Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Aus meinem Leben.

Vetter Schuft hatte das Recht, durch sein Verhältniß zurFamilie, zu dem Fest geladen zu werden; niemand hatte dabeietwas zu erinnern; denn wenn er auch gleich durchaus imLeben untauglich war, so war er doch da, und weil er da war,konnte man ihn schicklich nicht verläugnen; auch durfte man anso einem Festtage sich nicht erinnern, daß man zuweilen unzu-frieden mit ihm gewesen wäre.

Mit Herrn Schurke war es schon eine bedenklichere Sache:erhalte der Familie wohl genutzt, wenn es ihm gerade auchnutzte, dagegen ihr auch wieder geschadet, vielleicht zu seinemeigenen Vortheil, vielleicht auch weil er es eben gelegen fand.Die mehr oder minder Klugen stimmten für seine Zuläspgkeit;die wenigen, die ihn wollten ausgeschlossen haben, wurdenüberstimmt.

Nun aber war noch eine dritte Person, über die sich schwe-rer entscheiden ließ: in der Gesellschaft ein ordentlicher Mensch,nicht weniger als andere, nachgiebig, gefällig und zu mancher-lei zu gebrauchen; er hatte den einzigen Fehler, daß er seinenNamen nicht hören konnte, und sobald er ihn vernahm, ineine Heldenwuth, wie der Norde sie Berserkerwuth benennt,augenblicklich gerieth, alles rechts und links todtzuschlagendrohte und in solchem Raptus theils beschädigte, theils beschä-digt ward; wie denn auch der zweite Act des Stücks durch ihnein sehr verworrenes Ende nahm.

Hier konnte nun der Anlaß unmöglich versäumt werden,den räuberischen Macklot zu züchtigen. Er geht nämlich hau«firen mit seiner Macklotur, und wie er die Anstalten zurHochzeit gewahr wird, kann er dem Triebe nicht widerstehen,auch hier zu schmarutzen und auf anderer Leute Kosten seineausgehungerten Gedärme zu erquicken. Er meldete sich; KilianBrustfleck untersucht seine Ansprüche, muß ihn aber abweisen:denn alle Gäste, heißt es, seyen anerkannte öffentliche Charak-tere, woran der Supplicant doch keinen Anspruch machenkönne. Macklot versucht sein Möglichstes, um zu beweisen,daß er eben so berühmt sey als jene. Da aber Kilian Brust-fleck, als strenger Ceremonienmeister, sich nicht will bewegenlassen, nimmt sich jener Nichtgenannte, der von seiner Berser-kerwuth am Schlüsse des zweiten Acts sich wieder erholt hat,des ihm so nahe verwandten Nachdruckers so nachdrücklich an,daß dieser unter die übrigen Gäste schließlich aufgenommen wird.

Um diese Zeit meldeten sich die Grafen Stolberg an,die, auf einer Schweizerreise begriffen, bei uns einsprechenwollten. Ich war durch das früheste Auftauchen meines Ta-lents im Göttinger Musenalmanach mit ihnen und sämmt-lichen jungen Männern, deren Wesen und Wirken bekanntgenug ist, in ein gar freundliches Verhältniß gerathen. Zu derdamaligen Zeit hatte nian sich ziemlich wunderliche Begriffevon Freundschaft und Liebe gemacht. Eigentlich war es einelebhafte Jugend, die sich gegen einander aufknöpfte und eintalentvolles, aber ungebildetes Inneres hervorkehrte. Einensolchen Bezug gegen einander, der freilich wie Vertrauen aus-sah, hielt man für Liebe, für wahrhafte Neigung: ich betrogmich darin so gut, wie die andern, und habe davon viele Jahreauf mehr als Eine Weise gelitten. Es ist noch ein Brief vonBürger aus jener Zeit vorhanden, woraus zu ersehen ist, daßvon sittlich Aesthetischem unter diesen Gesellen keineswegs dieRede war. Jeder fühlte sich aufgeregt und glaubte, gar wohlhiernach handeln und dichten zu dürfen.

