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Teiüss.e üitcratur.
Bei dem obgenannten hatte ich mich besonders zu er- lfreuen, und zwar will ich zuvörderst der gemüthlich ausführ- ^lichen Darstellung des Messias von Händel gedenken; sie ^erregte in mir die unwiderstehliche Sehnsucht, von dem Werke, ^das mich früher an die ernsteste Tonkunst herangeführt, so viel jabermals zu vernehmen, daß die alten halbverklungenen Ge« ^fühle sich wieder entwickelten und die jugendlichen Genüsse in iGeist und Seele sich nochmals erneuerten. j
Dazu gelange ich denn jetzt unter der Anleitung eines !wackern Musikdirektors, durch Theilnahme von Tonkünstlern ^und Liebhabern. Ich folge nunmehr dem Gange des unschätz-baren Werkes nach vorliegender Anleitung; man schreitet vor,man wiederholt; und so hoffe ich, in einiger Zeit ganz wiedervon Händelscher Geistesgewalt durchdrungen zu seyn.
Die Biographien Hitlers und der Schmehling-Mara ^thaten mir sehr wohl, und veranlaßten nachstehende Betrachtung. sUnbekannt mit der nächsten Umgebung, lebt die Jugendimmerfort, entweder zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder mitGedanken und Bestrebungen in die Ferne gerichtet; nur die ^Folgezeit klärt uns über die vergangene Gegenwart auf.
Dießmal ward ich denn in jene Tage versetzt, wo ich inLeipzig, in studentischem Dunkel und Dünkel, umherging, allesguten Willens mir bewußt, nach undeutlichen Zwecken aufIrrwegen tastete.
Auch ich habe den guten Hiller besucht und bin freund- ^lich von ihm aufgenommen worden; doch wußte er mit meinerwohlwollenden Zudringlichkeit, mit meiner heftigen, durchkeine Lehre zu beschwichtigenden Lernbegierde sich so wenig als !andere zu befreunden. i
Auch jene Demoiselle Schmehling habe ich damals be- ^wundert, eine werdende, für uns unerfahrene Knaben höchst !vollendete Sängerin. Die Arien: Kni terrew xiuAatn n ^morde etc. und knr olle äi §inbito etc. aus Hasses Helena !auf dem Calvariberg weiß ich mir noch im Geiste hervor-zurufen.
Indem ich mich nun mit diesem und den übrigen anmuthigbelehrenden Aufsätzen unterhalte, scheint mir der Mann zurSeite zu stehen, den ich schon so lange Jahre als freundlichtheilnehmenden Mitgenossen eines bedeutenden Zeitalters zuehren hatte, der zu meinem Lebensgange sich heiter und froh,wie ich mich zu dem seinigen, gefügt. Von der ersten Zeit an !erscheint er als rein wohlwollender Beobachter, und ebendiesen Charakter gewinnen seine Vortrage; er schreitet ruhiggetrost in der Literatur seiner Tage daher, erwirbt die voll-kommenste Leichtigkeit des Ausdrucks, sagt nur, was sich aus-sprechen läßt, und spricht es gut aus; zu seinem größten Vor-theil aber begleitet ihn überall eine eingeborene Harmonie, einmusicalisches Talent entwickelt sich aus seinem Innern, under fördert es mit Sorgfalt so, daß er seine schriftstellerischeGabe zu Darstellung von musicalischen Erfahrungen und Ge-setzen mit Leichtigkeit benutzen kann. Wie viel ihm die ge-bildete Welt hierin schuldig geworden, ist kaum mehr zu sondern:denn seine Wirkungen sind schon in die Masse der Ration über-gegangen, woran er sich denn in einem höhern Alter uneigen-nützig mit allgemeiner Beistimmuug vergnügen kann.
Seine heitern Produktionen, die man als Blüthen einerwirklichen Welt ansehen darf, sind von jedermann gekannt,und werden auch in einer neuen concentrirten Ausgabe, die
unter dem Titel: „Auswahl aus Fr. Ro chlitz'sämmtlichenSchriften, Leipzig 1821 u. fs." erschien, seinen Freunden aber-mals in die Hände gegeben und jüngern Lesern als liebens-würdige neue Gabe geboten.
Hier enthalte ich mich nun nicht, einer der wundersamstenProduktionen zu gedenken, die sich vielleicht je, man darf wohlsagen ereignet haben. Es ist das Tagebuch der Schlachtbei Leipzig, wo die beiden Talente des Verfassers als Schrift-stellers und Tonkünstlers vereint hervortreten, und zugleichsein ruhiger, zusammengenommener Charakter sich bewährt,wie der eines Schiffers im Sturm, aufmerkend geschäftig, ob-gleich beängstigt, sich gar löblich hervorthut.
Das Bedürfniß unseres Freundes, Ereignisse zu beobachten,seine Gedanken durch Schrift, seine Empfindungen musicalischauszudrücken, wird uns dadurch erhalten und auch der Folgezeitoffenbart. Das Unbewußte, Desultorische der überdrängtestenAugenblicke — von gefahrvoller Beobachtung kaum zu über-lebender Momente zum Flügel, um das Herz zu erleichtern,zum Pult, um Gedanken und Anschauungen zu fixiren — isteinzig; mir ist wenigstens nichts Aehnliches bekannt. Diesebewußte Bewußtlosigkeit, dieses unvorsätzliche Betragen, diesebedrängte Thätigkeit, diese nur durch Wiederkehr zu gewohnten,geliebten Beschäftigungen gefundene Selbfthülfe, wo eine imaugenblicklichen bänglichen Genuß erhäschte Wiederherstellungschon genügt, um größern Leiden mit unverlorener Selbst-ständigkeit wieder entgegengehen zu können — alles dieses istein Document für künftige Zeiten, was die Bewohner Leipzigsund der Unigegend gelitten haben, als das Wohl der Deutschennach langem Druck sich endlich wieder aufrichtete.
Auch mir besonders war dieses Tagebuch von großer Be-deutung, indem ich gerade in denselbigen Stunden noch inahnungsvoller Sicherheit, umgeben von einer ängstlichen Stille,meinen gewöhnlichen Geschäften nachging, oder vielmehr imTheatergeschäft den Epilog zu Essex schrieb, in welchemdie merkwürdigen prophetischen Worte vorkommen:
Der Mensch erfährt, er sey auch, wer er mag,
Ein letztes Glück und einen letzten Tag!
Solgers nachgelassene Schriften und Sriefwechsel.
Zwei Bände.
1827 .
Alle Memoiren einigermaaßen bedeutender Menschen lieftman mit großem Antheil, und das mit Recht: wir werdenunmittelbar in die fernsten Gegenden und Lebenszustände ver-setzt, und doch müssen wir immer den Charakter, das Her-kommen und die Denkweise des Verfassers abziehen, wennwir uns daraus wahrhaft unterrichten wollen.
Briefe eines einflußreichen Mannes an einen oder mehrereFreunde, in einer Reihe von Jahren geschrieben, geben unsschon einen reinern Begriff von den obwaltenden Zuständenund Gesinnungen. Aber ganz unschätzbar sind Briefwechselzweier oder mehrerer durch Thätigkeit in einem gemeinsamenKreis sich fortbildender Personen.
Dieses gilt von dem in dem ersten Theil obgenanntenWerkes uns in die Hände gegebenen Briefwechsel. Die drei