Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.

nicht hinreichen, auf den Beistand des Vaters im Himmelberufen.

In dieser Ueberzeugung, in dieser dringenden Bitte ver-harrte er eine Zeit lang und bemerkte kaum, daß seine Thüresich öffnete und jemand hereintrat. Es war die Mutter, diemit heiterm Gesichte auf ihn zukam, seine Verwirrung sah undihn mit tröstlichen Worten anredete. Wie glücklich bin ich, sagtesie, daß ich dich wenigstens als keinen Lügner finde, und daß ichdeine Reue für wahr hallen kann! Das Gold hat sich gesun-den; der Vater, als er es von einem Freunde wieder erhielt,gab es dem Cassier aufzuheben, und durch die vielen Beschäf-tigungen des Tages zerstreut, hat er es vergessen. Mit demSilber stimmt deine Angabe ziemlich zusammen; die Summeist nun viel geringer. Ich konnte die Freude meines Herzensnicht verbergen, und versprach dem Vater, die fehlende Summewieder zu verschaffen, wenn er sich zu beruhigen und weiter nachder Sache nicht zu fragen verspräche.

Ferdinand ging sogleich zur größten Freude über. Er eilte,sein Handelsgeschäft zu vollbringen, stellte bald der Mutter dasGeld zu, ersetzte selbst das, was er nicht genommen hatte, wo-von er wußte, daß es bloß durch die Unordnung des Vaters inseinen Ausgaben vermißt wurde. Er war fröhlich und heiter;doch hatte dieser ganze Borfall eine sehr ernste Wirkung bei ihmzurückgelassen. Er hatte sich überzeugt, daß der Mensch Krafthabe, das Gute zu wollen und zu vollbringen; er glaubte nunauch, daß dadurch der Mensch das göttliche Wesen für sich iu-teressiren und sich dessen Beistand versprechen könne, den ereben so unmittelbar erfahren hatte. Mit großer Freudigkeitentdeckte er nun dem Vater seinen Plan, sich in jenen Gegendenniederzulassen. Er stellte die Anstalt in ihrem ganzen Wertheund Umfange vor; der Vater war nicht abgeneigt, und dieMutter entdeckte heimlich ihrem Gatten das Verhältniß Ferdi-nand'« zu Ottilien. Diesem gefiel eine so glänzende Schwieger-tochter, und die Aussicht, seinen Sohn ohne Kosten ausstattenzu können, war ihm sehr angenehm.

Diese Geschichte gefällt mir, sagte Luise, als der Alte geen-digt hatte, und ob sie gleich aus dem gemeinen Leben genommenist, so kommt sie mir doch nicht alltäglich vor; denn wenn wiruns selbst fragen und andere beobachten, so finden wir, daßwir selten durch uns selbst bewogen werden, diesem oder jenemWunsche zu entsagen; meist sind es die äußern Umstände, dieuns dazu nöthigen.

Ich wünschte, sagte Carl, daß wir gar nicht nöthig hätten,uns etwas zu versagen, sondern daß wir dasjenige gar nichtkennten, was wir nicht besitzen sollen. Leider ist in unserenZuständen alles so zusammengedrängt, alles ist bepflanzt, alleBäume hängen voller Früchte, und wir sollen nur immerdrunter weggehen, uns an dem Schatten begnügen und auf dieschönsten Genüsse Verzicht thun.

Lassen Sie uns, sagte Luise zum Alten, nun Ihre Geschichteweiter hören!

L cr Ä ltc. Sie ist wirklich schon aus.

Luise. Die Entwicklung haben wir freilich gehört; nunmöchten wir aber auch gerne das Ende vernehmen.

Ler Alte. Sie unterscheiden richtig, und da Sie sich fürdas Schicksal meines Freundes interessiren, so will ich Ihnen,wie es ihm ergangen, noch kürzlich erzählen.

