Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Fernere; über Kunst.

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das angeschlossene Knie, alles giebt den Ausdruck des Statio-nären, des Beweglich-Unbeweglichen ein wahres Bild dertraurigen Lemuren, denen noch so viel Muskeln und Sehnenübrig bleiben, daß sie sich kümmerlich bewegen können, damitsie nicht ganz als durchsichtige Gerippe erscheinen und zusammen-stürzen.

Aber auch in diesem widerwärtigen Zustande muß dieKünstlerin auf ihr gegenwärtiges Publicum noch immer be-lebend, noch immer anziehend und kunstreich wirken. DasVerlangen der herbeieilenden Menge, der Beifall, den die ruhigZuschauenden ihr widmen, sind hier in zwei Halbgespensterusehr köstlich symbolisiert. Sowohl jede Figur für sich als alledrei zusammen componiren vortrefflich, und wirken in EinemSinne, zu Einem Ausdruck. Was ist aber dieser Sinn, wasist dieser Ausdruck?

Die göttliche Kunst, welche alles zu veredeln und zu er-höhen weiß, mag auch das Widerwärtige, das Abscheuliche nichtablehnen. Eben hier will sie ihr Majestätsrecht gewaltig aus-üben; aber sie hat nur Einen Weg, dieß zu leisten: sie wirdnicht Herr vorn Häßlichen, als wenn sie es komisch behandelt;wie denn ja Zeuxis sich über seine eigene, in's Häßlichste ge-bildete Hecuba zu Tode gelacht haben soll.

Eine Künstlerin, wie diese war^ mußte sich bei ihrem Lebenin alle Formen zu schmiegen, alle Rollen auszuführen wissen,und jedem ist aus Erfahrung bekannt, daß uns die komischenund neckischen Exhibitionen solcher Talente oft mehr aus demStegreife ergehen, als die ernsten und würdigen, bei großenAnstalten und Anstrengungen.

Bekleide man dieses gegenwärtige lemurische Scheusal mitweiblich jugendlicher Muskelfülle, man überziehe sie mit einerblendenden Haut, man statte sie mit einem schicklichen Gewandaus, welches jeder geschmackvolle Künstler unserer Tage ohneAnstrengung ausführen kann, so wird man eine von den komi-schen Posituren sehen, mit denen uns Harlekin und Colombineunser Leben lang zu ergehen wußten. Verfahre man auf die-selbe Weise mit den beiden Nebenfiguren, und man wird finden,daß hier der Pöbel gemeint sey, der am meisten von solcherleiVorstellungen angezogen wird.

Es sey mir verziehen, daß ich hier weitläufiger, als viel-leicht nöthig wäre, geworden; aber nicht jeder würde mir gleichauf den ersten Anblick diesen antiken humoristischen Geniestreichzugeben, durch dessen Zauberkraft zwischen ein menschlichesSchauspiel und ein geistiges Trauerspiel eine lemurische Posse,zwischen das Schöne und Erhabene ein Fratzenhaftes hinein-gebildet wird. Jedoch gestehe ich gern, daß ich nicht leicht etwasBewundernswürdigeres finde als das ästhetische Zusammen-stellen dieser drei Zustände, welche alles enthalten, was derMensch über seine Gegenwart und Zukunft wissen, fühlen,wähnen und glauben kann.

Das letzte Bild, wie das erste, spricht sich von selbst aus.Charon hat die Künstlerin in das Land der Schatten hinüber-geführt, und schon blickt er zurück, wer allenfalls wieder abzu-holen drüben stehen möchte. Eine den Todten günstige, unddaher auch ihr Verdienst in jenem Reiche des Bergessens be-wahrende Gottheit blickt mit Gefallen auf ein entfaltetes Per-gament, worauf wohl die Rollen verzeichnet stehen mögen, inwelchen die Künstlerin ihr Leben über bewundert worden: dennwie man den Dichtern Denkmale setzte, wo zur Seite ihrer

^ Gestalt die Namen der Tragödien verzeichnet waren, sollte derl praktische Künstler sich nicht auch eines gleichen Vorzugs er-^ freuen?

