Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Au« meinem Leben.

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Ich nahm, wie der Knabe in der Fabel, meine zerfetzteGeburt mit nach Hause und suchte sie wieder herzustellen, abervergebens. Weil ich sie jedoch nicht ganz aufgeben wollte, so ließich aus meinem ersten Manuscript, nach wenigen Veränderungen,eine saubere Abschrift durch unsern Schreibenden anfertigen, dieich denn meinem Vater überreichte und dadurch so viel erlangte,daß er mich nach vollendeten! Schauspiel meine Abendkost eineZeit lang ruhig verzehren ließ.

Dieser mißlungene Versuch hatte mich nachdenklich gemacht,und ich wollte nunmehr diese Theorien, diese Gesetze, aus diesich jedermann berief, und die mir besonders durch die Unartmeines anmaßlichen Meisters verdächtig geworden waren, un-mittelbar an den Quellen kennen lernen, welches mir zwarnicht schwer, doch mühsam wurde. Ich las zunächst Corneille'«Abhandlung über die drei Einheiten, und ersah wohl daraus,wie man es haben wollte; warum man es aber so verlangte,ward mir keineswegs deutlich, und was das Schlimmste war,ich gerietst sogleich in noch größere Verwirrung, indem ich michmit den Händeln über den Cid bekannt machte und die Vor-reden las, in welchen Corneille und Racine sich gegen Kritikerund Pnblicnm zu vertheidigen genöthigt sind. Hier sah ichwenigstens aus das deutlichste, daß kein Mensch wußte, was erwollte, daß ein Stück wie Cid, das die herrlichste Wirkunghervorgebracht, auf Befehl eines allmächtigen Cardinals solltefür schlecht erklärt werden, daß Racine, der Abgott der zu meinerZeit lebenden Franzosen, der nun auch mein Abgott gewordenwar denn ich hatte ihn näher kennen lernen, als Schöfs vonOlenschlager durch uns Kinder den Britannicus aufführenließ, worin mir die Rolle des Nero zu Theil ward daß Ra-cine, sage ich, auch zu seiner Zeit weder mit Liebhabern nochKunstrichtern fertig werden können. Durch alles dieses ward ichverworrener als jemals, und nachdem ich mich lange mit diesemHin- und Herreden, mit dieser theoretischen Salbaderei desvorigen Jahrhunderts gequält hatte, schüttete ich das Kind mitdem Bade aus, und warf den ganzen Plunder desto entschie-dener von mir, je mehr ich zu bemerken glaubte, daß die Autorenselbst, welche vortreffliche Sachen hervorbrachten, wenn siedarüber zu reden anfingen, wenn sie den Grund ihres Handelnsangaben, wenn sie sich vertheidigen, entschuldigen, beschönigenwollten, doch auch nicht immer den rechten Fleck zu treffenwußten. Ich eilte daher wieder zu dem lebendig Vorhandenen,besuchte das Schauspiel weit eifriger, las gewissenhafter undununterbrochener, so daß ich in dieser Zeit Racine und Moliörcganz und von Corneille einen großen Theil durchzuarbeiten dieAnhaltsamkeit hatte.

Der Königslieutenant wohnte noch immer in unserm Hause.Er hatte sein Betragen in nichts geändert, besonders gegen uns;allein es war merklich, und der Gevatter Dolmetsch wußte esuns noch deutlicher zu machen, daß er sein Amt nicht mehr mitder Heiterkeit, nicht mehr mit dem Eifer verwaltete wie anfangs,obgleich immer mit derselben Rechtschaffenheit und Treue. SeinWesen und Betragen, das eher einen Spanier als einen Fran-zosen ankündigte, seine Launen, die doch mitunter Einfluß aufein Geschäft hatten, seine Unbiegfamkeit gegen die Unistände,seine Reizbarkeit gegen alles, was seine Person oder Charakter,berührte, dieses zusammen mochte ihn doch zuweilen mit seinenVorgesetzten in Conflict bringen. Hierzu kam noch, daß er ineinem Duell, welches sich im Schauspiel entsponnen hatte, ver-

wundet wurde, und man dem Königslieutenant übel nahm,daß er selbst eine verpönte Handlung als oberster Policeimeisterbegangen. Alles dieses mochte, wie gesagt, dazu beitragen, daß erin sich gezogener lebte und hie und da vielleicht weniger energischverfuhr.

