinem Zustande sich fühlenmußte.
Schulden hatte er bisher nicht gemacht: denn seine Mutterhatte ihm davor den größten Abscheu eingeflößt, sein Vertrauenzu erhalten gesucht und in mehreren Fällen das Aeußerste gethan,um seine Wünsche zu erfüllen oder ihn aus kleinen Verlegen-heiten zu reißen. Unglücklicherweise mußte sie in eben dem Zeit-punkte , wo er nun als Jüngling noch mehr auf's Aeußere sah,wo er durch die Neigung zu einem sehr schönen Mädchen, ver-flochten in größere Gesellschaft, sich anderen nicht allein gleichzu stellen, sondern vor anderen sich hervorzuthun und zu gefallenwünschte, in ihrer Haushaltung gedrängter seyn als jemals:anstatt also seine Forderungen wie sonst zu befriedigen, fing siean seine Vernunft, sein gutes Herz, seine Liebe zu ihr in An-spruch zu nehmen, und setzte ihn, indem sie ihn zwar überzeugte,aber nicht veränderte, wirklich in Verzweiflung.
Er konnte, ohne alles zu verlieren, was ihm so lieb als seinLeben war, die Verhältnisse nicht verändern, in denen er sichbefand. Von der ersten Jugend an war er diesem Zustande ent-gegen, er war mit allem, was ihn umgab, zusammen gewachsen;er konnte keine Faser seiner Verbindungen, Gesellschaften, Spa-ziergänge und Lnstpartien zerreißen, ohne zugleich einen altenSchulfreund, einen Gespielen, eine neue ehrenvolle Bekannt-schaft und, was das Schlimmste war, seine Liebe zu verletzen.
Wie hoch und werth er seine Neigung hielt, begreift manleicht, wenn man erfährt, daß sie zugleich seiner Sinnlichkeit,seinem Geiste, seiner Eitelkeit und seinen lebhaften Hoffnungenschmeichelte. Eins de, schönsten, angenehmsten und reichstenMädchen der Stadt gab ihm, wenigstens für den Augenblick,den Vorzug vor seinen vielen Mitwerbern. Sie erlaubte ihmmit dem Dienst, den er ihr widmete, gleichsam zu prahlen, undsie schienen Wechselsweise auf die Ketten stolz zu seyn, die sie ein-ander angelegt hatten. Nun war es ihm Pflicht, ihr überall zufolgen, Zeit und Geld in ihrem Dienste zu verwenden und aufjede Weise zu zeigen, wie werth ihm ihre Neigung und wie un-entbehrlich ihm ihr Besitz sey.
Dieser Umgang und dieses Bestreben machte Ferdinandenmehr Aufwand, als es unter anderen Umständen natürlich ge-wesen wäre. Sie war eigentlich von ihren abwesenden Eltern