Wahrheit und Dichtung.
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denn eigentlich sein Beichtvater sey? Mit Heiterkeit und Ver« ^ der Hand; er stellte die Räucherkerzchen unmittelbar auf dietrauen auf seine gute Sache erwiederte jener: Ich.habe einen ^obere Fläche des Musikpultes; sie wurden angezündet und diesehr vornehmen; es ist niemand geringeres als der Beichtvater^ Andacht war so groß, daß der Priester nicht merkte, welchen
des Königs David.
Dieses und dergleichen mag wohl Eindruck auf den Knabengemacht und ihn zu ähnlichen Gesinnungen aufgefordert haben.Genug, er kam auf den Gedanken, sich dem großen Gölte derNatur, dem Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden,dessen frühere Zornänßerungcn schon lange über die Schönheitder Welt und das mannichfaltige Gute, das uns darin zu Theilwird, vergessen waren, unmittelbar zu nähern; der Weg dazuaber war sehr sonderbar.
Der Knabe hatte sich überhaupt an den ersten Glaubens-artikel gehalten. Der Gott, der mit der Natur in unmittel-barer Verbindung stehe, sie als sein Werk anerkenne und liebe,dieser schien ihm der eigentliche Gott, der ja wohl auch mit demMenschen wie mit allem übrigen in ein genaueres Verhältnißtreten könne, und für denselben eben so wie für die Bewegungder Sterne, für Tags- und Jahrszeiten, für Pflanzen undThiere Sorge tragen werde. Einige Stellen des Evangeliumsbesagten dieses ausdrücklich. Eine Gestalt konnte der Knabediesem Wesen nicht verleihen; er suchte ihn also in seinen Wer-ken auf, und wollte ihm auf gut alttestamentliche Weise einenAltar errichten. Naturprodukte sollten die Welt im Gleichnißvorstellen; über diesen sollte eine Flamme brennen und das zuseinem Schöpfer sich aufsehnende Gemüth des Menschen be-deuten. Nun wurden aus der vorhandenen und zufällig ver-mehrten Naturaliensammlung die besten Stufen und Exemplareherausgesucht; allein wie solche zu schichten und aufzubauenseyn möchten, das war nun die Schwierigkeit. Der Vaterhatte einen schönen, rothlackirten, goldgeblümten Musikpult,in Gestalt einer vierseitigen Pyramide mit verschiedenen Ab-stufungen, den man zu Quartetten sehr bequem fand, ob ergleich in der letzten Zeit nur wenig gebraucht wurde. Dessenbemächtigte sich der Knabe, und baute nun stufenweise die Ab-geordneten der Natur über einander, so daß es recht heiter undzugleich bedeutend genug aussah. Nun sollte bei einem frühenSonnenaufgang die erste Gottesverehrung angestellt werden;nur war der junge Priester nicht mit sich einig, aufweicheWeise er eine Flamme hervorbringen sollte, die doch auch zugleicher Zeit einen guten Geruch von sich geben müsse. Endlichkam ihm ein Einfall, beides zu verbinden, indem er Räucher-kerzchen besaß, welche, wo nicht flammend, doch glimmend denangenehmsten Geruch verbreiteten. Ja dieses gelinde Ver-brennen und Verdampfen schien noch mehr das, was im Ge-müthe vorgeht, auszudrücken, als eine offene Flamme. DieSonne war schon längst aufgegangen, aber Nachbarhäuser ver-deckten den Osten. Endlich erschien sie über den Dächern;sogleich ward ein Brennglas zur Hand genommen, und die ineiner schönen Porzellanschale auf dem Gipfel stehenden Räucher-kerzchen angezündet. Alles gelang nach Wunsch, und die An-dacht war vollkommen. Der Altar blieb als eine besondereZierde des Zimmers, das man ihm im neuen Hause einge-räumt hatte, stehen. Jedermann sah darin nur eine wohlaufgeputzte Naturaliensammlung; der Knabe hingegen wußtebesser, was er verschwieg. Er sehnte sich nach der Wieder-holung jener Feierlichkeit. Unglücklicherweise war eben, alsdie gelegenste Sonne hervorstieg, die Porzeliautasse nicht bei
Schaden sein Opfer anrichtete, als bis ihm nicht mehr abzu-helfen war. Die Kerzcheu hatten sich nämlich in den rothenLack und in die schönen goldenen Blumen auf eine schmählicheWeise eingebrannt, und gleich als wäre ein böser Geist ver-schwunden, ihre schwarzen unauslöschlichen Fußstapfen zurück-gelassen. Hierüber kam der junge Priester in die äußerste Ver-legenheit. Zwar wußte er den Schaden durch die größtenPrachtstufen zu bedecken, allein der Muth zu neuen Opfernwar ihm vergangen; und fast möchte man diesen Zufall als eineAndeutung und Warnung betrachten, wie gefährlich es über-haupt sey, sich Gott auf dergleichen Wegen nähern zu wollen.
