536
Deutsche Literatur.
Ohnehin müssen sie aus den Städten sich fern hatten, keinemTempel dürfen sie nahen, keinem öffentlichen Gottesdienst bei-wohnen, ja nicht einmal auf den Märkten unter Käufer undVerkäufer sich mischen. Von ferne deuten sie auf die Waare,die sie gerne kaufen möchten, legen den Betrag dafür hin undziehen sich zurück. Hat der Verkäufer das Geld geholt und dieWaare zurückgelassen, so eilen sie pfeilschnell mit ihr davon.Kein Wunder also, daß solche Jammerleute an einsamen, ab-gelegenen Orten ihre Wohnung suchen, in elenden Hütten sichaufhalten, in Bergklüften und Wäldern, in Gesellschaft derAffen und übrigen wilden Thiere.
Der gemeine, an Geist und Herzen auf einer niedrigenStufe stehende Paria nun findet sich schon in seinen Zustand;er weiß es nicht anders, er ist von Jugend auf daran gewöhnt,und es kommt ihm nicht in den Sinn, daß er etwas Bessereswerth sey, zumal da ihm von der frühesten Kindheit auf ein-geprägt wird, Gott habe ihn um der in einem frühern Lebenbegangenen Sünden willen in den Zustand versetzt, worin ergeboren worden.
Wenn abex ein edler, vorzüglich begabter Mensch, sey esdurch eigenes Vergehen oder durch die Schuld der Vater, sichals Paria fühlt und alle die unsägliche Schmach seines Stan-des mit Bewußtseyn und in vollem Gefühl seiner Menschen-würde erdulden muß, so wird ein Conflict seines edlen Selbstmit den ihn erniedrigenden Satzungen und bürgerlichen Ver-hältnissen entstehen, der nicht tragischer gedacht werden kann.
Dieser Conflict wird im vorliegenden Trauerspiel sehrfühlbar, indem der Held des Stucks durchaus als ein edler,hochstehender Mensch gezeichnet ist. So auch verdient der Ver-fasser wegen der Wahl des Gegenstandes alles Leb; denn derParia kann füglich als Symbol der herabgesetzten, unter-drückten, verachteten Menschheit aller Völker gelten, und wieein solcher Gegenstand schon allgemein menschlich erscheint, soist er dadurch höchst Poetisch.
Nicht weniger ist der Verfasser wegen der in der Behand-lung seines Gegenstandes bewiesenen großen Oekonomie zuloben. Ohne Zwang sind alle jene tragischen Motive in einemeinzigen Act zusammen gebracht, die Handlung entwickelt sichau einem einzigen Ort, und der handelnden Personen sindnur drei.
Von vorzüglichen Schauspielern dargestellt, muß dieseskleine Stück sehr schonen Effect machen, und so soll es dennallen Bühnen auf das beste empfohlen seyn.
Eckermann.
Bemerkenswerth ist es, daß in neuerer Zeit der Paria-kaste Zustand die Aufmerksamkeit unserer Dichter auf sichgezogen. Früher schon war lyrisch dargestellt, wie eine Bajadere,als Glied dieses verworfenen Geschlechts, durch leidenschaftlicheLiebe, durch Anhänglichkeit an ein göttliches Wesen bis in denFlammentod, sich selbst zur Göttin erhoben.
Von dem deutschen Paria in einem Acte und seinen Ver-diensten haben wir so eben Rechenschaft erstattet; er schildertden gedrücktesten aller Zustände bis zum tragischen Untergang.
Die Französische Tragödie Paria, in fünf Acten, hat dießmehr als tragisch-grausame Motiv von der energischen Seitegenommen. Ein Pariavater, in die Wüste zurückgezogen, ruht
> mit ganzer Seele auf einem trefflichen Sohn; dieser, zu Jiiug-j lingsjahren herangereift, thatenlnstig, verlaßt den Alten heimlichund beraubt ihn also des schönsten Surrogates aller versagten^ irdischen Glückseligkeit. Er mischt sich unter Pas heimiche, Kriegsherr und kämpft mit demselben gegen das Eindringeneiner Macht, die der Brammen Herrschaft zu zerstören troht,thut sich hervor, si^gt, und der Lberbraminc wird ihm großenDank schuldig, unwissend wem. Dieses geistliche Oberhauptnun besitzt eine sehr liebenswürdige Tochter, die, me billig,dem Tüchtigen gewogen ist, der auch ihren Reizen nicht wider-steht. Der Alte selbst, der es Vortheilhaft findet, bei sinkendemAnsehen mit dem Tüchtigen in Verwandtschaft zustehen, be-günstigt die Neigung, und ein Eheband wird beschlossen. Hiertritt nun in deni Gewissen des wackern Helden das traurigeBewußtseyn gewaltsam hervor, und indem er sich und seineWünsche bekämpft, erscheint unseligerweise der Vater und ver-dirbt, wie in der Jungfrau von Orlcans der Alte, das ganzeVerhältniß unwiederbringlich. Mehr sagen wir nicht, weil einjeder, der Literatur zu schätzen weiß, dieß sehr schön gedachte,Wohl durchgeführte Stück selbst gelesen hat oder es zu lesenbegierig seyn wird.
Nach dieser doppelten in's Tragische gesteigerten Ansicht destraurigsten Zustandes wird man zu Erholung und Erhebunggerne das Gedicht betrachten, welches, nach einer IndischenLegende gebildet, im ersten Baude meiner Werke abgedruckt ist.Hier finden wir einen Paria, der seine Lage nicht für rettungs-los hält; er wendet sich zum Gott der Götter und verlangt eineVermittlung, die denn freilich auf eine seltsame Weise herbei-geführt wird.
Nun aber besitzt die bisher von allem Heiligen, von jedemTempelbezirk abgeschlossene Kaste eine selbsteigene Gottheit, inwelcher das Höchste dem Niedrigsten eingeimpft ein furchtbaresDrittes darstellt, das jedoch zu Vermittlung und Ausgleichungbeseligend einwirkt.
Wundern darf es uns nicht, daß in unsern, so manchemWiderstreit hingegebenen Tagen auch milde Stimmen sich hieund da hervorthun, welche, genau betrachtet, auf ein Höhereshinweisen, von wo ganz allein befriedigende Versöhnung zuhoffen ist.
Die Hofdame.
Lustspiel in fünf Acten, voü Fr. von Elsholtz,
Weimar, den 16, November 182S.
Dieses Stück, in guten Alexandrinern geschrieben, hat mirviel Vergnügen gemacht. Die Absicht des Verfassers mochteseyn, das Lächerliche des Gefühls darzustellen. Sinn ist dasGefühl an sich niemals lächerlich, kann es auch nicht werden,als indem es seiner Würde, die in dem dauernden Gemüth-lichen beruht, zu vergessen das Unglück hat. Dieß begegnetihm, wenn es dem Leichtsinn, der Flatterhaftigkeit sich hingiebt.
In unserm Drama spielen sechs Personen, die durchschwankende Neigungen sich in Lagen versetzt finden, die aller-dings für komisch gelten dürfen; wobei jedoch, da alles unteredlen Menschen erhöhten Standes vorgeht, weder das Sittlichenoch das Schickliche im allgemeinen verletzt wird. Das Stück