6
Aus meinem Leben.
Mit vieler Begierde vernahm der Knabe sodann, was ihmdie Seinigen, so wie ältere Verwandte und Bekannte gernerzählten und wiederholten, die Geschichten der zuletzt kurz aufeinander gefolgten Krönungen: denn es war kein Frankfurtervon einem gewissen Alter, der nicht diese beiden Ereignisse, undwas sie begleitete, für den Gipfel seines Lebens gehalten hätte.So Prächtig die Krönung Carl's des Siebenten gewesen war,bei welcher besonders der Französische Gesandte mit Kosten undGeschmack herrliche Feste gegeben, so war doch die Folge fürden guten Kaiser desto trauriger , der seine Residenz Münchennicht behaupten konnte und gewissermaaßen die Gastfreiheitseiner Reichsstädter anflehen mußte.
War die Krönung Franz des Ersten nicht so auffallendprächtig wie jene, so wurde sie doch durch die Gegenwart derKaiserin Maria Theresia verherrlicht, deren Schönheit eben soeinen großen Eindruck auf die Männer scheint gemacht zu haben,als die ernste, würdige Gestalt und die blauen Augen Carl'sdes Siebenten auf die Frauen. Wenigstens wetteiferten beideGeschlechter, dem aufhorchenden Knaben einen höchst vorthcil-haften Begriff von jenen beiden Personen beizubringen. Allediese Beschreibungen und Erzählungen geschahen mit heitermund beruhigtem Gemüth; denn der Aachener Friede hatte fürden Augenblick aller Fehde ein Ende gemacht, und wie vonjenen Feierlichkeiten, so sprach man mit Behaglichkeit von denvorübergegangenen Kriegszügen, von der Schlacht bei Dct-tingen, und was die merkwürdigsten Begebenheiten der ver-flossenen Jahre mehr seyn mochten; und alles Bedeutende undGefährliche schien, wie es nach einem abgeschlossenen Friedenzu gehen pflegt, sich nur ereignet zu haben, um glücklichen undsorgenfreien Menschen zur Unterhaltung zu dienen.
Hatte man in einer solchen patriotischen Beschränkung kaumein halbes Jahr hingebracht, so traten schon die Messen wiederein, welche in den sämmtlichen Kinderköpfen jederzeit eine un-glaubliche Währung hervorbrachten. Eine durch Erbauung sovieler Buden innerhalb der Stadt in weniger Zeit entspringendeneue Stadt, das Wogen und Treiben, das Abladen und Aus-packen der Waaren, erregte von den ersten Momenten des Be-wußtseyns an eine unbezwinglich thätige Neugierde und einnnbegränztes Verlangen nach kindischem Besitz, das der Knabemit wachsenden Jahren bald auf diese, bald auf jene Weise,wie es die Kräfte seines kleinen Beutels erlauben wollten, zubefriedigen suchte. Zugleich aber bildete sich die Vorstellung vondem, was die Welt alles hervorbringt, was sie bedarf und wasdie Bewohner ihrer verschiedenen Theile gegen einander aus-wechseln.
Diese großen, im Frühjahr und Herbst eintretenden Epochenwurden durch seltsame Feierlichkeiten angekündigt, welche umdesto würdiger schienen, als sie die alte Zeit, und was von dorther noch auf uns gekommen, lebhaft vergegenwärtigten. AmGeleitstag war das ganze Volk aus den Beinen, drängte sichnach derFahrgasse, nach der Brücke, bis über Sachsenhausenhinaus; alle Fenster waren besetzt, ohne daß den Tag überwas Besonderes vorging; die Menge schien nur da zu seyn, umsich zu drängen, und die Zuschauer, um sich unter einander zubetrachten; denn das, worauf es eigentlich ankam, ereignete sicherst mit sinkender Nacht, und wurde mehr geglaubt als mitAugen gesehen.