Zweites Such.
Alles bisher Vorgetragene deutet auf jenen glücklichen undgemächlichen Zustand, in welchem sich die Länder währendeines langen Friedens befinden. Nirgends aber genießt maneine solche schöne Zeit wohl mit größerm Behagen als in Städ-ten, die nach ihren eigenen Gesetzen leben, die groß genug sind,eine ansehnliche Menge Bürger zu fassen, und wohl gelegen,um sie durch Handel zu bereichern. Fremde finden ihren Ge-winn, da aus- und einzuziehen, und sind genöthigt Vortheilzu bringen, um Vortheil zu erlangen. Beherrschen solcheStädte auch kein weites Gebiet, so können sie desto mehr imInnern Wohlhäbigkeit bewirken, weil ihre Verhältnisse nachaußen sie nicht zu kostspieligen Unternehmungen oder Theil-nahmen verpflichten.
Auf diese Weise verfloß den Frankfurtern während meinerKindheit eine Reihe glücklicher Jahre. Aber kaum hatte icham 28. August 1756 mein siebentes Jahr zurückgelegt, alsgleich darauf jener weltbekannte Krieg ausbrach, welcher aufdie nächsten sieben Jahre meines Lebens auch großen Einflußhaben sollte. Friedrich der Zweite, König von Preußen, warmit 60,000 Mann in Sachsen eingefallen, und statt einer vor-gängigen Kriegserklärung folgte ein Manifest, wie man sagte,von ihm selbst verfaßt, welches die Ursachen enthielt, die ihnzu einem solchen ungeheuern Schritt bewogen und berechtigt.Die Welt, die sich nicht nur als Zuschauer, sondern auch alsRichter aufgefordert fand, spaltete sich sogleich in zwei Parteien,und unsere Familie war ein Bild des großen Ganzen.
Mein Großvater, der als Schöff von Frankfurt über Franzdem Ersten den Krönungshimmel getragen und von der Kaise-rin eine gewichtige goldene Kette mit ihrem Bildniß erhaltenhatte, war mit einigen Schwiegersöhnen und Töchtern aufOestreichischer Seite. Mein Vater, von Carl dem Siebentenzum kaiserlichen Rath ernannt, und an dem Schicksale diesesunglücklichen Monarchen gemüthlich theilnehmend, neigte sichinit der kleinern Familienhälfte gegen Preußen. Gar baldwurden unsere Zusammenkünfte, die man seit mehreren JahrenSonntags ununterbrochen fortgesetzt hatte, gestört. Die unterVerschwägerten gewöhnlichen Mißhelligkeiten fanden nun ersteine Form, in der sie sich aussprechen konnten. Man stritt,man überwarf sich, man schwieg, man brach los. Der Groß-vater, sonst ein heiterer, ruhiger und bequemer Mann, ward