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A»s meinem Leben.
berichtigen und zu ergänzen. Nicht weniger hatte er sich mit dennöthigsten Hülfsmitteln umgeben, mit Wörterbüchern aus ver-schiedenen Sprachen, mit Reallexiken, daß man sich also nachBelieben Raths erholen konnte, so wie mit manchem andern,was zum Nutzen und Vergnügen gereicht.
Die andere Hälfte dieser Büchersammlung, in saubernPergamentbänden mit sehr schön geschriebenen Titeln, wardin einem besondern Mansardzimmer ausgestellt. Das Nach-schaffen der neuen Bücher, so wie das Binden und Einreihenderselben, betrieb er mit großer Gelassenheit und Ordnung.Dabei hatten die gelehrten Anzeigen, welche diesem oder jenemWerk besondere Vorzüge beilegten, auf ihn großen Einfluß.Seine Sammlung juristischer Dissertationen vermehrte sichjährlich um einige Bände.
Zunächst aber wurden die Gemälde, die sonst in dem altenHause zerstreut herumgehangen, nunmehr zusammen an denWänden eines freundlichen Zimmers neben der Studirstubc,alle in schwarzen, mit goldenen Stäbchen verzierten Rahmen,symmetrisch angebracht. Mein Vater hatte den Grundsatz, dener öfters und sogar leidenschaftlich aussprach, daß man dielebenden Meister beschäftigen, und weniger auf die abgeschie-denen wenden solle, bei deren Schätzung sehr viel Borurtheilmit unterlaufe. Er hatte die Vorstellung, daß es mit den Ge-mälden völlig wie mit den Rheinweinen beschaffen sey, die,wenn ihnen gleich das Alter einen vorzüglichen Werth beilege,dennoch in jedem folgenden Jahre eben so vortrefflich als in denvergangenen könnten hervorgebracht werden: nach Verlaufeiniger Zeit werde der neue Wein auch ein alter, eben so kostbarund vielleicht noch schmackhafter. In dieser Meinung bestätigteer sich vorzüglich durch die Bemerkung, daß mehrere alte Bilderhauptsächlich dadurch für die Liebhaber einen großen Werth zuerhalten schienen, weil sie dunkler und bräuner geworden, undder harmonische Ton eines solchen Bildes öfters gerühmt wurde.Mein Vater versicherte dagegen, es sey ihm gar nicht bange,daß die neuen Bilder künftig nicht auch schwarz werden sollten;daß sie aber gerade dadurch gewönnen, wollte er nicht zugestehen.
Nach diesen Grundsätzen beschäftigte er mehrere Jahre hin-durch die sämmtlichen Frankfurter Künstler: den Maler Hirth,welcher Eichen- und Buchenwälder und andere sogenannte länd-liche Gegenden sehr wohl mit Vieh zu staffiren wußte; deß-gleichen Traut mann, der sich den Rembrandt zum Mustergenommen, und es in eingeschlossenen Lichtern und Wieder-scheinen, nicht weniger in effectvollen Feuersbrünsten weit ge-bracht hatte, so daß er einstens aufgefordert wurde, einenPendant zu einem Rembrandtschen Bilde zu malen; fernerSchütz: der auf dem Wege des Sachtleben's die Rhein-gegenden fleißig bearbeitete; nicht weniger Junkern, derBlumen- und Fruchtstücke, Stillleben und ruhig beschäftigtePersonen nach dem Vorgang der Niederländer sehr reinlichausführte. Nun aber ward durch die neue Ordnung, durcheinen bequemern Raum, und noch mehr durch die Bekanntschafteines geschickten Künstlers die Liebhaberei wieder angefrischt undbelebt. Dieses war Seekatz, ein Schülervon Brinckmann,Darmstädtischer Hofmaler, dessen Talent und Charakter sichin der Folge vor uns umständlicher entwickeln wird.
Man schritt auf diese Weise mit Vollendung der übrigenZimmer nach ihren verschiedenen Bestimmungen weiter. Rein-lichkeit und Ordnung herrschten im ganzen; vorzüglich trugen
große Spiegelscheiben das Ihrige zu einer vollkommenen Hellig-keit bei, die in dem alten Hause aus mehrern Ursachen, zunächtaber auch wegen meist runder Fensterscheiben, gefehlt hatte.Der Vater zeigte sich heiter, weil ihm alles gut gelungen wcr,und wäre der gute Humor nicht manchmal dadurch unterbrockenworden, daß nicht immer der Fleiß und die Genauigkeit verHandwerker seinen Forderungen entsprachen, so hätte nankein glücklicheres Leben denken können, zunial da manches Kut;theils in der Familie selbst entsprang, theils ihr von außen zifloß.
Durch ein außerordentliches Weltereigniß wurde jed'ch dieGemüthsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert.Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbebm vonLissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruke schoneingewöhnte Welt einen ungeheuern Schrecken. Eine große,prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wirdungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erdebebt und schwankt, das Meer braus't auf, die Schifte schlagenzusammen, dieHäuser stürzen ein, Kirchen und Thürme darüberher, der königliche Palast zum Theil wird vom Meere ver-schlungen , die geborstene Erde scheint Flammen zu speien; dennüberall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinm. Sechzig-tausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und be-haglich, gehen mit einander zu Grunde, und der glücklichstedarunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Be-sinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammenwüthen fort, und mit ihnen wüthet eine Schaar sonst verbor-gener oder durch dieses Ereigniß in Freiheit gesetzter Verbrecher.Die unglücklichen Uebriggebliebenen sind dem Raube, demMorde, allen Mißhandlungen bloßgestellt; und so behauptetvon allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür.
Schneller als die Nachrichten hatten schor Andeutungen vondiesem Vorfall sich durch große Landstrecken verbreitet; an vielenOrten waren schwächere Erschütterungen zu verspüren, anmanchen Quellen, besonders den heilsamen, ein ungewöhnlichesInnehalten zu bemerken gewesen: um desto größer war dieWirkung der Nachrichten selbst, welche erst im allgemeinen,dann aber mit schrecklichen Einzelheiten sich rasch verbreiteten.Hierauf ließen es die Gottesfiirchtigen nicht an Betrachtungen,die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten dieGeistlichkeit nicht fehlen. So vieles zusammen richtete die Auf-merksamkeit der Welt eine Zeit lang aus diesen Punkt, und diedurch fremdes Unglück aufgeregten Gemüther wurden durchSorgen für sich selbst und die Ihrigen um so mehr geängstigt,als über die weitverbreitete Wirkung dieser Explosion von allenOrten und Enden immer mehrere und umständlichere Nach-richten einliefen. Ja vielleicht hat der Dämon des Schreckenszu keiner Zeit so schnell und so mächtig seine Schauer über dieErde verbreitet.
Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen mußte,war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und ErhalterHimmels und der Erden, den ihm die Erklärung des erstenGlaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, in-dem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderbenpreisgab, keineswegs väterlich bewiesen. Vergebens suchte dasjunge Gemüth sich gegen diese Eindrücke herzustellen, welchesüberhaupt um so weniger möglich war, als die Weisen undSchriftgelehrten selbst sich über die Art, wie man ein solchesPhänomen anzusehen habe, nicht vereinigen konnten.