Teutsche Literatur.
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eine esoterische Lehre daraus zu bilden. Es thut uns leid, daßdiese Verfasser die Regeln einer Erbauungsschrist verkannt undnicht mehr erlaubte Charlatauerie bei ihren Patienten ange-wendet haben. Sie wollten den lallenden, schlafenden und blin-zenden Theil des Publicums curiren, und sie fangen dabei an,daß sie ihm seine Puppe nehmen. Bilderstürmer wollen einenneuen Glauben predigen!
Geliert ist bei ihnen ein mittelmäßiger Dichter ohneeinen Funken von Genie: das ist zu hart! Geliert ist ge-wiß kein Dichter aus der Scala, wo Ossian, Klopstock, Shak-speare und Milton stehen, nach dem Maaßstab, womit War-ten mißt, und wo selbst Pope zu kurz fiele, wenn er den Briefseinep Heloise nicht geschrieben hatte; allein hört er deßwegenauf, ein angenehmer Fabulist und Erzähler zu seyn, einenwahren Einfluß auf die erste Bildung der Nation zu haben?Und hat er nicht durch vernünftige und oft gute KirchenliederGelegenheit gegeben, den Wust der elendesten Gesänge zu ver-bannen und wenigstens wieder einen Schritt zu einer unent-behrlichen Verbesserung des Kirchenrituals zu thun? Er warnichts mehr als ein Bel Esprit, ein brauchbarer Kopf; alleinmuß man ihm daraus ein Verbrechen machen und sich wun-dern, wenn der gemeine Haufen nur Augen und Ohren fürdergleichen Art von Schriftstellern hat? Nicht allein bei uns,sondern in allen Ländern wird die Anzahl der denkenden Men-schen, der wahren Gläubigen immer eine unsichtbare Kirchebleiben. Der Recensent ist Zeuge, daß der selige Mann vonder Dichtkunst, die aus vollem Herzen und wahrer Empfindungströmt, welche die einzige ist, keinen Begriff hatte. Denn inallen Vorlesungen über den Geschmack hat er ihn nie die Na-men Klopstock, Kleist, Wieland, Geßncr, Gleim, Leffing, Ger-stenberg, weder im Guten noch im Bösen, nennen hören. Beider Ehrlichkeit seines Herzens läßt sich nicht anders schließen,als daß sein Verstand sie nie für Dichter erkannt hat. Es warvielleicht auch natürlich, daß er, bei der gebrochenen Constitu-tion seines ganzen Wesens, die Stärke des Helden für Wuthdes Rasenden halten mußte, und daß ihm die Klugheit, dieTugend, die nach Wieland die Stelle aller andern zuweilen indieser Welt vertritt, anrieth, nichts von diesen Männern znsagen.
Wir wünschten, daß die Ausfälle der Verfasser wenigerheftig wären; die Redensarten dethronisiren, aus derSchanze verjagen und dergleichen klingen zu feindlich oderzu niedrig. Indessen ist diese Schrift kein Gewäsche, wie mansie unter diesem Titel dem Publicum hat aus den Händen rä-sonniren wollen. Unter der nachlässigen Weitschweifigkeit dieserBriese verkennt man nie die denkenden Köpfe, und wir empfeh-len die Erinnerung über die Journalisten gleich zuAnfang, die Bemerkung über den Unterschied der FabelS. 142 und 148, die Rettung Miltons gegen die Aus-messungen des Herrn Professor Kästner S. 164, über dasLehrgedicht S. 195, und die vortrefflichen Gedanken überWielands Verdienst als Lehrdichter in der MusarionS. 196, die Rangordnung Gellerts mit Dusch undUz S. 200, den Augenpunkt, woraus sie die GellertscheMoral betrachten, S. 243 und 250, und den ganzen Schlußunsern Lesern zur Beherzigung. Vorsatz zu schaden sieht manaus dem Detail der Kritiken; allein deßwegen sind sie nicht un-richtig. Man hat unter den Fabeln freilich nicht die besten
Goethe, Werke. V.
gewählt, und bei den Erzählungen die schwache Seite Gellerts,das ist, die Malerei untersucht, und ihn am Ende gar mitAriosto gemessen. Wir sind aber doch versichert, daß dieseProduction mit allen ihren sauern Theilen ein nützliches Fer-ment abgiebt, um das erzeugen zu helfen, was wir dann deut-schen Geschmack, deutsches Gefühl nennen würden.
Schreiben über den Homer, an die Freunde der Griechi-schen Literatur. Von Seybold, Professor in
Jena. Eisenach 1772. 8. 51 S.
Herbei, meine jungen Freunde, herbei! die ihr euch längstnach dem Anschauen Homers gesehnt, euch ist ein neuer Sternaufgegangen, ein neuer Marschall, einzuführen zum Thronedes Königs, ein neuer Prophet, der sein Handwerk meisterlichtreibt! Erst Klagen über dies; letzten Zeiten, über dieWolke der Jrrlehrer, die herumtaumeln, das Volk zu ver-führen, und sprechen: Siehe Homer ist hier! Homer ist da!„Ich aber," ruft er, „bring' euch in's Heiligthum; nicht nurzu ihm, auf seinen Schooß setz' ich euch, in seine Arme leg' icheuch! Herbei, ihr Kindlein!"
Wär's nur eine Büste des Altvaters, vor die er euch in-zwischen stellte, euch deutete auf der hohen Stirne würdigeRunzeln, auf den tiefen Blick, auf das Schweben der Honig-lippe, daß der heilige Sinn der überirdischen Gestalt über euchkäme, ihr anbetetet und Wanne und-Muth euch entzündete!welcher ist unter euch so unglücklich, der ideologisch kritisch fragendürfte: Warum bedeckt er den kahlen Scheitel nicht wohl-anständig mit einer Perrllcke?
Hinaus mit ihm! daß er Professor Seybold« Fingerzeigefolge, herumgetrieben werde in Wüsten, wo kein Wasser ist.
Also den Charakter Homerischer Gesänge zu bestimmen,tritt er auf, anzugeben, was und wie Homer gedichtet hat,den Maaßstab zu bezeichnen, wornach seine Fehler und Schön-heiten zu berechnen sind!
Für's erste denn Homers Stoff, und wie er weislich deninteressantesten für seine Nation wählte— den TrojanischenKrieg zur Jlias, dessen Folgen zur Odyssee.
Der Trojanische Krieg Stoss zur Jlias! Mansollte denken, er kenne nur das Gedicht aus der Ueberschrift;aber der Herr Professor haben's gelesen; schlimmer! studirtiimmer schlimmer! Wer interessirt sich einen Augenblick fürTroja? Steht nicht durchaus die Stadt nur als Coulisse da?Ist zum Anfange die Rede von Eroberung der Stadt oder vonwas andern: ? Erfährt man nicht gleich, Troja wird trotz allerBemühungen der Griechen dießmal nicht eingenommen? Setztja kaum einer einmal einen Fuß an die Mauer. Ist nicht dasHauptinteresse des Kampfs bei den Schiffen? Und dann dieHandelnden! Wessen ist das Interesse, der Griechen oder desAchilles? Wenn Homer seiner Nation schmeicheln wollte,war's der Weg, das Unglück ihres Heers durch den Eigensinneines Einzigen bestimmen zu lassen? Wo ist Nationalzweckim ganzen Gedicht ? Der Verdruß und die Befriedigung einesEinzigen; woran die Nation Theil nehmen mußte als Nation,ist hie und da das Detail, nirgends das Ganze.
Nun Stoff der Odyssee! Rückkehr der Griechen!Der Griechen? oder eines einzigen, einzelnen, und noch dazu
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