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Aus meinem Leben
wurden gesondert und aufgestellt, und ich verfehlte nicht, beivorfallenden Auctioncn mir jederzeit einige Aufträge zu Ver-mehrung des Vorhandenen zu erbitten.
Noch einer bedeutenden Familie muß ich gedenken, von derich seit meiner frühesten Jugend viel Sonderbares vernahmund von einigen ihrer Glieder selbst noch manches Wunderbareerlebte; es war die Senckenbergijche. Der Vater, vondem ich wenig zu sagen weiß, war ein wohlhabender Mann.Er hatte drei Söhne, die sich in ihrer Jugend schon durch-gängig als Sonderlinge auszeichneten. Dergleichen wird ineiner beschränkten Stadt, wo sich niemand weder im Gutennoch im Bösen hervorthun soll, nicht zum Besten aufgenommen.Spottnamen und seltsame, sich lang im Gedächtniß erhaltendeMährchen sind meistens die Frucht einer solchen Sonderbar-keit. Der Vater wohnte an der Ecke der Hasengasse, die vondem Zeichen des Hauses, das einen, wo nicht gar drei Hasenvorstellt, den Namen führte. Man nannte daher diese dreiBrllder nur die drei Hasen, welchen Spitznamen sie lange Zeitnicht los wurden. Allein wie große Vorzüge sich oft in derJugend durch etwas Wunderliches und Unschickliches ankündi-gen , so geschah es auch hier. Der älteste war der nachher sorühmlich bekannte Reichshofrath von Senckenberg. Der zweiteward in den Magistrat aufgenommen und zeigte vorzüglicheTalente, die er aber auf eine rabulistische, ja verruchte Weise,wo nicht zum Schaden seiner Vaterstadt, doch wenigstens seinerCollegen in der Folge mißbrauchte. Der dritte Bruder, einArzt und ein Mann von großer Rechtschaffenheit, der aberwenig und nur in vornehmen Häusern Prakticirte, behielt bis insein höchstes Alter immer ein etwas wunderliches Aeußeres. Erwar immer sehr nett gekleidet, und man sah ihn nie anders aufder Straße als in Schuhen und Strümpfen und einer wohl-gepuderten Lockenperrücke, den Hut unterm Arm. Er gingschnell, doch mit einem seltsamen Schwanken vor sich hin, sodaß er bald auf dieser, bald auf jener Seite der Straße sichbefand, und im Gehen ein Zickzack bildete. Spottvögel sagten,er suche durch diesen abweichenden Schritt den abgeschiedenenSeelen aus dem Wege zu gehen, die ihn in gerader Linie wohlverfolgen möchten, und ahme diejenigen nach, die sich vor einemKrokodil fürchten. Doch aller dieser Scherz und manche lustigeNachrede verwandelte sich zuletzt in Ehrfurcht gegen ihn, als erseine ansehnliche Wohnung mit Hof, Garten und allem Zube-hör auf der Eschenheimergasse zu einer medicinischen Stiftungwidmete, wo neben der Anlage eines bloß für FrankfurterBürger bestimmten Hospitals ein botanischer Garten, ein ana-tomisches Theater, ein chemisches Laboratorium, eine ansehn-liche Bibliothek und eine Wohnung für den Director eingerichtetward, auf eine Weise, deren keine Akademie sich hätte schämendürfen.
