Deutsche Literatur.
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auszubilden und, bei der fleißigsten Behandlung des einzelnen,sich immer so ausführlich und gleich zu bleiben vermag. Beisieser Ausführung aber weiß ich nicht, was ich mehr bewun-drrn soll, den klar tiefen Eindruck in die menschlichen Gefühle,Gesinnungen, Zustände und Verhältnisse, oder die Heiterkeit,sich in der Natur, ihren Localitäten und Einzelnheiten überallzu ergehen.
Glück wünschen wir ihm aber vorzüglich, daß er vonJugend auf ein Seeanwohner gewesen: dadurch gewinnt ereine Arena, einen Kampf- und Spielraum, auf dem wir seineHelden und Leute bald froh und bald bedrängt sehen, ergewinnt die mannichfaltigsten Luft-, Wasser- und Erd-erscheinurgen; und dann hängt es von ihm ab, uns natürlich-feenhaft brld auf dürren Sandwüsten auszusetzen, bald inFischerhüttm, deren Gewerb mit Garten- und Obstbau ver-bunden ist, erquickend einzuführen; es hängt von ihm ab,Palastreiche Städte am Ufer zu erbauen, Gärten und Parksohne Gleichen zu labyrinthisircn.
Doch wir gehen zu weit, und dürsten auf diesem Wegedie Absicht, uns nicht einzulassen, ehe wir's uns versehen,überschreiten.
Betrachten wir genau, so ist es vielleicht die jugendlicheAnschauung des Meeres, die dem Engländer, dem Spanierso große Vorzüge über den mittelländischen Dichter giebt.Kenner, welchen unsere neuere deutsche Literatur gegenwärtigerist als mir, werden bemerken, wer von dieser Seite mitunserm Dichter wetteifert.
Ein junger Freund, den ich gern über mich und anderereden höre, ertheilt mir auf Ersuchen folgenden Bescheid.
„Olfried und Life na von August Hagen habe sogleichzu lesen angefangen, und den ersten Gesang vollendet. Hier-nach zu urtheilen, scheint der junge Dichter sehr glücklich dieAufgabe gelös't zu haben, wie das Mährchenhafte, Aben-theuerliche, Seltsame auf eine erfreuliche Weise mit bekannter,gewohnter menschlicher Sinnesart in Verbindung zu setzen sey.Alles deutet auf ein heiteres, reines und sehr sanftes Naturell,mit gelindem Schwünge, einer der Fülle und Stärke gar nichtentbehrenden Einbildungskraft hin. Die Griechischen Ueber-schriften wollen wohl sagen, daß der Dichter seinen Sinn amHomer glücklich bewahrt und genährt. Mit Interesse werdeich das Ganze vollenden, mich davon zu durchdringen suchen,um Ihrer Anfrage möglichst genugzuthun.
„Olfried und Lisena habe vollendet. Was ich nachziemlich unterbrochenem Lesen von diesem Product jetzt unge-fähr sagen könnte, wäre dieses. Es ist kein Homerisches Epos,wiewohl die äußere Form Erzählung, und die Einführung aufden Schauplatz durch den Dichter stattfindet. Hier ist vielmehrein geistiger, sittlicher Anakreon, dem Homers Fülle und Breiteeinmal zugesagt hat, in aller Vollständigkeit und Ausführlichkeitgeneigt von sich zu geben, was im steinen, harmlosen Gedichtund Lied unschuldig-anmuthig gerührt und gefallen hätte. Diemoderne Denkweise, die mehr auf die Gesinnung, als auskräftigen sichtbaren Ausdruck nach Art der Alten alles bezieht,verleugnet sich nirgends. Daher denn die innerste Anlage desGedichts mehr von Höhe und Tiefe als Breite zeugt. Ja, dieseletztere ist ganz auf die Nebenpartien und Außerwesentlichkeitenvertheilt. Doch indem ich auf jene länger» Episoden undEinflechtungen von Griechisch-Mythischem ziele, bin ich weit
entfernt, hiermit einen Fehler auszusprechen, vielmehr finde iches höchst liebenswürdig und anmuthig, daß der Dichter, wasdem Norden abgeht, so wahr und unumwunden eingesteht,und gern mit des Südens Vortheilen die Leere und Einödeerfüllen und erheitern mag, die doch nun einmal besteht. Dür-fen wir uns deßhalb wundern, daß uns überhaupt nur einMährchen geboten wird, und daß der Sänger Wahrheit undDichtung sich einander entgegenzusetzen sich gezwungen sieht?Auch hier also fehlt jener antike Vortheil, von einem Gegebenen,wirklich Vorhandenen auszugehen, und die Erfindung einesnicht Vorhandenen, Daseyenden, das an die Stelle des unzu-länglich Wirklichen tritt, äußert sich ganz nach neuerer Dicht-weise.
„Daß jedoch der Dichter jenes Erfundene so unmittelbar,in Verbindung mit seinem Oertlichen, Klimatischen, ja mitseiner persönlichen, individuellen Gesinnung bringt, muß ihmals eine höchst glückliche Auskunft ausgelegt werden, jenembezeichneten antiken Vortheil sich zu nähern. Und vielleicht isthier der Punkt, wo die ganze Production mir am heitersten,reinsten und lobenswürdigsten erscheint. Denn geben wir jenefrauenhafte Gesinnung einmal zu, so muß uns die Fülle, derReichthum von Gleichnissen und Schilderungen, die alle demLandstrich, der Meeresküste, der Vegetation entnommen sind,höchst überraschend seyn, indem wir diese wirklichen Elementezu einem neuen Ganzen abermals verbunden sehen, das eigent-lich jenseits und über dem Wirklichen steht. Ueberhaupt dürfteman fragen, ob das Gedicht im Sinne unserer neuern Roman-tiker romantisch zu nennen sey? Es ist zwar im reinsten undzartesten Sinne von Sehnsucht, welche die höchsten, sogarüberirdischen Regionen berührt, gedichtet; indessen werden wirdoch auf einen Himmel, ein Ewiges, Dauerndes geführt, dasnicht zu Ungunst, sondern zum Vortheil des viel schwächen!Erdenwesens sich wirksam erweis't. Und so ist eigentlich jeneKluft gefüllt, die unsere gemeinen Romantiker zwischen Erd'und Himmel nur immer größer zu machen sich bestreben.
E. Schubarth."
Olfried und Lisena noch einmal.
1821.
Da wir bei abermaliger Betrachtung genannten Gedichtesdie Neigung gegen dasselbe und gegen den Autor zu verändernkeinen Anlaß gefunden, vielmehr die früher gehegte gute Ge-sinnung sich unangefochten erhalten hat, so möchten wir demDichter gern etwas zu Liebe thun, etwas aussprechen, das ihnfür alle Zukunft fördern könnte.
Denn was an ihm allenfalls auszusetzen sey, darüber wer-den ihn unsere landsmännischen Kritiker gar umständlich be-lehren ; wir aber wollen ihn mit einem kurzen Worte berathen,welches zu befolgen er gewiß heilsam finden wird. Wir wün-schen nämlich, daß er sich's für die nächste Zeit, vielleicht füralle Zeiten, zum Gesetz mache, nur kurze, einfache Erzählungenzu unternehmen; er wähle sich aus der Geschichte, aus Ueber-lieferungen, aus Erfahrung irgend ein prägnantes Motiv,welches, entwickelt, ästhetisch-moralische Zufriedenheit erweckenkönne. Er behandle solches ausführlich und umständlich; dieEigenthümlichkeit desselben werde aus sich selbst geschmückt underwachse zu fröhlichen Theilen; je kürzer er sich faßt, desto