Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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'Deutsche Literatur.

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und dabei erwarten darf, daß diese Anklänge in Ohr und Ge-müth so manches Wohlwollenden noch lange wiederzutönengeeignet sind.

westliche Kosen von Friedrich Kiickert.

1821 .

Es läßt sich bemerken, daß von Zeit zu Zeit in der deutschenNation sich gewisse dichterische Epochen hervorthun , die, in sitt-lichem und ästhetischem Boden ruhend, durch irgend einen An-laß hervorgerufen, eine Zeit lang dauern, denselben Stoffwiederholen und vervielfältigen. Man tadelt öfters einen solchenVerlauf; ich finde ihn aber nothwendig und wiinschenswerth.Wir hören, wnl hier besonders von Liedern die Rede seyn soll,einen sanft melcncholischen Anklang, der sich von Hölty bis zuErnst Schulze durchzieht; der hochgesinntedeutsche Hermanns-geist, von Klopßo ck ausgehend, hat uns wenige, aber herr-liche Melodien gelüfert; in wie viel hundert Klängen erschollzur Kriegs - und Siegeszcit das Gefühl älterer und jüngererDeutschen, wie eifrig begleiteten sie nicht mit Gesängen undLiedern ihre Thaten und Gesinnungen! Da man aber denn dochim Frieden auch einmal, und wäre es nur auf kurze Stunden,in heiterer Gesellschaft sich als Ohnesorge fühlen will, so warein fremder Hauch nicht unwillkommen, der, dem Ostwindvergleichbar, abkühlend erfrischte und zugleich uns der herrlichenSonne, des reinen blaiwn Bethers genießen ließe. Von denCompositionen meines Divan habe ich schon manche Freudegewonnen. Die Zelterscheu und Eberweinschen gut vor-getragen zu hören, wie es von der so talent- als sangreichenGattin des letztem geschieht, wird gewiß jeden Genußfähigcnin die beste Stimmung versetzen.

Und so kann ich denn Rückerts obenbezeichnete Liederallen Musikern empfehlen; aus diesem Büchlein, zu rechterStunde aufgeschlagen, wird ihnen gewiß manche Rose, Narcisse,und was sonst sich hinzugesellt, entgegenduften; von blendendenAugen, fesselnden Locken, gefährlichen Grübchen findet sichmanches Wünschenswerthe; an solchen Gefahren mag sich Jungund Alt gerne üben und ergetzen.

Obgleich die Ghaselen de^ Grafen Platen nicht fürden Gesang bestimmt sind, so erwähnen wir doch derselben gernals'wohlgefühlter, geistreicher, dem Orient vollkommen gemäßer,sinniger Gedichte.

Die drei Paria.

1821 .

DerParia, Trauerspiel in Einem Aufzuge, vonMichaelBeer. Von vorliegendem Stücke können wir nicht handeln,ohne von den Motiven zusprechen, woraus es gebildet worden:denn eben in einer sehr klugen Verknüpfung dieser zu einemeffectvollen Ganzen beruht des Verfassers bedeutendes Verdienst.

Diese Motive nun sind hergenommen aus den bürgerlichenVerhältnissen, Zuständen und Gebräuchen der Jndier, undumfassen dieses Volks zwei höchst tragische Seiten, deren eineauf der schroffen Sonderung der Kasten ruht, woraus unsäg-liche Schmach für die tiefste derselben hervorgeht; die andere

gründet sich auf den schrecklichen Gebrauch, daß eine Wittweihrem Gatten in den Tod folgen und sich mit ihm lebendig ver-brennen muß.

Das erste dieser tragischen ^Elemente geht als vorwaltenddurch das ganze Stück und entwickelt sich in der Gegenwart;das zweite wird zur Beihülfe aus der Vergangenheit hervor-gerufen und wirkt wie aus der Ferne in seinen Folgen auf denAugenblick, oder wird erzählungsweise herangezogen. DasStück führt denn auch, dem Hauptmotiv gemäß, den Titelder Paria, und mit diesem Namen deutet es im Voraus aufalle tragischen Momente, die wir zu erwarten haben.

Die Kaste der Parias nämlich ist die unterste, herabgewür-digte, allgemein verachtete aller Indischen Kasten; sie wird,als von Gott und Menschen verworfen, für unrein gehalten;sie darf das Allerniedrigste verrichten, wovor die übrigen Scheutragen; sie ist an nnd für sich unrein und aller Welt ein Gräuel.Aus dem Gebrauch der Jndier, ihre Hunde gewöhnlich Pariazn nennen, sieht man, welcher tiefen Verachtung diese Kastepreisgegeben ist: denn der Hund steht noch etwas höher; seineNähe besudelt nicht, aber die Nähe eines Paria; weßhalb dennein von diesem berührter Jndier unrein wird und sich durchWaschen und umständliche religiöse Ceremonien mühselig rei-nigen muß, wenn er sich nicht aus seiner Kaste verstoßen sehenwill.

Die Gegenwart eines Paria wird daher von allen übrigenJndiern mit Abscheu gemieden und geflohen. Sieht ein Braminauf seinem Weg einen Paria kommen, so läßt er ihm vonweitem zurufen, und dieser muß auf eine ferne Strecke aus-weichen. Begegnet ein Paria einem Naja aus der Kaste derKrieger und er weicht nicht aus, so darf ihn der Raja auf derStelle niederstoßen. Wie grausam dieses auch scheinen mag, soist es doch nur von Seiten der höhern Kasten eine Noth-wehr: denn sie kommen in Gefahr, ein gleiches Geschick zuerdulden. In solchen Fall würde ein Bräunn gerathen, dersich in der höchsten Noth einen Trnnk Wasser reichen ließe;ein von aller Welt verlassener Kranker muß lieber sterben alsvon irgend einem der Unreinen Hülfereichung annehmen; denner würde sogleich zu jenen gezählt.

Noch ein anderer Umstand ist zu bemerken. Verwirkt jemanddie Ehre seiner Kaste, so fällt er sogleich in die tiefste herab;die Mißheirath der Tochter eines Raja, nur um eine Stufetiefer, wirft sie gleich in die Classe der Parias. Ein gleichesSchicksal würde die Wittwe erfahren, die sich weigerte, mitihrem verstorbenen Gemahl lebendig verbrannt zu werden.

In so vielem Betracht ist der Zustand eines Paria ein Zu-stand des höchsten Elends und der tiefsten Erniedrigung, zuwelcher die menschliche Natur herabgewürdigt werden kann,und um so schrecklicher, als keine Rettung daraus möglich ist.Wer einmal in diese Hölle, durch Geburt oder Vergehen, ge-stoßen worden, der und seine Nachkommen müssen ewig darinverbleiben: kein Verdienst kann erlösen, ja der Unglücklichekann sich nicht einmal Verdienst erwerben, und wäre er nochso edel und tapfer; er darf nicht für die Rettung seines Vater-landes kämpfen und bluten.

Wegen solcher allgemeinen Verachtung und drohender Per-sönlicher Gefahr sind die Parias überhaupt sehr scheu undfurchtsam, und prägen auch ihren Kindern frühzeitig ein, sichum alles in der Welt keinem aus den übrigen Kasten zu nähern.