Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Deutsche Literatur.

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ist gut compouirt, die Charaktere entschieden gezeichnet; diesechs Personen verwirren sich genugsam durch einander, unddie Auflösung beruhigt das hie und da besorgte moralischeGefühl. Noch deutlicher zu machen, wovon hier die Rede ist,sey mir vergönnt, der Mitschuldigen zu erwähnen.

Verbrechen können an und für sich nicht lächerlich seyn, siemüßten denn etwas von ihrer Eigenschaft verlieren; und dießgeschieht, wenn sie durch Noth oder Leidenschaft gleichsam ge-zwungen verübt werden. In diesem Falle nun sind die vierPersonen des gedachten Stücks. Was sie thun, sind eigentlichnur Vergeben; der Buffo entschuldigt sein Verbrechen durchdas Recht des Wiedervergeltens, und somit wäre nichts daranauszusetzen. Auch ist es in der deutschen Literatur geschätzt.So oft es jedoch seit fünfzig Jahren auf dem Theater hervor-tauchte, hat es sich niemals eines günstigen Erfolgs zu erfreuengehabt, wie der auf dem Königsstädter Theater ganz neuerlichgewagte Versuch abermals ausweißt. Dieses kommt jedochdaher, weil das Verbrechen immer Apprehension hervorbringt,und der Genuß am Lächerlichen durch etwas beigemischtesBängliches gestört wird. In gleichem Sinne ist das neue Stückaus heterogenen Elementen bestehend anzusehen. Das Gefühl-erregende, Gemüthliche will man in der Darstellung nichtHerabsteigen sehen, und wenn man sich gleich tagtäglich Liebes-wechsel erlaubt, so möchte man da droben gern was Besseresgewahr werden. Besonders ist dieß die Art der Deutschen,worüber viel zu sagen wäre.

Dennoch aber halte ich dieses Stück für vorzüglich gut, undjedermann wird es dafür ansprechen, wenn er sich ihm ganzhingicbt und sich in der eigenen Welt, die es darstellt, behagt,das Mißfallen an einem allzu grellen Ncigungswechsel aufgiebtund die Menschen nimmt, wie sie ihm der Dichter vorführt.Deßwegen würde das Ganze, wenn es eingriffe, immer,je länger je mehr, gefallen, da es in sich consequent undlebendig ist.

Die Aufführung hat Schwierigkeiten; sie müßte durchausim hohem Tone der gebildeten Gesellschaft durchgehalten werden.Die Eigenthümlichkeit des vornehm geselligen Betragens wäreunerläßlich; auch müßte im letzten Acte das Kommen undGehen kunstreich und gleichsam im Tacte behandelt werden.Ein äußeres Hinderniß der Vorstellung wird auf den meistenTheatern seyn, daß drei Frauenzimmer von gleicher Größeneben einander zu finden wären, damit die Unwahrscheinlichkeitder Mißgriffe nicht allzu groß würde. Ja noch gar manchesandere würde ein einsichtiger Regisseur zu bemerken haben.Ferneres Bedenken erregt der eigentliche Stoff. Die Handlunggeht an einem Hofe vor, der zwar nicht verderbt, aber dochnicht musterhaft ist; daher möchte das Stück da, wo es eineinsichtiges Publicum findet, nicht leicht gespielt werden, undwo es gespielt wird, kein competentes Publicum finden.

Alles überdacht, so thäte der Verfasser wohl, es drucken zulassen. Die deutschen Theater haschen durchaus nach Neuig-keiten; es wird manches Bedenkliche, ja Verwerfliche gegeben;ich wäre selbst neugierig, welche Regie die Vorstellung zuerstwagte.

Beim Lesen und Vorlesen müßte es durchaus gefallen,besonders wenn in einer gebildeten Gesellschaft sechs Personenvon Sinn, welche den Alexandriner vorzutragen verstehen, sichdaran gäben, ihre Rollen wohl zu studiren und es sodann mit

Geist und Leben vorzutragen. Eine solche Unterhaltung würde,sobald mehrere Exemplare vorhanden sind, ich selbst veran-stalten. Vielleicht wäre dieß auch der sicherste Weg, diese glück-liche Production dem Theater zu empfehlen.

Weimar, den tt. December 182S.

Es war ein sehr glücklicher Einfall des Dichters, seine vor-nehmen Weltleute aus Italien zurückkommen zulassen; dadurchverleiht er ihnen eine Art von empirischer Idealität, die sichgewöhnlich in Sinnlichkeit und Ungebundenheit verliert, wovondenn auch schon glücklicher Gebrauch gemacht, noch mehr Vor-theil aber daraus zu ziehen ist. Gehen wir schrittweise.

Die Scene, wo der Fürst, Adamar und der Hofmar-schall allein bleiben, ist die erste ruhige des Stücks. Hier istder Zuschauer geneigt aufzumerken; deßwegen sie mit großerUmsicht und Sorgfalt zu behandeln ist; ungefähr solgender-maaßen.

Der Hofmarschall formalisirt sich über das Geschehene,als über etwas höchst Tadelnswerthes und Ungewöhnliches.

Der Fürst entschuldigt den Vorfall durch seine alte wieder-aufwachende Jagdliebe, bringt das Beispiel von Pferden, welcheder gewohnten Trompete und dem Jagdhorn unwiderstehlichgehorchen; bemerkt auch, daß über die wilden Schweine vomLandmann schon viele Klagen geführt worden, und schließt,daß der Fall nicht so ganz unerhört sey, daß ein Beispiel inWelschland ihm sey erzählt worden.

Der Hofmarsch all kreuzigt und segnet sich vor Welsch-land , ergeht sich über die freie, ungebundene Lebensart, an dieman sich gewöhne, und giebt dem Umgänge mit Künstlernalles schuld.

Der Fürst wendet sich scherzend an Adamar und fordertihn auf, seine Freunde zu vertheidigen.

Adamar erwiedert, man habe die Künstler höchlich zuschätzen, daß sie in einem Lande, wo alles zu Müßiggang undGenuß einlade, sich die größten Entbehrungen zumutheten, umeiner vollkommenen Kunst, dem Höchsten, was die Welt jegesehen, unermüdet nachzustreben. (Dieß kann eine sehr schöneStelle werden, und ist mit großer Sorgfalt auszuführen.)

Der Hofmarsch all läßt die Künstler in Italien gelten,findet aber ihr Aeußeres gar wunderlich, wenn sie nach Deutsch-land kommen. Hier ist heiter und ohne Bitterkeit das Costümder zugeknöpften Schwarzröcke zu schildern: der offene Hals,die herabfallenden Locken, allenfalls die Brille, das Schuurr-bärtchen.

Der Für st entgegnet durch Herabsetzung der Hofuniform,die er selbst an hat, und die ihm wohl steht. Von einem geist-reichen, talentvollen Menschen, der in der Natur leben wolle,könne man dergleichen Auszug nicht verlangen. Der Fürst, alsseiner Braut entgegenreitend, muß sehr wohlgekleidet erscheinen,und das Auge des Zuschauers muß den Worten des Schau-spielers widersprechen.

Der Hofmarschall läßt die Künstlermaske in Italiengelten, nur sollten sie nicht an deutschen Höfen erscheinen. Sohabe sich neulich der Fürst mit einem ganz familiär betragen;es habe gar wunderlich ausgesehen, wenn Ihre Hoheit miteinem solchen Natursohne aus dem Mittelalter durch die Feldergegangen seyen.