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Aus meinem Leben.
der theoretischen Behandlung der Aufgaben zu der poetischenüberzugehen.
Wir Knaben hatten eine sonntägliche Zusammenkunft, wojeder von ihm selbst verfertigte Verse produciren sollte. Undhier begegnete mir etwas Wunderbares, was mich sehr lang inUnruh setzte. Meine Gedichte, wie sie auch seyn mochten,mußte ich immer für die bessern halten. Allein ich bemerktebald, daß meine Mitwerber, welche sehr lahme Dinge vor-brachten, in dem gleichen Falle waren und sich nicht wenigerdünkten; ja was mir noch bedenklicherschien, ein guter, obgleichzu solchen Arbeiten völlig unfähiger Knabe, dem ich übrigensgewogen war, der aber seine Reime sich vom Hofmeister machenließ, hielt diese nicht allein für die allerbesten, sondern warvöllig überzeugt, er habe sie selbst gemacht; wie er mir, in demvertrautem Verhältniß, worin ich mit ihm stand, jederzeit auf-richtig behauptete. Da ich nun solchen Irrthum und Wahnsinnoffenbar vor mir sah, fiel es mir eines Tages auf's Herz, ob ichmich vielleicht selbst in dem Falle befände, ob nicht jene Gedichtewirklich bester seyen als die meinigen, und ob ich nicht mit Rechtjenen Knaben eben so toll als sie mir vorkommen möchte? Diesesbeunruhigte mich sehr und lauge Zeit: denn es war mir durch-aus unmöglich, ein äußeres Kennzeichen der Wahrheit zu finden;ja ich stockte sogar in meinen Hervorbringungen, bis mich endlichLeichtsinn und Selbstgefühl und zuletzt eine Probearbeit beruhig-ten, die uns Lehrer und Eltern, welche auf unsere Scherze auf-merksam geworden, aus dem Stegreis aufgaben, wobei ich gutbestand und allgemeines Lob davontrug.
Man hatte zu der Zeit noch keine Bibliotheken für Kinderveranstaltet. Die Alten hatten selbst noch kindliche Gesinnungen,und fanden es bequem, ihre eigene Bildung der Nachkommen-schaft mitzutheilen. Außer dem Orkus pietns des Amos Co-menins kam uns kein Buch dieser Art in die Hände; aber diegroße Foliobibel, mit Kupfern von Merian, ward häufig vonuns durchblättert; Gottfried's Chronik, mit Kupfern desselbenMeisters, belehrte uns von den merkwürdigsten Fällen der. Welt-geschichte; die ^oerru xiiiloloFieu that noch allerlei Fabeln,Mythologien und Seltsamkeiten hinzu: und da ich gar bald dieOvidischen Verwandlungen gewahr wurde, und besonders dieersten Bücher fleißig studirte, so war mein junges Gehirn schnellgenug mit einer Masse von Bildern und Begebenheiten, vonbedeutenden und wunderbaren Gestalten und Ereignissen ange-füllt, und ich konnte niemals Langeweile haben, indem ich michimmerfort beschäftigte, diesen Erwerb zu verarbeiten, zu wieder-holen , wieder hervorzubringen.
Einen frömmern, sittlichem Effect, als jene mitunter rohenund gefährlichen Alterthllmlichkeiten, machte Fenelon's Telemach,den ich erst nur in der Neukirchischen Uebersetzung kennen lernte,und der, auch so unvollkommen überliefert, eine gar süße undwohlthätige Wirkung auf mein Gemüth äußerte. Daß RobinsonCrusoe sich zeitig angeschlossen, liegt wohl in der Natur derSache; daß die Insel Felsenburg nicht gefehlt habe, läßt sichdenken. Lord Anson's Reise um die Welt verband das Würdigeder Wahrheit mit dem Phantasiereichen des Mährchen" undindem wir diesen trefflichen Seemann mit den Gedanken beglei-teten, wurden wir weit in alle Welt hinausgeführt, und versuchtenihm mit unsern Fingern auf dem Globus zu folgen. Nun solltemir auch noch eine reichlichere Ernte bevorstehen, indem ich aneine Masse Schriften gerieth, die zwar in ihrer gegenwärtigen
Gestalt nicht vortrefflich genannt werden können, boren Inhaltjedoch uns manches Verdienst voriger Zeiten in einer unschuldigenWeise näher bringt.
