Wahrheit und Dichtung.
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entschieden, ja schwer zu entscheiden war. Klopstock ging voran.Wie sehr er sich bemüht und was er geleistet, ist bekannt. Jeder-mann fühlte die Unsicherheit der Sache; man wollte sich nichtgerne wagen, und, ausgesordert durch jene Naturtendenz, griffman nach einer poetischen Prosa. Geßner's höchst liebliche Idyllenöffneten eine unendliche Bahn. Klopstock schrieb den Dialog vonHermann'« Schlacht in Prosa, so wie den Tod Adam's.Durch die bürgerlichen Trauerspiele, so wie durch die Dramenbemächtigte sich ein empfindungsvoller höherer Styl des Thea-ters, und umgekehrt zog der fünffüßige Iambus, der sich durchEinfluß der Engländer bei uns verbreitete, die Poesie zur Prosaherunter. Allein die Forderungen an Rhythmus und Reimkonnte man im allgemeinen nicht aufgeben. Ramler, obgleichnach unsichern Grundsätzen, streng gegen seine eigenen Sachen,konnte nicht unterlassen, diese Strenge auch gegen fremde Werkegeltend zu machen: er verwandelte Prosa in Verse, veränderteund verbesserte die Arbeit anderer, wodurch er sich wenig Dankverdiente und die Sache noch mehr verwirrte. Am besten abergelang es denen, die sich des herkömmlichen Reims mit einergewissen Beobachtung des Sylbenwerthes bedienten und, durchnatürlichen Geschmack geleitet, unausgesprochene und unent-schiedene Gesetze beobachteten; wie zum Beispiel Wieland, der,obgleich unnachahmlich, eine lange Zeit mäßigern Talenten zumMuster diente.
Unsicher aber blieb die Ausübung auf jeden Fall, und eswar keiner, auch der Besten, der nicht augenblicklich irre gewor-den wäre. Daher entstand das Unglück, daß die eigentlichegeniale Epoche unserer Poesie weniges hervorbrachte, was manin seiner Art correct nennen könnte; denn auch hier war dieZeit strömend, fordernd und thätig, aber nicht betrachtend undsich selbst genugthuend.
Um jedoch einen Boden zu finden, worauf man poetischfußen, um ein Element zu entdecken, in dem man freisinnigathmen könnte, war man einige Jahrhunderte zurückgegangen,wo sich aus einem chaotischen Zustande ernste Tüchtigkeitenglänzend hervorthaten; und so befreundete man sich auch mitder Dichtkunst jener Zeiten. Die Minnesänger lagen zu weitvon uns ab; die Sprache hätte man erst studiren müssen, unddas war nicht unsere Sache, wir wollten leben und nicht lernen.
Hans Sachs, der wirklich meisterliche Dichter, lag unsam nächsten. Ein wahres Talent, freilich nicht wie jene Ritterund Hofmänner, sondern ein schlichter Bürger, wie wir unsauch zu seyn rühmten. Ein didaktischer Realismus sagte unszu, und wir benutzten den leichten Rhythmus, den sich williganbietenden Reim bei manchen Gelegenheiten. Es schien dieseArt so bequem zur Poesie des Tags, und deren bedurften wirjede Stunde.
Wenn nun bedeutende Werke, welche eine jahrelange, jaeine lebenslängliche Aufmerksamkeit und Arbeit erforderten, aufso verwegenem Grunde, bei leichtsinnigen Anlässen, mehr oderweniger ausgebaut wurden, so kann man sich denken, wiefreventlich mitunter andere vorübergehende Productionen sichgestalteten, zum Beispiel die poetischen Episteln, Parabeln undJnvectiven aller Formen, womit wir fortfuhren uns innerlichzu bekriegen und nach außen Händel zu suchen.
