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Ferneres über Kunst.
Und es ist noch dazu falsch, daß deine Hütte die erstgeboreneder Welt ist. Zwei an ihrem Gipfel sich kreuzende Stangenvornen, zwei hinten und eine Stange quer über zum First istund bleibt, wie du alltäglich an Hütten der Felder und Wein-berge erkennen kannst, eine weit primävere Erfindung, von derdu doch nicht einmal Principium für deine Schweinställe ab-strahiren konntest.
So vermag keiner deiner Schlüsse sich zur Region derWahrheit zu erheben, sie schweben alle in der Atmosphäredeines Systems. Du willst uns lehren, was wir brauchensollen, weil das, was wir brauchen, sich nach deinen Grund-sätzen nicht rechtfertigen läßt.
Die Säule liegt dir sehr am Herzen, und in anderer Welt-gegend wärst du Prophet. Du sagst: Die Säule ist der erste,wesentliche Bestandtheil des Gebäudes, und der schönste. Welcheerhabene Eleganz der Form, welche reine mannichfaltige Größe,wenn sie in Reihen da stehen! Nur hütet euch, sie ungehörigzu brauchen; ihre Natur ist frei zu stehen. Wehe den Elenden,die ihren schlanken Wuchs an plumpe Mauern geschmiedet haben!
Und doch dünkt mich, lieber Abt, hätte die öftere Wieder-holung dieser Unschicklichkeit des Säuleneinmaucrns, daß dieNeuern sogar antiker Tempel Jntercolumnia mit Mauerwerkausstopften, dir einiges Nachdenken erregen können; wäre deinOhr nicht für Wahrheit taub, diese Steine würden sie dir ge-predigt haben.
Säule ist mit nichten ein Bestandtheil unserer Wohnungen;sie wicerspricht vielmehr dem Wesen all unserer Gebäude.Unsere Häuser entstehen nicht aus vier Säulen in vier Ecken;sie entstehen aus vier Mauern auf vier Seiten, die statt allerSäulen sind, alle Säulen ausschließen, und wo ihr sie anflickt,sind sie belastender Ueberfluß. Eben das gilt von unsernPalästen und Kirchen, »reuige Fälle ausgenommen, auf die ichnicht zu achten brauche.
Eure Gebäude stellen euch also Flächen dar, die, je weitersie sich ausbreiten, je kühner sie gen Himmel steigen, mit destounerträglicherer Einförmigkeit die Seele unterdrücken müssen!Wohl! wenn uns der Genius nicht zu Hülfe käme, derErwinen von Steinbach eingab: Vermannichfaltige dieungeheure Mauer, die du gen Himmel führen sollst, daß sieaufsteige gleich einem hocherhabcnen, weitverbreiteten BaumeGottes, der mit tausend Aesten, Millionen Zweigen, undBlättern wie der Sand am Meer, ringsum der Gegend ver-kündet die Herrlichkeit des Herrn, seines Meisters.
Als ich das erstemal nach dem Münster ging, hatte ich denKops voll allgemeiner Erkenntniß guten Geschmacks. AufHörensagen ehrt' ich die Harmonie der Massen, die Reinheitder Formen, war ein abgesagter Feind der verworrenenWillkürlichkeiten Gothischer Verzierungen. Unter die RubrikGothisch, gleich dem Artikel eines Wörterbuchs, häufte ichalle synonymischen Mißverständnisse, die mir von Unbestimm-tem, Ungeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestöppeltem,Aufgeflicktem, Ueberladenem jemals durch den Kopf gezogenwaren. Nicht gescheitster als ein Volk, das die ganze fremdeWelt barbarisch nennt, hieß alles Gothisch, was nicht inmein System paßte, von dem gedrechselten, bunten Puppen-und Bilderwerk au, womit unsere bürgerlichen Edelleute ihre
Häuser schmücken, bis zu den ernsten Resten der ältern deut-schen Baukunst, über die ich, auf Anlaß einiger abentheuerlichenSchnörkel, in den allgemeinen Gesang stimmte: „Ganz vonZierrath erdrückt!" und so graute mir's im Gehen vor'm An-blick eines mißgeformten, krausborstigen Ungeheuers.
Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich derAnblick, als ich davor trat. Ein ganzer, großer Eindruck fülltemeine Seele, den, weil er aus tausend harmonirenden Einzeln-heiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegsaber erkennen und erklären konnte. Sie sagen, daß es alsomit den Freuden des Himmels sey. Und wie oft bin ich zurück-gekehrt, diese himmlisch-irdische Freude zu genießen, den Riesen-geist unserer ältern Brüder in ihren Werken zu umfassen! Wieoft bin ich zurückgekehrt, von allen Seiten, aus allen Entfer-nungen, in jedem Lichte des Tags zu schauen seine Würde undHerrlichkeit! Schwer ist's dem Menschengeist, wenn seinesBruders Werk so hoch erhaben ist, daß er nur beugen undanbeten muß. Wie oft hat die Abenddämmerung mein durchforschendes Schauen ermattendes Aug' mit freundlicher Ruhegeletzt, wenn durch sie die unzähligen Theile zu ganzen Massenschmolzen, und nun diese, einfach und groß, vor meiner Seelestanden, und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zugenießen und zu erkennen! Da offenbarte sich mir, in leisenAhnungen, der Genius des großen Werkmeisters. Was staunstdu? lispelt' er mir entgegen. Alle diese Massen waren noth-wendig; und siehst du sie nicht an allen ältern Kirchen meinerStadt? Nur ihre willkürlichen Größen hab' ich znm stimmen-den Verhältniß erhoben. Wie über dem Haupteingang, derzwei kleinere zn'n Seiten beherrscht, sich der tveite Kreis desFensters öffnet, der dem Schiffe der Kirche antwortet, undsonst nur Tageloch war, wie hoch drüber der Glockenplatz diekleinern Fenster forderte! — das all war nothwendig, und ichbildete es schön. Aber ach, wenn ich durch die düstern, erhabe-nen Oeffnungen hier zur Seite schwebe, die leer und vergebensda zu stehen scheinen! In ihre kühne, schlanke Gestalt hab' ichdie geheimnißvollen Kräfte verborgen, die jene beiden Thürmehoch in die Luft heben sollten, deren, ach, nur einer traurig dasteht, ohne den fünfgethürmten Hauptschmuck, den ich ihm be-stimmte, daß ihm und seinem königlichen Bruder die Provinzenumher huldigten! Und so schied er von mir, und ich versankin theilnehmende Traurigkeit, bis die Vögel des Morgens, diein seinen tausend Oeffnungen wohnen, der Sonne entgegen-jauchzten, und mich aus dem Schlummer weckten. Wie frischleuchtet' er im Morgenduftglanz mir entgegen, wie froh konnt'ich ihm meine Arme entgegenstrecken, schauen die großen har-monischen Massen, zu unzählig kleinen Theilen belebt, wie inWerken der ewigen Natur, bis auf's geringste Zäsercheu, allesGestalt, und alles zweckend zum Ganzen; wie das festgegrün-dete, ungeheure Gebäude sich leicht in die Luft hebt, wie durch-brochen alles und doch für die Ewigkeit! Deinem Unterrichtdank' ich's, Genius, daß mir's nicht mehr schwindelt an deinenTiefen, daß in meine Seele ein Tropfen sich senkt der Wonne-ruhe des Geistes, der auf solch eine Schöpfung Herabschauen,und Gott gleich sprechen kann: Es ist gut!
Und nun soll ich nicht ergrimmen, heiliger Erwin, wennder deutsche Kunstgelehrte, auf Hörensagen neidischer Nachbarn,