Besonders aber diese Künstlerin, die, wie Orion seineJagden, so ihre Darstellungen hier fortsetzt und vollendet.Cerberus schweigt in ihrer Gegenwart; sie findet schon wiederneue Bewunderer, vielleicht schon ehemalige, die ihr zu diesenverborgenen Regionen vorausgegangen. Eben so wenig fehltes ihr an einer Dienerin; auch hier folgt ihr eine nach, welche,die ehemaligen Functionen fortsetzend, den Shawl für dieHerrin bereit hält. Wunderschön und bedeutend sind diese Um-gebungen gruppirt und disponirt, und doch machen sie, wieauf den vorigen Tafeln, bloß den Rahmen zu dem eigentlichenBilde, zu der Gestalt, die hier, wie überall, entscheidend her-vortritt. Gewaltsam erscheint sie hier, in einer MänadischenBewegung, welche wohl die letzte seyn mochte, womit einesolche Bacchische Darstellung beschlossen wurde, weil drüberhinaus Verzerrung liegt. Die Künstlerin scheint mitten durchden Kunstenthusiasmus, welcher sie auch hier begeistert, denUnterschied zu fühlen des gegenwärtigen Zustandes gegen jenen,den sie so eben verlassen hat. Stellung und Ausdruck sind tra-gisch , und sie könnte hier eben so gut eine Verzweifelnde alseine vorn Gott mächtig Begeisterte vorstellen. Wie sie auf demersten Bilde die Zuschauer durch ein absichtliches Wegwendenzu necken schien, so ist sie hier wirklich abwesend; ihre Bewun-derer stehen vor ihr, klatschen ihr entgegen, aber sie achtetihrer nicht, aller Außenwelt entrückt, ganz in sich selbst hinein-geworfen. Und so schließt sie ihre Darstellung mit den zwarstummen, aber pantomimisch genugsam deutlichen, wahrhaftheidnisch tragischen Gesinnungen, welche sie mit dem Achill derOdyssee theilt, daß es besser sey, unter den Lebendigen alsMagd einer Künstlerin den Shawl nachzutragen als unter denTodten für die Vortrefflichste zu gelten.

Sollte man mir den Vorwurf machen, daß ich zu viel ausdiesen Bildern herausläse, so will ich die elnusnlsiu ss-lu-tsrem hier anhängen, daß wenn man meinen Aufsatz nicht alseine Erklärung zu jenen Bildern wollte gelten lassen, man den-selben als ein Gedicht zu einem Gedicht ansehen möge, durchderen Wechselbetrachtung wohl ein neuer Genuß entspringenkönnte.

Uebrigens will ich nicht in Abrede seyn, daß hinter demsinnlich ästhetischen Vorhänge dieser Bilder noch etwas anderesverborgen seyn dürfte, das, den Augen des Künstlers undLiebhabers entrückt, von Alterthumskennern entdeckt, zu tie-ferer Belehrung dankbar von uns aufzunehmen ist.

So vollkommen ich jedoch diese Werke dem Gedanken undder Ausführung nach erkläre, so glaube ich doch Ursache zuhaben, an dem hohen Alterthum derselben zu zweifeln. Solltensie von alten Griechischen Cumauern verfertigt seyn, so müß-ten sie vor die Zeiten Alexanders gesetzt werden, wo die Kunstnoch nicht zu dieser Leichtigkeit und Geschmeidigkeit in allenTheilen ausgebildet war. Betrachtet man die Eleganz der Her-culanischen Tänzerin, so möchte man wohl jenen Künstlernauch diese neugefundenen Arbeiten zutrauen, um so mehr alsunter jenen Bildern solche angetroffen werden, die in Absichtder Erfindung und Zusammenbildung, den gegenwärtigen wohlan die Seite gestellt werden können.

Die in deni Grabe gefundenen Griechischen Wortfragmente