Außer dem schon Abgedruckten ist nur weniges davon übrig;es mag erhalten bleiben. Kurze Notizen mögen Ursprung undAbsicht denkenden Männern etwas deutlicher enthüllen. Tiefer
Eindringende, denen diese Dinge künftig zu Gesicht kommen,werden doch geneigt bemerken, daß allen solchen Excentricitätenein redliches Bestreben zu Grunde lag. Aufrichtiges Wollenstreitet mit Anmaßung, Natur gegen Herkömmlichkeiten, Talentgegen Formen, Genie mit sich selbst, Kraft gegen Weichlichkeit,unentwickeltes Tüchtiges gegen entfaltete Mittelmäßigkeit, sodaß man jenes ganze Betragen als ein Vorpostengefecht ansehenkann, das auf eine Kriegserklärung folgt und eine gewaltsameFehde verkündigt: denn genau besehen, so ist der Kamps indiesen fünfzig Jahren noch nicht ausgekämpft, er setzt sich nochimmer fort, nur in einer höhern Region.
Ich hatte nach Anleitung eines ältern deutschen Puppen-und Budenspiels ein tolles Fratzenwesen ersonnen, welches denTitel Hanswursts Hochzeit führen sollte. Das Schemawar folgendes. Hanswurst, ein reicher elternloser Bauernsohn,welcher so eben mündig geworden, will ein reiches Mädchen,Namens Ursel Blandine, heirathen. Sein Vormund, KilianBrustfleck und ihre Mutter Ursel rc. sind es höchlich zufrieden.Ihr vieljähriger Plan, ihre höchsten Wünsche werden dadurchendlich erreicht und erfüllt. Hier findet sich nicht das mindesteHinderniß, und das Ganze beruht eigentlich nur darauf, daßdas Verlangen der jungen Leute, sich zu besitzen, durch dieAnstalten der Hochzeit und dabei vorwaltenden unerläßlichenUmständlichkeiten hingehalten wird. Als Prologus tritt derHochzeitbitter auf, hält seine herkömmliche banale Rede undendigt mit den Reimen:
Bei dem Wirth zur goldnen Laus,
Da wird seyn der Hochzeitschmaus.
Um dem Vorwurf der verletzten Einheit des Orts zu ent-gehen , war im Hintergründe des Theaters gedachtes Wirths-haus mit seinen Jnsignien glänzend zu sehen, aber so, als wennes, auf einem Zapfen umgedreht, nach allen vier Seiten könntevorgestellt werden, wobei sich jedoch die vordem Coulissen desTheaters schicklich zu verändern hatten. Im ersten Act standdie Vorderseite nach der Straße zu, mit den goldenen, nach demSonnenmikroskop gearbeiteten Jnsignien, im zweiten Act dieSeite nach dem Hausgarten, die dritte nach einem Wäldchen,die vierte nach einem nahe liegenden See; wodurch denn ge-weissagt war, daß in folgenden Zeiten es dem Decorateurgeringe Mühe machen werde, einen Wellenschlag über dasganze Theater bis an das Souffleurloch zu führen.
Durch alles dieses aber ist das eigentliche Interesse desStücks noch nicht ausgesprochen: denn der gründliche Scherzward bis zur Tollheit gesteigert, daß das sämmtliche Personaldes Schauspiels aus lauter deutsch herkömmlichen Schimpf- undEkelnamen bestand, wodurch der Charakter der einzelnen sogleichausgesprochen und das Verhältniß zu einander gegeben war.
Da wir hoffen dürfen, daß Gegenwärtiges in guter Gesell-schaft, auch wohl in anständigem Familienkreise vorgelesenwerde, so dürfen wir nicht einmal, wie doch auf jedemTheater-anschlag Sitte ist, unsere Personen hier der Reihe nach nennen,noch auch die Stellen, wo sie sich am klarsten und eminentestenbeweisen, hier am Ort aufführen, obgleich auf dem einfachstenWege heitere, neckische, unverfängliche Beziehungen und geist-reiche Scherze sich hervorthun müßten. Zum Versuche legenwir ein Blatt bei, unsern Herausgebern die Zulässigkeit zu be-urtheilen anheim stellend.