Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Ferner!« über Kunsi.

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Nun fand sich glücklicherweise, daß Herr Möller, ein höchstgebildeter, einsichtiger Künstler, auch für diese Gegenständeentzündet ward und auf das glücklichste mitwirkte. Ein entdeckterOriginalriß des Kölner Doms gab der Sache ein neues Ansehen; !die lithographische Copie desselben, ja die Eontradrücke, wo- !durch sich das ganze zweithürmige Bild durch Zusammenfügenund Austuschen den Augen darstellen ließ, wirkte bedeutsam;und was dem Geschichtsfreunde zu gleicher Zeit höchst willkom-men seyn mußte, war des vorzüglichen Mannes Unternehmen,eine Reihe von Abbildungen älterer und neuerer Zeit uns vor-zulegen, da man denn zuerst das Herankommen der von unsdießmal betrachteten Bauart, sodann ihre höchste Höhe, undendlich ihr Abnehmen vor Augen sehen und bequem erkennensollte. Dieses findet nun um desto eher statt, da das erste Werkvollendet vor uns liegt, und das zweite, das von einzelnenGebäuden dieser Art handeln wird, auch schon in seinen erstenHeften zu uns gekommen ist.

Mögen die Unternehmungen dieses eben so einsichtigen alsthätigen Mannes möglichst vom Publicum begünstigt werden:denn mit solchen Dingen sich zu beschäftigen ist an der Zeit, diewir zu benutzen haben, wenn für uns und unsere Nachkommenein vollständiger Begriff hervorgehen soll.

Und so müssen wir denn gleiche Aufmerksamkeit und Theil-nahme dem wichtigen Werke der Gebrüder Boifferöe wünschen,dessen erste Lieferung wir früher schon im allgemeinen angezeigt.

Mit aufrichtiger Theilnahme sehe ich nun das Publicumdie Vortheile genießen, die mir seit dreizehn Jahren gegönntsind: denn so lange bin ich Zeuge der eben so schwierigen alsanhaltenden Arbeit der Boissereeschen Verbündeten. Mir fehltees nicht diese Zeit her an Mittheilung frischgezeichneter Risse,alter Zeichnungen und Kupfer, die sich auf solche Gegenständebezogen; besonders aber wichtig waren die Probedrücke der be-deutenden Platten, die sich durch die vorzüglichsten Kupferstecherihrer Vollendung näherten.

So schön mich aber auch dieser frische Antheil in die Nei-gungen meiner frühern Jahre wieder zurück versetzte, fand ichdoch den größten Vortheil bei einem kurzen Besuche in Köln,den ich an der Seite des Herrn Staatsministers von Steinabzulegen das Glück hatte.

Ich will nicht leugnen, daß der Anblick des Kölner Domsvon außen eine gewisse Apprehension in mir erregte, der ichkeinen Namen zu geben wüßte. Hat eine bedeutende Ruineetwas Ehrwürdiges, ahnen, sehen wir in ihr den Conflicteines würdigen Menscheuwerks mit der stillmächtigen, aber auchalles nicht achtenden Zeit, so tritt uns hier ein Unvollendetes,Ungeheures entgegen, wo eben dieses Unfertige uns an die Un-zulänglichkeit des Menschen erinnert, sobald er sich unterfängt,etwas Uebergroßes leisten zu wollen.

Selbst der Dom inwendig macht uns, wenn wir aufrichtigseyn wollen, zwar einen bedeutenden, aber doch unharmonischenEffect; nur wenn wir in's Chor treten, wo das Vollendete uns !mit überraschender Harmonie anspricht, da erstaunen wir froh- ^lich, da erschrecken wir freudig, und fühlen unsere Sehnsucht >mehr als erfüllt. j

Ich aber hatte mich längst schon besonders mit dem Grund- ^riß beschäftigt, viel darüber mit den Freunden verhandelt, und !so konnte ich, da beinahe zu allem der Grund gelegt ist, die zSpuren der ersten Intention an Ort und Stelle genau ver- I

folgen. Eben so halfen mir die Probedrucke der Seitenansichtund die Zeichnung des vordern Aufriffes, einigermaaßen dasBild in meiner Seele anferbauen, doch blieb das, was fehlte,immer noch so übergroß, daß man sich zu dessen Höhe nichtaufschwingen konnte.

Jetzt aber, da die Boissersesche Arbeit sich ihrem Ende naht,Abbildung und Erklärung in die Hände aller Liebhaber gelangenwerden, jetzt hat der wahre Kunstfreund auch in der Ferne Ge-legenheit, sich von dem höchsten Gipfel, wozu sich diese Bau-weise erhoben, völlig zu überzeugen; da er denn, wenn ergelegentlich sich als Reisender jener wundersamen Stätte nähert,nicht mehr der persönlichen Empfindung, dem trüben Vorur-theil oder, im Gegensatz, einer übereilten Abneigung sich hin-geben, sondern als ein Wissender und in die HüttengeheimnisseEingeweihter das Vorhandene betrachten und das Vermißte inGedanken ersetzen wird. Ich wenigstens wünsche mir Glück,zu dieser Klarheit nach fünfzigjährigem Streben durch die Be-mühungen patriotisch gesinnter, geistreicher, emsiger, Ermü-deter junger Männer gelangt zu seyn.

Daß ich bei diesen erneuten Studien deutscher Baukunstdes dreizehnten Jahrhunderts öfters meiner frühern Anhäng-lichkeit an den Straßburger Münster gedachte, und des damals,1772, im ersten Enthusiasmus verfaßten Druckbogens micherfreute, da ich mich desselben beim spätern Lesen nicht zuschämen brauchte, ist wohl natürlich: denn ich hatte doch dieinnern Proportionen des Ganzen gefühlt, ich hatte die Ent-wicklung der einzelnen Zierrathen eben aus diesem Ganzeneingesehen, und nach langem und wiederholtem Anschauen ge-funden, daß der eine hoch genug auferbaute Thurm doch seinereigentlichen Vollendung ermangele. Das alles traf mit denneuern Ueberzeugungen der Freunde und meiner eigenen ganzwohl überein, und wenn jener Aufsatz etwas AmphigurischeSin seinem Styl bemerken läßt, so möchte es wohl zu verzeihenseyn, da wo etwas Unaussprechliches auszusprechen ist.

Wir werden noch oft auf diesen Gegenstand zurückkommen,und schließen hier dankbar gegen diejenigen, denen wir diegründlichsten Vorarbeiten schuldig sind, Herrn Möller undBüsching, jenem in seiner Auslegung der gegebenen Kupfer-tafeln, diesem in dem Versuch einer Einleitung in die Geschichteder altdeutschen Baukunst; wozu mir denn gegenwärtig als er-wünschtes Hülfsmittel die Darstellung zu Handen liegt, welcheHerr Sulpiz Boisseräe als Einleitung und Erklärung derKnpfertafeln mit gründlicher Kenntniß aufgesetzt hat.

Herstellung des Straßtuirger Münsters.

1816 .

Während die Wünsche der Kunst- und Vaterlandsfreundeauf die Erhaltung und Herstellung der alten Baudenkmale amNiederrhein gerichtet sind und man über die dazu erforderlichenMittel rathschlägt, ist es höchst erfreulich und lehrreich zu be-trachten, was in der Hinsicht am Oberrhein für den Münsterzu Straßburg geschieht.

Hier wird nämlich schon seit mehrern Jahren mit großerThätigkeit und glücklichem Erfolg daran gearbeitet, die durchVernachlässigungen und Zerstörungen der Revolution entstan-denen Schäden auszubessern.