Die Gebrüder kamen an, Graf HaugWitz mit ihnen.Von mir wurden sie mit offener Brust empfangen, mit ge-müthlicher Schicklichkeit. Sie wohnten im Gasthofe, waren zuTische jedoch meistens bei uns. Das erste heitere Zusammen-setzn zeigte sich höchst erfreulich; allein gar bald traten excen-trische Aeußerungen hervor.

Zu meiner Mutter machte sich ein eigenes Verhältniß.Sie wußte in ihrer tüchtigen, geraden Art sich gleich in'sMittelalter zurückzusetzen, um als Aja bei irgend einer Lom-bardischen oder Byzantinischen Prinzessin angestellt zu seyn.Nicht anders als Frau Aja ward sie genannt, und sie gefielsich in dem Scherze und ging so eher in die Phantastereien derJugend mit ein, als sie schon in Götz von Berlichingen's Haus-frau ihr Ebenbild zu erblicken glaubte.

Doch hierbei sollte es nicht lange bleiben; denn man hattenur einigemal zusammengetafelt, als schon nach ein und derandern genossenen Flasche Wein der poetische Tyrannenhaßzum Vorschein kam, und man nach dem Blute solcher Wüthe-riche lechzend sich erwies. Mein Vater schüttelte lächelnd denKopf; meine Mutter hatte in ihrem Leben kaum von Tyrannengehört, doch erinnerte sie sich in Gottfried's Chronik dergleichenUnmenschen in Kupfer abgebildet gesehen zu haben, den KönigCambyses, der in Gegenwart des Vaters das Herz des Söhn-chens mit dem Pfeil getroffen zu haben triumphirt, wie ihrsolches noch im Gedächtniß geblieben war. Diese und ähnliche,aber immer heftiger werdende Aeußerungen in's Heitere zuwenden, verfügte sie sich in ihren Keller, wo ihr von den ältestenWeinen wohlunterhaltene große Fässer verwahrt lagen. Nichtgeringere befanden sich daselbst, als die Jahrgänge 1706. 19.26. 48., von ihr selbst gewartet und gepflegt, selten und nurbei feierlich bedeutenden Gelegenheiten angesprochen. Indemsie nun in geschliffener Flasche den hochfarbigen Wein hinsetzte,rief sie aus: Hier ist das wahre Tyrannenblut! Daran ergetzteuch, aber alle Mordgedanken laßt mir aus dem Hause!

Ja wohl Tyrannenblut! rief ich aus: keinen größernTyrannen giebt es als den, dessen Herzblut man euch vorsetzt.Labt euch daran, aber mäßig! denn ihr müßt befürchten, daßer euch durch Wohlgeschmack und Geist unterjoche. Der Wein-stock ist der Universaltyrann, der ausgerottet werden sollte:zum Patron sollten wir deßhalb den heiligen Lykurgus, denThracier, wählen und verehren: er griff das fromme Werkkräftig an, aber vom bethörenden Dämon Bacchus verblendetund verderbt, verdient er in der Zahl der Märtyrer oben anzu stehen. Dieser Weinstock ist der allerschlimmste Tyrann,zugleich Heuchler, Schmeichler und Gewaltsamer. Die erstenZüge seines Bluts munden euch, aber ein Tropfen lockt denandern unaufhaltsam nach; sie folgen sich wie eine Perlenschnur,die man zu zerreißen fürchtet.

Wenn ich hier, wie die besten Historiker gethan, eine fin-girte Rede statt jener Unterhaltung einzuschieben in Verdachtgerathen könnte, so darf ich den Wunsch aussprechen, es möchtegleich ein Geschwindschreiber diese Peroration aufgefaßt unduns überliefert haben. Man würde die Motive genau die-selbigen und den Fluß der Rede vielleicht unmuthiger und ein-ladender finden. Ueberhaupt fehlt dieser gegenwärtigen Dar-stellung im ganzen die weitläufige Redseligkeit und Fülle einerJugend, die sich fühlt und nicht weiß, wo sie mit Kraft undVermögen hinaus soll?