Befreit von der drückenden Last eines so häßlichen Vergehens,

nicht ohne bescheidene Zufriedenheit mit sich selbst, dachte er nunall sein künftiges Glück, und erwartete sehnsuchtsvoll die Rück-kunft Ottiliens, um sich gegen sie zu erklären, und sein gegebenesWort im ganzen Umfange zu erfüllen. Sie kam in Gesellschaftihrer Eltern, er eilte zu ihr, er fand sie schöner und heiterer alsjemals. Mit Ungeduld erwartete er den Augenblick, in welchemer sie allein sprechen und ihr seine Aussichten vorlegen könnte.Die Stunde kam, und mit aller Freude und Zärtlichkeit derLiebe erzählte er ihr seine Hoffnungen, die Nähe seines Glücksund den Wunsch, es mit ihr zu theilen. Allein wie verwundertwar er, ja wie bestürzt, als sie die ganze Sache sehr leichtsinnig,ja man dürfte beinahe sagen, höhnisch aufnahm! Sie scherztenicht ganz fein über die Einsiedelei, die er sich ausgesucht habe,über die Figur, die sie beide spielen würden, wenn sie sich alsSchäfer und Schäferin unter ein Strohdach flüchteten, und wasdergleichen mehr war.

Betroffen und erbittert kehrte er in sich zurück; ihr Betragenhatte ihn verdrossen und er ward einen Augenblick kalr. Siewar ungerecht gegen ihn gewesen, und nun bemerkte er Fehleran ihr, die ihm sonst verborgen geblieben waren. Auch brauchtees kein sehr Helles Auge, um zu sehen, daß ein sogenannterVetter, der mitangekommen war, ihre Aufmerksamkeit auf sichzog und einen großen Theil ihrer Neigung gewonnen hatte.

Bei dem unleidlichen Schmerz, den Ferdinand empfand,nahm er sich doch bald zusammen, und die Ueberwindung, dieihm schon einmal gelungen war, schien ihm zum zweitenmalmöglich. Er sah Ottilien oft, und gewann über sich, sie zubeobachten; er that freundlich, ja zärtlich gegen sie, und sie nichtweniger gegen ihn; allein ihre Reize hatten ihre größte Machtverloren, und er fühlte bald, daß selten bei ihr etwas aus demHerzen kam, daß sie vielmehr nach Belieben zärtlich und kalt,reizend und abstoßend, angenehm und launisch seyn konnte.Sein Gemüth machte sich nach und nach von ihr los, und erentschloß sich auch noch die letzten Fäden entzweizureißen.

Diese Operation war schmerzhafter, als er sich vorgestellthatte. Er fand sie eines Tages allein und nahm sich ein Herz,sie an ihr gegebenes Wort zu erinnern und jene Augenblicke ihrin's Gedächtniß zurückzurufen, in denen sie beide, durch daszarteste Gefühl gedrungen, eine Abrede aus ihr künftiges Lebengenommen hatten. Sie war freundlich, ja man kann fast sagen,zärtlich; er ward weicher und wünschte in diesem Augenblicke,daß alles anders seyn möchte, als er sich vorgestellt hatte. Dochnahm er sich zusammen und trug ihr die Geschichte seines bevor-stehenden Etablissements mit Ruhe und Liebe vor. Sie schiensich darüber zu freuen und gewifsermaaßen nur zu bedauern,daß dadurch ihre Verbindung weiter hinausgeschoben werde; siegab zu erkennen, daß sie nicht die mindeste Lust habe, die Stadtzu verlassen; sie ließ ihre Hoffnung sehen, daß er sich durcheinige Jahre Arbeit in jenen Gegenden in den Stand setzenkönnte, auch unter seinen jetzigen Mitbürgern eine große Figurzu spielen; sie ließ ihn nicht undeutlich merken, daß sie von ihmerwarte, daß er künftig noch weiter als sein Vater gehen undsich in allem noch ansehnlicher und reichlicher zeigen werde.

Nur zu sehr fühlte Ferdinand, daß er von einer solchen Ver-bindung kein Glück zu erwarten habe; und doch war es schwer,so vielen Reizen zu entsagen. Ja vielleicht wäre er ganz un-schlüssig von ihr weggegangen, hätte ihn nicht der Vetter abge-löst, und in seinem Betragen allzuviel Vertraulichkeit gegen