Indessen war nun schon eine ansehnliche Partie der bestelltenGemälde abgeliefert. Graf Thorane brachte seine Freistundenmit der Betrachtung derselben zu, indem er sie im gedachtenGiebelzimmer Bane für Bane, breiter und schmäler, nebeneinander und, weil es an Platz mangelte, sogar über einandernageln, wieder abnehmen und aufrollen ließ. Immer wurdendie Arbeiten auf's neue untersucht: man erfreute sich wiederholtan den Stellen, die man für die gelungensten hielt; aber esfehlte auch nicht an Wünschen, dieses oder jenes anders geleistetzu sehen.

Hieraus entsprang eine neue und ganz wundersame Opera-tion. Da nämlich der eine Maler Figuren, der andere dieMittelgründe und Fernen, der dritte die Bäume, der vierte dieBlumen am besten arbeitete, so kam der Graf auf den Ge-danken, ob man nicht diese Talente in den Bildern vereinigen,und auf diesem Wege vollkommene Werke hervorbringen könne?Der Anfang ward sogleich damit gemacht, daß man zum Bei-spiel in eine fertige Landschaft noch schöne Heerden hineinmalenließ; weil nun aber nicht immer der gehörige Platz dazu dawar, es auch dem Thiermaler auf ein paar Schafe mehr oderweniger nicht ankam, so war endlich die weiteste Landschaft zuenge. Nun hatte der Menschenmaler auch noch die Hirtenund einige Wanderer hineinzubringen; diese nahmen sich wie-derum einander gleichsam die Lust, und man war verwundert,wie sie nicht sämmtlich in der freiesten Gegend erstickten. Mankonnte niemals voraussehen, was aus der Sache werden würde,und wenn sie fertig war, befriedigte sie nicht. Die Malerwurden verdrießlich. Bei den ersten Bestellungen hatten siegewonnen, bei diesen Nacharbeiten verloren sie, obgleich derGraf auch diese sehr großmüthig bezahlte. Und da die von meh-reren auf Einem Bilde durch einander gearbeiteten Theile beialler Mühe keinen guten Effect hervorbrachten, so glaubte zuletztein jeder, daß seine Arbeit durch die Arbeiten der andern ver-dorben und vernichtet worden; daher wenig fehlte, die Künstlerhätten sich hierüber entzweit und wären in unversöhnliche Feind-schaft gerathen. Dergleichen Veränderungen oder vielmehrZuthaten wurden in gedachtem Atelier, wo ich mit den Künst-lern ganz allein blieb, ausgefertigt; und es unterhielt mich,aus den Studien, besonders der Thiere, dieses und jenes ein-zelne, diese oder jene Gruppe auszusuchen, und sie für die Näheoder die Ferne in Vorschlag zu bringen; worin man mir dennmanchmal aus Ueberzeugung oder Geneigtheit zu willfahrenpflegte.

Die Theilnehmenden an diesem Geschäft wurden also höchstmuthlos, besonders Seekatz, ein sehr hypochondrischer und in sichgezogener Mann, der zwar unter Freunden durch eine unver-gleichlich heitere Laune sich als den besten Gesellschafter bewies,aber wenn er arbeitete, allein, in sich gekehrt und völlig freiwirken wollte. Dieser sollte nun, wenn er schwere Aufgabengelöst, sie mit dem größten Fleiß und der wärmsten Liebe,deren er immer fähig war, vollendet hatte, zu wiederholten-malen von Darmstadt nach Frankfurt reisen, um entweder anseinen eigenen Bildern etwas zu verändern oder fremde zu