Ein anderer vorzüglicher Mann, dessen Persönlichkeit nichtsowohl als seine Wirkung in der Nachbarschaft und seine Schrifteneinen sebr bedeutenden Einfluß auf mich gehabt haben, warCarl Friedrich von Moser, der seiner Geschäftsthätigkeitwegen in unserer Gegend immer genannt wurde. Auch er hatteeinen gründlich sittlichen Charakter, der, weil die Gebrechen dermenschlichen Natur ihm wohl manchmal zu schaffen machten,ihn sogar zu den sogenannten Frommen hinzog; und so wollteer, wie von Loen das Hofleben, eben so das Geschäftsleben einergewissenhaftern Behandlung entgegenführen. Die große Anzahl
der kleinen deutschen Höfe stellte eine Menge von Herren undDienern dar, wovon die ersten unbedingten Gehorsam verlangten,und die andern mcistentheils nur nach ihren Ueberzeugungenwirken und dienen wollten. Es entstand daher ein ewiger Con-flict und schnelle Veränderungen und Explosionen, weil dirWirkungen des unbedingten Handels im kleinen viel geschwind»!merklich und schädlich werden als im großen. Viele Häuserwaren verschuldet und kaiserliche Debitcommissionen ernannt;andere fanden sich langsamer oder geschwinder auf demselbenWege, wobei die Diener entweder gewissenlos Vortheil zogenoder gewissenhaft sich unangenehm und verhaßt machten. Moserwollte als Staats- und Geschäftsmann wirken; und hier gabsein ererbtes, bis zum Metier ausgebildetes Talent ihm eineentschiedene Ausbeute; aber er wollte auch zugleich als Menschund Bürger handeln und seiner sittlichen Würde so wenig alsmöglich vergeben. Sein Herr und Diener, sein Danielin der Löwengrube, seine Reliquien schildern durchausdie Lage, in welcher er sich zwar nicht gefoltert, aber doch immergeklemmt fühlte. Sie deuten sämmtlich auf eine Ungeduld ineinem Zustand, mit dessen Verhältnissen man sich nicht versöhnenund den mau doch nicht loswerden kann. Bei dieser Art zudenken und zu empfinden mußte er freilich mehrmals andereDienste suchen, an welchen es ihm seine große Gewandtheit nichtfehlen ließ. Ich erinnere mich seiner als eines angenehmen,beweglichen und dabei zarten Mannes.
Aus der Ferne machte jedoch der Name Klopstock auchschon auf uns eine große Wirkung. Im Anfang wunderte mansich, wie ein so vortrefflicher Mann so wunderlich heißen könne;doch gewöhnte man sich bald daran und dachte nicht mehr andie Bedeutung dieser Sylben. In meines Vaters Bibliothekhatte ich bisher nur die frühern, besonders die zu seiner Zeitnach und nach heraufgekommenen und gerühmten Dichter ge-funden. Alle diese hatten gereimt, und mein Vater hielt denReim für poetische Werke unerläßlich. Canitz, Hagedorn,Drollinger, Gcllert, Creuz, Haller standen in schönenFranzbänden in einer Reihe. An diese schloffen sich Neu kirch'sTelemach, Koppens befreites Jerusalem und andere Ueber-setzungen. Ich hatte diese sämmtlichen Bände von Kindheit auffleißig durchgelesen und theilwcise memorirt, weßhalb ich dennzur Unterhaltung der Gesellschaft öfters aufgerufen wurde. Eineverdrießliche Epoche im Gegentheil eröffnete sich für meinenVater, als durch Klopstock's Messias Verse, die ihm keine Verseschienen, ein Gegenstand der öffentlichen Bewunderung wurden.Er selbst hatte sich wohl gehütet, dieses Werk anzuschaffen; aberunser Hausfreund, Rath Schneider, schwärzte es ein undsteckte es der Mutter und den Kindern zu.
Auf diesen geschäststhätigen Mann, welcher wenig las, hatteder Messias gleich bei seiner Erscheinung einen mächtigenEindruck gemacht. Diese so natürlich ausgedrückten und doch soschön veredelten frommen Gefühle, diese gefällige Sprache, wennman sie auch nur für harmonische Prosa gelten ließ, hatten denübrigens trockenen Geschäftsmann so gewonnen, daß er die zehnersten Gesänge — denn von diesen ist eigentlich die Rede — alsdas herrlichste Erbauungsbuch betrachtete, und solches alle Jahreeinmal in der Charwoche, in welcher er sich von allen Geschäftenzu entbinden wußte, für sich im Stillen durchlas, und sich daranfür's ganze Jahr erquickte. Anfangs dachte er seine Empfin-dungen seinem alten Freunde mitzutheilen; allein er fand sich