712
Annalen oder Tag- und Jabresbefte.
er sich, das Wirkliche für das Nothwendige gelten zu lasten,und erklärt das ihm bisher Wahrgeschienene für Phantasterei.
Aber auch hier zeigt sich die Eigenthümlichkeit, die Energieseines Geistes bewundernswürdig. Bei aller Lebensfülle, beiso starker Lebenslust, bei herrlichen innern Anlagen, bei red-lichen geistigen Wünschen und Absichten fühlt er sich von derWelt verletzt und um seine größten Schätze bevortheilt. Nir-gends kann er nun mehr in der Erfahrung wiederfinden, wasso viele Jahre sein Glück gemacht hatte, ja der innigste Bestandseines Lebens gewesen war; aber er verzehrt sich nicht in eitelnKlagen, deren wir in Prosa und Versen von andern so vielekennen, sondern er entschließt sich zur Gegenwirkung. Erkündigt allem, was sich in der Wirklichkeit nicht immer nach-weisen läßt, den Krieg an, zuvörderst also der PlatonischenLiebe, sodann aller dogmatifirenden Philosophie, besonders denbeiden Extremen, der Stoischen und Pythagoreischen. Unver-söhnlich arbeitet er ferner dem religiösen Fanatismus undallem, was dem Verstände excentrisch erscheint, entgegen.
Aber sogleich überfällt ihn die Sorge, er möge zu weitgehen, er möge selbst phantastisch handeln; und nun beginnter zugleich einen Kampf gegen die gemeine Wirklichkeit. Erlehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem Wort Phi-listerei zu begreifen gewohnt sind, gegen stockende Pedanterei,kleinstädtisches Wesen, kümmerliche äußere Sitte, beschränkteKritik, falsche Sprödigkeit, Platte Behaglichkeit, anmaßlicheWürde, und wie diese Ungeister, deren Name Legion ist, nuralle zu bezeichnen seyn mögen.
Hierbei verfährt er durchaus genialisch, ohne Vorsatz undSelbstbewußtseyn. Er findet sich in der Klemme zwischen demDenkbaren und dem Wirklichen, und indem er beide zu ge-wältigen oder zu verbinden Mäßigung anrathen muß, so mußer selbst an sich halten, und, indem er gerecht seyn will, viel-seitig werden.
Die verständige reine Rechtlichkeit edler Engländer undihre Wirkung in der sittlichen Welt, eines Addison, einesSteele hatten ihn schon längst angezogen; nun findet er aberin dieser Genossenschaft einen Mann, dessen Sinnesart ihmweit gemäßer ist.
Shaftesbury, den ich nur zu nennen brauche, um jedemGebildeten einen trefflichen Denker in's Gedächtniß zu rufen,Shaftesbury lebte zu einer Zeit, wo in der Religion seinesVaterlandes manche Bewegung vorging, wo die herrschendeKirche mit Gewalt die Andersgesinnten zu bezähmen dachte.Auch den Staat, die Sitten bedrohte manches, was einenVerständigen, Wohldenkenden in Sorge setzen muß. Gegenalles dieses, glaubte er, sey am besten durch Frohsinn zu wirken;nur das, was man mit Heiterkeit ansehe, werde man rechtsehen, war seine Meinung. Wer mit Heiterkeit in seineneigenen Busen schauen könne, müsse ein guter Mann seyn.Darauf komme alles an, und alles übrige Gute entspringedaher. Geist, Witz, Humor seyen die ächten Organe, womitein solches Gemüth die Welt anfasse. Alle Gegenstände, selbstdie ernstesten, müßten eine solche Klarheit und Freiheit ver-tragen, wenn sie nicht mit einer nur anmaßlichen Würdeprunkten, sondern einen ächten, die Probe nicht scheuendenWerth in sich selbst enthielten. Bei diesem geistreichen Ver-such, die Gegenstände zu gcwältigen, konnte man nicht umhinsich nach entscheidenden Behörden umzusehen, und so ward
s einerseits der Menschenverstand über den Inhalt, und der Ge-! schmack über die Art des Vertrags zum Richter gesetzt.
