Ferneres öder Kunst.
von deutscher Baukunst.
O. >1. Lrvini s Lteinbsck. 1772.
Als ich auf deinem Grabe herumwandelte, edler Erwin,und den Stein suchte, der mir deuten sollte: ^uno ckomini1318. ivi. Xsl. kedr. odüt UsZistsr Lrvinns, 6ul>ernntorI'Lbricss Lcolosise ^r^entinensis, und ich ihn nicht finden,keiner deiner Landslente mir ihn zeigen konnte, daß sich meineVerehrung deiner an der heiligen Stätte ergossen hätte: daward ich tief in die Seele betrübt, und mein Herz, jünger,wärmer, thörichter und besser als jetzt, gelobte dir ein Denk-mal, wenn ich zum ruhigen Genuß meiner Besitzthümer gelangenwürde, von Marmor oder Sandsteinen, wie ich's vermöchte.
Was braucht'« dir Denkmal! Du hast dir das herrlichsteerrichtet; und kümmert die Ameisen, die drum krabbeln, deinName nichts, hast du gleiches Schicksal mit dem Baumeister,der Berge aufthürmte in die Wolken.
Wenigen ward es gegeben, einen Babelgedanken in derSeele zu zeugen, ganz, groß, und bis in den kleinsten Theilnothwendig schön, wie Bäume Gottes; wenigem, auf tausendbietende Hände zu treffen, Felsengrund zu graben, steile Höhendrauf zu zaubern, und dann sterbend ihren Söhnen zu sagen:Ich bleibe bei euch in den Werken meines Geistes; vollendetdas Begonnene in die Wolken!
Was braucht's dir Denkmal! und von mir! Wenn derPöbel heilige Namen ausspricht, ist's Aberglaube oder Lästerung.Dem schwachen Geschmäckler wird's ewig schwindeln an deinemKoloß, und ganze Seelen werden dich erkennen ohne Deuter.
Also nur, trefflicher Mann, eh' ich mein geflicktes Schiff-chen wieder auf den Ocean wage, wahrscheinlicher dem Tod alsdem Gewinnst entgegen, siehe hier in diesem Hain, wo ringsumdie Namen meiner Geliebten grünen, schneid' ich den deinigenin eine deinem Thurm gleich schlank aufsteigende Buche, hängean seinen vier Zipfeln dieß Schnupftuch mit Gaben dabei auf —nicht ungleich jenem Tuche, das dem heiligen Apostel aus denWolken herabgelassen ward, voll reiner und unreiner Thiere;so auch voll Blumen, Blüthen, Blätter, auch wohl dürres Grasund Moos und über Nacht geschossene Schwämme, das allesich, aus dem Spaziergang durch unbedeutende Gegenden, kaltzu meinem Zeitvertreib botanisirend, eingesammelt, dir nun zuEhren der Verwesung weihe.
Es ist im keinen Geschmack, sagt der Jtaliäner, und gehtvorbei. Kindereien! lallt der Franzose nach, und schnellttriumphirend auf seine Dose ü In üreoque. Was habt ihrgethan, daß ihr verachten dürft?
Hat nicht der seinem Grab entsteigende Genius der Altenden deinen gefesselt, Wälscher! Krochst an den mächtigenResten, Verhältnisse zu betteln, flicktest aus den heiligen Trüm-mern dir Lnsthäuser zusammen, und hältst dich für Verwahrerder Knnstgeheimnisse, weil du aus Zoll und Linien von Riesen-gebäuden Rechenschaft 'geben kannst. Hättest du mehr gefühltals gemessen, wäre der Geist der Massen über dich gekommen,die du anstauntest, du hättest nicht so nur nachgeahmt, weilsie's thaten, und es schön ist; nothwendig und wahr hättest dudeine Plane geschaffen, und lebendige Schönheit wäre bildendaus ihnen gequollen.
So hast du deinen Bedürfnissen einen Schein von Wahr-heit und Schönheit aufgetüncht. Die herrliche Wirkung derSäulen traf dich; du wolltest auch ihrer brauchen, und mauer-test sie ein, wolltest anch Säulenreihen haben, und umzirkeltestden Vorhof der Peterskirche mit Marmorgängen, die nirgendshin noch her führen, daß Mutter Natur, die das Ungehörigeund Unnöthige verachtet und haßt, deinen Pöbel trieb, jeneHerrlichkeit zu öffentlichen Cloaken zu prostituiren, daß ihr dieAugen wegwendet und die Nasen zuhaltet vor'm Wunderder Welt.
Das geht nun so alles seinen Gang: die Grille des Künst-lers dient dem Eigensinne des Reichen; der Reisebeschreibergafft, und unsere schönen Geister, genannt Philosophen, er-drechseln aus Protoplastischen Mährchen Principien und Ge-schichte der Künste bis auf den heutigen Tag, und ächteMenschen ermordet der böse Genius im Vorhof der Geheimnisse.
Schädlicher als Beispiele sind dem Genius Principien. Borihm mögen einzelne Menschen einzelne Theile bearbeitet haben;er ist der erste, aus dessen Seele die Theile, in Ein ewigesGanzes zusammengewachsen, hervortreten. Aber Schule undPrincipium fesselt alle Kraft der Erkenntniß und Thätigkeit.Was soll uns das, du Neufranzösischer philosophirender Kenner,daß der erste zum Bedürfniß erfindsame Mensch vier Stämmeeinrammelte, vier Stangen drüber verband, und Neste und Moosdrauf deckte? Daraus entscheidest du das Gehörige unserer heu-tigen Bedürfnisse, eben als wenn du dein neues Babylon miteinfältigem patriarchalischem Hausvatersinn regieren wolltest.