In jenen ältern unruhigen Zeiten nämlich, wo ein jeder
nach Belieben Unrecht that, oder nach Lust das Recht beförderte,wurden die auf die Messen ziehenden Handelsleute von Wege-lagerern, edeln und unedeln Geschlechts, willkürlich geplagtund geplackt, so daß Fürsten und andere mächtige Stände dieIhrigen mit gewafsneter Hand bis nach Frankfurt geleitenließen. Hier wollten nun aber die Reichsstädter sich selbst undihrem Gebiet nichts vergeben; sie zogen den Ankömmlingenentgegen: da gab.es denn manchmal Streitigkeiten, wie weitjene Geleitenden herankommen, oder ob sie wohl gar ihrenEintritt in die Stadt nehmen könnten. Weil nun dieses nichtallein bei Handels- und Meßgeschäften stattfand, sondern auchwenn hohe Personen in Kriegs- und Friedenszeiten, vorzüglichaber zu Wahltagen, sich heranbegaben, und es auch öfters zuThätlichkeiten kam, sobald irgend ein Gefolge, das man in derStadt nicht dulden wollte, sich mit seinem Herrn hereinzu-drängen begehrte: so waren zeither darüber manche Verhand-lungen gepflogen, es waren viele Accesse deßhalb, obgleich stetsmit beiderseitigen Vorbehalten, geschloffen worden, und mangab die Hoffnung nicht auf, den seit Jahrhunderten dauerndenZwist endlich einmal beizulegen, als die ganze Anstalt, weßhalber so lange und oft sehr heftig geführt worden war, beinah fürunnütz, wenigstens für überflüssig angesehen werden konnte.
Unterdessen ritt die bürgerliche Cavallerie in mehreren Ab-theilungen, mit den Oberhäuptern an ihrer Spitze, an jenenTagen zu verschiedenen Thoren hinaus, fand an einer gewissenStelle einige Reiter oder Husaren der zum Geleit berechtigtenReichsstände, die nebst ihren Anführern wohl empfangen undbewirthet wurden: man zögerte bis gegen Abend, und ritt als-dann, kaum von der wartenden Menge gesehen, zur Stadtherein; da denn mancher bürgerliche Reiter weder sein Pferd,noch sich selbst auf dem Pferde zu erhalten vermochte. Zu demBrückenthore kamen die bedeutendsten Züge herein, und deß-wegen war der Andrang dorthin am stärksten. Ganz zuletztund mit sinkender Nacht langte der auf gleiche Weise geleiteteNürnberger Postwagen an, und man trug sich mit der Rede,es müsse jederzeit, dem Herkommen gemäß, eine alte Frau darinsitzen; weßhalb denn die Straßenjungen bei Ankunft des Wagensin ein gellendes Geschrei auszubrechen pflegten, ob man gleichdie im Wagen sitzenden Passagiere keineswegs mehr unterscheidenkonnte. Unglaublich und wirklich die Sinne verwirrend warder Drang der Menge, die in diesem Augenblick durch dasBrückenthor herein dem Wagen nachstürzte; deßwegen auch dienächsten Häuser von den Zuschauern am meisten gesucht wurden.
Eine andere, noch viel seltsamere Feierlichkeit, welche amhellen Tage das Publicum aufregte, war das Pfeifergericht.Es erinnerte diese Ceremonie an jene ersten Zeiten, wo be-deutende Handelsstädte sich von den Zöllen, welche mit Handelund Gewerb in gleichem Maaße zunahmen, wo nicht zu be-freien, doch wenigstens eine Milderung derselben zu erlangensuchten. Der Kaiser, der ihrer bedurfte, ertheilte eine solcheFreiheit, da wo es von ihm abhing, gewöhnlich aber nur aufein Jahr, und sie mußte daher jährlich erneuert werden. Diesesgeschah durch symbolische Gaben, welche dem kaiserlichen Schult-heißen, der auch wohl gelegentlich Overzöllner seyn konnte, vorEintritt der Bartholomäimeffe gebracht wurden, und zwar desAnstands wegen, wenn er mit den Schöffen zu Gericht saß.Als der Schultheiß späterhin nicht mehr vom Kaiser gesetzt,sondern von der Stadt selbst gewählt wurde, behielt er doch