An einem solchen Manne fand nun unser Wieland nichteinen Vorgänger, dem er folgen, nicht einen Genossen, mitdem er arbeiten sollte, sondern einen wahrhaften älternZwillingsbruder im Geiste, dem er vollkommen glich, ohne! nach ihm gebildet zu seyn; wie man denn von Menächmen^ nicht sagen könnte, welcher das Original und welcher dieCopie sey.
Was jener, in einem höhern Stande geboren, an zeitlichenMitteln mehr begabt, durch Reisen, Aemter, We'tumsichtmehr begünstigt, in einem weitern Kreise, zu einer ernsternZeit, in dem meerumflossenen England leistete, eben diesesbewirkte unser Freund von einem anfangs sehr beschränktenPunkt aus durch eine beharrliche Thätigkeit, durch ein stetigesWirken in seinem überall von Land und Bergen nmgränztenVaterlande, und das Resultat davon war, damit wir uns beiunserm gedrängten Vortrage, eines kurzen, aber allgemeinverständlichen Wortes bedienen, jene Popularphilosophie, wo-durch ein praktisch geübter Sinn zum Urtheil über den mora-lischen Werth der Dinge, so wie über ihren ästhetischen zumRichter bestellt wird.
Diese, in England vorbereitet und auch in Deutschlanddurch Umstände gefordert, ward also durch dichterische undgelehrte Werke, ja durch's Leben selbst von unserm Freunde,in Gesellschaft von unzähligen Wohlgesinnten, verbreitet.
Haben wir jedoch, in sofern von Ansicht, Gesinnung,Uebersicht die Rede seyn kann, Shaftesbury und Wielandvollkommen ähnlich gefunden, so war doch dieser jenem anTalent weit überlegen; denn was der Engländer verständiglehrt und wünscht, das weiß der Deutsche in Versen und Prosa,dichterisch und rednerisch, auszuführen.
Zu dieser Ausführung aber mußte ihm die FranzösischeBehandlungsweise am meisten zusagen. Heiterkeit, Witz,Geist, Eleganz ist in Frankreich schon vorhanden: seine blühendeEinbildungskraft, welche sich jetzt nur mit leichten und frohenGegenständen beschäftigen will, wendet sich nach den Feen-und Rittermährchen, welche ihm die größte Freiheit gewähren.Auch hier reicht ihm Frankreich in der Tausend und EinenNacht, in der Romanbibliothck schon halb verarbeitete, zuge-richtete Stoffe, indessen die alten Schätze dieses Fachs, welcheDeutschland besitzt, noch roh und ungenießbar dalagen.
' Gerade diese Gedichte sind es, welche Wielands Ruhmam meisten verbreiteten und bestätigten. Ihre Munterkeitfand bei jedermann Eingang, und selbst die ernstern Deutschenließen sie sich gefallen; denn alle diese Werke traten wirklichzur rechten und günstigen Zeit hervor. Sie waren alle indem Sinne geschrieben, den wir oben entwickelt haben. Oftunternahm der glückliche Dichter das Kunststück, ganz gleich-gültigen Stoffen durch di» Bearbeitung einen hohen Werth zugeben, und wenn es nicht zu leugnen ist, daß er bald den Ver-stand über die höhern Kräfte, bald die Sinnlichkeit über diesittlichen triumphiren läßt, so muß man doch auch gestehen,daß am rechten Ort alles, was schöne Seelen nur zieren mag,die Oberhand behalte.
Früher, wo nicht als alle, doch als die meisten dieser Ar-beiten, war die Uebersetzung Shakspeares. Wieland fürchtetenicht, durch Studien seiner Originalität Eintrag zu thun, ja