Der Verlag oder vielmehr die Fabrik jener Bücher, welchein der folgenden Zeit unter dem Titel Volksschristen,Volksbücher bekannt und sogar berühmt geworden, war inFrankfurt selbst, und sie wurden wegen des großen Abgangsmit stehenden Lettern auf das schrecklichste Löschpapier fast un-leserlich gedruckt. Wir Kinder halten also das Glück, diese schätz-baren Ueberreste der Mittelzeit auf einem Tischchen vor derHausthüre eines Büchertrödlers täglich zu finden, und sie unsfür ein paar Kreuzer zuzueignen. Der Eulenspiegel, die vierHaimonskinder, die schöne Melusine, der Kaiser Octavian, dieschöne Magelone, Fortunatus, mit der ganzen Sippschaft bis aufden ewigen Juden, alles stand uns zu Diensten, sobald uns ge-lüstete, nach diesen Werken anstatt nach irgend einer Naschereizu greifen. Der größte Vortheil dabei war, daß, wenn wir einsolches Heft zerlesen oder sonst beschädigt hatten, es bald wiederangeschafft und auf's neue verschlungen werden konnte.
Wie eine Familienspazierfahrt im Sommer durch ein plötz-liches Gewitter auf eine höchst verdrießliche Weise gestört, undein froher Zustand in den widerwärtigsten verwandelt wird, sofallen auch die Kinderkrankheiten unerwartet in die schönsteJahrszeit des Frühlebens. Mir erging es auch nicht anders.Ich hatte mir eben den Fortunatus mit seinem Seckel undWünschhütlein gekauft, als mich ein Mißbehagen und ein Fieberüberfiel, wodurch die Pocken sich ankündigten. Die Einimpfungderselben ward bei uns noch immer für sehr problematisch ange-sehen, und ob sie gleich populäre Schriftsteller schon faßlich undeindringlich empfohlen, so zauderten doch die deutschen Aerztemit einer Operation, welche der Natur vorzugreifen schien.Speculirende Engländer kamen daher auf's feste Land, undimpften gegen ein ansehnliches Honorar die Kinder solcher Per-sonen , die sie wohlhabend und frei von Vornrtheil fanden. DieMehrzahl jedoch war noch immer dem alten Unheil ausgesetzt;die Krankheit wüthete durch die Familien, tödtete und entstellteviele Kinder, und wenige Eltern wagten es, nach einem Mittelzu greifen, dessen wahrscheinliche Hülfe doch schon durch denErfolg mannichsaltig bestätigt war. Das Uebel betraf nun auchunser Hans und überfiel mich mit ganz besonderer Heftigkeit.Der ganze Körper war mit Blattern übersäet, das Gesicht zu-gedeckt, und ich lag mehrere Tage blind und in großen Leiden.Man suchte die möglichste Linderung und versprach mir goldeneBerge, wenn ich mich ruhig verhalten und das Uebel nicht durchReiben und Kratzen vermehren wollte. Ich gewann es übermich; indessen hielt man uns, nach herrschendem Vornrtheil,so warm als möglich, und schärfte dadurch nur das Uebel.Endlich, nach traurig verflossener Zeit, fiel es mir wie eineMaske vom Gesicht, ohne daß die Blattern eine sichtbare Spurauf der Haut zurückgelassen; aber die Bildung war merklichverändert. Ich selbst war zufrieden, nur wieder das Tageslichtzir sehen und nach und nach die fleckige Haut zu verlieren:aber andere waren unbarmherzig genug, mich öfters an denvorigen Zustand zu erinnern; besonders eine sehr lebhafteTante, die früher Abgötterei mit mir getrieben hatte, konntemich, selbst noch in spätern Jahren, selten ansehen, ohne aus-zurufen: Pfui Teufel! Vetter, wie garstig ist er geworden.Dann erzählte sie mir umständlich, wie sie sich sonst an mir