Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

720

Annalen oder Tag- und IahreShefte.

erleuchtete? Oder sollen wir uns seine Heldenthaten zurück-rufen, die ersten Kriege, die seine Lehrjahre waren, wo er großeFehler beging, ohne sich jemals besiegen zu lasten? Erinnernwir uns bei Czaslau des Ruhms seiner werdenden Reiterei?bei Striegau der schrägen Schlachtordnung? bei Sorr, wie ersich dort aus der Sache zog? Sollen wir ihn malen in demeinzigen Krieg ? fast immer ohne Land, fein Heer oftmals zer-stört und unvollkommen wiederhergestellt, die Wunderthatendes Heldensinnes und der Kunst umsonst verschwendet, imKampf mit einer vernichtenden Mehrzahl, mit lastenden Un-glücksfällen, ihn allein aufrecht gegen Europa, und die lebendigeKraft seiner Seele gegen die Macht des Schicksals? Doch essey genug! Ich halte mich zurück ungern. O Erinne-rungen! Es ist genug. Wir hatten Friedrich, er war unser!

^ Verschiedene Völker, verschiedene Landstriche müssen allmäh-lig hervorbringen, was jedes seiner Natur nach Vollkommensteshaben kann. Jedem Staate eigneten die alten Perser seinenSchutzgeist zu, der ihn vor dem Thron des Ewigen verträte.Eben so muß in der Weltgeschichte jedes Volk seinen Anwalthaben, der das, was in ihm Vortreffliches lag, darstellte. Ei-nige Völker haben dergleichen gehabt, andern werden sie ent-springen ; selten erzeugen sie sich in einer Folge. Allein damitdie Herabwürdigung nimmer zu entschuldigen sey, giebt es auch

davon Beispiele. In dem fürchterlichen Jammer des dreißig-jährigen Krieges bewunderten unsere Väter in dem Wieder-hersteller eines fast vernichteten Staates, in dem großen Kur-fürsten Friedrich Wilhelm einen Mann, der allein zum Ruhmeseines Landes hinreichte; und doch kam Friedrich nach ihm.

Niemals darf ein Mensch, niemals ein Volk wähnen, dasEnde sey gekommen. Wenn wir das Andenken großer Männerfeiern, so geschieht es, um uns mit großen Gedanken vertrautzu machen, zu verbannen, was zerknirscht, was den Anfanglähmen kann. Güterverlust läßt sich ersetzen, über andern Ver-lust tröstet die Zeit; nur Ein Uebel ist unheilbar: wenn derMensch sich selbst aufgiebt.

Und Du, unsterblicher Friedrich, wenn von dem ewigenAufenthalt, wo Du unter den Scipionen, den Trajanen, denGustaven wandelst, Dein Geist, nunmehr von vorübergehendenVerhältnissen befreit, sich einen Augenblick herablassen mag aufdas, was wir auf der Erde große Angelegenheiten zu nennenpflegen, so wirst Du sehen, daß der Sieg, die Größe, dieMacht immer dem folgt, der Dir am ähnlichsten ist. Du wirstsehen, daß die unveränderliche Verehrung Deines Namens jeneFranzosen, die Du immer sehr liebtest, mit den Preußen, derenRuhm Du bist, in der Feier so ausgezeichneter Tugenden, wiesie Dein Andenken zurückruft, vereinigen mußte.