Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Unterhaltungen deutscher Ausqeivanderten,

Endigt sich mein Reich? fragte der silberne König.

Spät oder nie, versetzte der Alte.

Mit einer starken Stimme fing der eherne König an zufragen: Wann werde ich aufstehen?

Bald, versetzte der Alte.

Mit wem soll ich mich verbinden? fragte der König.

Mit deinen älteren Brudern, sagte der Alte.

Was wird aus dem jüngsten werden? fragte der König.

Er wird sich setzen, sagte der alte.

Ich bin nicht müde, rief der vierte König mit einer rauhen,stotternden Stimme.

Die Schlange war, indessen jene redeten, in dem Tempelleise herumgeschlichen, hatte alles betrachtet und besah nun-mehr den vierten König in der Nähe. Er stand an eine Säulegelehnt, und seine ansehnliche Gestalt war eher schwerfällig alsschön. Allein das Metall, woraus er gegossen war, konnteman nicht unterscheiden. Genau betrachtet war es eine Mi-schung der drei Metalle, aus denen seine Brllder gebildet waren.Aber beim Gusse schienen diese Materien nicht recht zusammen-geschmolzen zu seyn; goldene und silberne Adern liefen unregel-mäßig durch eine eherne Masse hindurch und gaben dem Bildeein unangenehmes Ansehen.

Indessen sagte der goldene König zum Manne: Wie vielGeheimnisse weißt du?

Drei, versetzte der Alte.

Welches ist das wichtigste? fragte der silberne König.

Das offenbare, versetzte der Alte.

Willst du es auch uns eröffnen? fragte der eherne.

Sobald ich das vierte weiß, sagte der Alte.

Was kümmert'« mich! murmelte der zusammengesetzteKönig vor sich hin.

Ich weiß das vierte, sagte die Schlange, näherte sich demAlten und zischte ihm etwas in's Ohr.

Es ist an der Zeit! rief der Alte mit gewaltiger Stimme.

Der Tempel schallte wieder, die metallenen Bildsäulenklangen, und in dem Augenblicke versank der Alte nach Westenund die Schlange nach Osten, und jedes durchstrich mit großerSchnelle die Klüfte der Felsen.

Alle Gänge, durch die der Alte hindurchwandeltc, fülltensich hinter ihm sogleich mit Gold; denn seine Lampe hatte diewunderbare Eigenschaft, alle Steine in Gold, alles Holz inSilber, todte Thiere in Edelsteine zu verwandeln und alleMetalle zu zernichten; diese Wirkung zu äußern, mußte sieaber ganz allein leuchten; wenn ein ander Licht neben ihr war,wirkte sie nur einen schönen hellen Schein, und alles Lebendigeward immer durch sie erquickt.

Der Alte trat in feine Hütte, die an dem Berge angebautwar, und fand sein Weib in der größten Betrübniß; sie saßam Feuer und weinte und konnte sich nicht zufrieden geben.Wie unglücklich bin ich! rief sie aus; wollte ich dich heute dochnicht fortlassen I

Was giebt es denn? fragte der Alte ganz ruhig.

Kaum bist du weg, sagte sie mit Schluchzen, so kommenzwei ungestüme Wanderer vor die Thüre: unvorsichtig lasseich sie herein; e,s schienen ein paar artige, rechtliche Leute; siewaren in leichte Flammen gekleidet, man hätte sie für Irr-lichter halten können. Kaum sind sie im Hause, so fangensie an, auf eine unverschämte Weise mir mit Worten zu

schmeicheln, und werden so zudringlich, daß ich mich schämedaran zu denken.

Nun, versetzte der Mann lächelnd, die Herren haben wohlgescherzt; denn deinem Alter nach sollten sie es wohl bei derallgemeinen Höflichkeit gelassen haben.

Was Alter! Alter! rief die Frau: soll ich immer vonmeinem Alter hören? Wie alt bin ich denn? Gemeine Höf-lichkeit! Ich weiß doch, was ich weiß. Und sieh dich nur um,wie die Wände aussehen; sieh nur die alten Steine, die ichseit hundert Jahren nic^t mehr gesehen habe: alles Gold habensie heruntergeleckt, du glaubst nicht, mit welcher Behendigkeit,und sie versicherten immer, es schmecke viel besser als gemeinesGold. Als sie die Wände rein gefegt hatten, schienen sie sehrgutes Muthes, und gewiß, sie waren auch in kurzer Zeit sehrviel größer, breiter und glänzender geworden. Nun fingen sieihren Muthwillen von neuem an, streichelten mich wieder,hießen mich ihre Königin, schüttelten sich und eine MengeGoldstücke sprangen herum; du siehst noch, wie sie dort unterder Bank leuchten. Aber welch ein Unglück! unser Mops fraßeinige davon, und sieh da liegt er am Kamine todt, das armeThier! ich kann mich nicht zufrieden geben. Ich sah es erst,da sie fort waren; denn sonst hätte ich nicht versprochen, ihreSchuld beim Fährmann abzutragen.

Was sind sie schuldig? fragte der Alte.

Drei Kohlhäupter, sagte die Frau, drei Artischocken unddrei Zwiebeln; wenn es Tag wird, habe ich versprochen, sieau den Fluß zu tragen.

Du kannst ihnen den Gefallen thun, sagte der Alte; dennsie werden uns gelegentlich auch wieder dienen.

Ob sie uns dienen werden, weiß ich nicht; aber versprochenund betheuert haben sie es.

Indessen war das Feuer im Kainine zusammengebranut;der Alte überzog die Kohlen mit vieler Asche, schaffte die leuch-tenden Goldstücke bei Seite, und nun leuchtete sein Läinpchenwieder allein in dem schönsten Glänze; die Mauern überzogensich mit Gold und der Mops war zu dem schönsten Onyx ge-worden , den nian sich denken konnte. Die Abwechslung derbraunen und schwarzen Farbe des kostbaren Gesteins machteihn zum seltensten Kunstwerke.

Nimm deinen Korb, sagte der Alte, und stelle den Onyxhinein; alsdann nimm die drei Kohlhäupter, die drei Arti-schocken und die drei Zwiebeln, lege sie umher und trage siezum Flusse. Gegen Mittag laß dich von der Schlange über-setzen und besuche die schöne Lilie; bring' ihr den Onyx, siewird ihn durch ihre Berührung lebendig machen, wie sie allesLebendige durch ihre Berührung tödtet; sie wird einen treuenGefährten an ihm haben. Sage ihr, sie solle nicht trauern:ihre Erlösung sey nahe; das größte Unglück könne sie als dasgrößte Glück betrachten; denn es sey an der Zeit.

Die Alte packte ihren Korb und machte sich, als es Tagwar, auf den Weg. Die aufgehende Sonne schien hell überden Fluß herüber, der in der Ferne glänzte; das Weib gingmit langsamem Schritt; denn der Korb drückte sie auf's Haupt,und es war doch nicht der Onyx, der so lastete. Alles Todte,was sie trug, fühlte sie nicht, vielmehr hob sich alsdann derKorb in die Höhe und schwebte über ihrem Haupte; aber einfrisches Gemüse oder ein kleines lebendiges Thier zu tragen,war ihr äußerst beschwerlich. Verdrießlich war sie eine Zeit