Teutsche Literatur.
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ein, und drängt sich immer wieder vor. Eigentlich sind es aberkeine Beschreibungen, sondern Durchsinge, die man mit ihmauf zerbrechlichen Wägelchen, oft auch zu Fuße, machen muß,und sich daran nur desto mehr ergeht, als man weder durch-näßt noch ermüdet, weder ab- noch umgeworfen, den Vorfällenganz ruhig zusehen kann.
Warum man aber gern in seiner Nähe bleibt, sind diedurchgängig sittlichen Manifestationen seiner Natur; er wirduns durch seinen reinen Sinn bei einem natürlichen Handelnhöchst interessant. Es wirkt so angenehm erheiternd, ein wohl-gesinntes , in seiner Art frommes Weltkind zu sehen, welchesden Widerstreit im Menschen von Wollen und Vollbringen ausdas anmuthigste darstellt. Die besten Vorsätze werden im Lausdes Tages umgangen, vielleicht das Gegentheil gethan. Dießincommodirt sein Inneres dergestalt, daß zuletzt ein tief-gefühlter, wenn auch paradox ausgedrückter Befserungssinn,unter der Form einer Ehrensache, hervortritt.
Er sagt: Wenn ich bei irgend einem Anlaß mein Ehren-wort einem andern gebe und es nicht halte, so muß ich michmit ihm schlagen; wie wäre es denn, wenn ich mir selbst dasEhrenwort gäbe, dieses und jenes, was mich oft reut, zu unter-lassen? da käm' ich denn doch gegen mich selbst in eine bedenk-liche Stellung. Wäre denn wohl Kants kategorischer Imperativ,in empirischer Form, gleichnißweise, artiger auszudrücken?
Religionsbegriffe oder Gefühle sind, wie man hieraus sieht,ihm nicht zur Hand. Er bescheidet sich, daß dem Menschen übergewisse Dinge keine deutliche Auskunft gegeben sey. Der äußereCultus, den man, das Innere zu beschwichtigen, anordnet, istihm deutlich. Die Römische Kirche wie die Anglikanische läßter bestehen, aber unbewunden spricht er aus, was er von ihnenhält. Dagegen bekennt er sich zu dem, was man sonst natür-liche Religion nannte, was aber in der neuern Zeit schon wie-der sich zu einer andern Ansicht gewendet hat. Der Frömmeleiist er besonders aufsässig, und einige, wie es jedoch fast scheinenwill, von fremder Hand eingeschaltete Aufsätze drücken sich sehrstark hierüber aus.
Ritterlich, wie oben gegen sich selbst, benimmt er sich durch-aus, und die Art, wie er sich überall ankündigt, jederzeit auf-tritt, bringt ihm großen Vortheil. Man denkt sich seine Personansehnlich und angenehm; er stellt sich Hohen und Geringerngleich, allen willkommen. Daß er die Aufmerksamkeit vonFrauen und Mädchen besonders erregt, ist wohl naturgemäß;er zieht an und wird angezogen, weiß aber, als welterfahrenerMann, die kleinen Herzensangelegenheiten mild und schicklichzu endigen. Freilich hat er alles an eine innig geliebte, ihmdurch Neigung angetraute Freundin zu berichten, wo er sichdenn wohl mancher dämpfenden Ausdrücke bedienen mag. Nichtweniger versteht er, hie und da verfängliche Geschichten, mitAnmuth und Bescheidenheit, wie es die beste Gesellschafterträgt, schicklich einzuflechten.
Die Reise ist in den letzten Jahren unternommen unddurchgeführt, bringt also das Neueste aus genannten Ländern,wie ein geistreicher, um - und einsichtiger Mann die Zuständegesehen, uns vor Augen. Nach unserer Meinung gereicht esdiesem Werke zu großem Vortheil, daß die zwei letzten Bändevor den zwei ersten erscheinen, wodurch der ganze Vortrag eineepische Wendung nimmt: denn zu jedem, was vorgeht, mußman sich das Vorhergehende denken, welches durch die große
Consequenz des Schreibenden, durch sein sicheres Verhältnißzu der geliebten Freundin erleichtert wird. Mit einem klarenGeiste wird man leicht bekannt, und mit dem Weltmannefindet ihr's gleich bequem, weil er durchaus offen erscheint,ohne eben gerade aufrichtig zu seyn.
Nach und nach hilft uns der werthe Mann selbst aus demTraume. Man sieht, es ist ein schönes, höchst fähiges Indivi-duum, mit großen äußern Vortheilen, und zu genügendemGlück geboren, dem aber, bei lebhaftem Unternehmungsgeiste,nicht Beharrlichkeit und Ausdauer gegeben ist; daher ihm dennmanches mißlungen seyn mag. Eben deßwegen kleidet ihn auchdiese wundersam genialisch-zwecklose, für den Leser zweck-erreichende Reise gar zu gut. Denn da wir nicht unterlassenkönnen, Englischen und Irländischen Angelegenheiten unsereAufmerksamkeit zuzuwenden, so muß es uns freuen, einen sobegabten Landsmann gleichsam als forschenden Gesandten dort-hin geschickt zu haben.
Dieß sey genug, obschon noch viel zu sagen wäre, ein solesenswerthes und gewiß allgemein gelesenes Buch vielleichtschneller in Umlauf zu bringen, welches auch als Muster einesprosaischen Vertrags angerühmt werden kann, besonders inbeschreibenden Darstellungen, wohin man immer hingewiesenwird.
Schließlich aber, weil man doch mit einem solchen Indivi-duum immer näher bekannt zu werden wünscht, fügen wir eineStelle hinzu, die uns seine Persönlichkeit etwas näher bringt:
„Einige Zeit später brachte mir Capitän S. die letzte Zei-tung, worin bereits mein Besuch in der beschriebenen Ver-sammlung und die von mir dort gesagten Worte, nebst denübrigen Reden, mit aller der in England üblichen Charlata-nerie, drei oder vier Seiten füllten. Um dir einen ecknntUIonvon diesem Genre zu geben, und zugleich mit meiner eigenenBeredtsamkeit gegen dich ein wenig zu prunken, übersetze ichden Anfang des mich betreffenden Artikels, wo ich in ebendiesem Ton angepriesen wurde, wie ein Wunderdoctor seinenVillen oder ein Roßkamm seinen Pferden nie besessene Eigen-schaften andichtet. Höre!
„Sobald man die Ankunft des .... erfahren hatte, begabsich der Präsident mit einer Deputation auf dessen Zimmer, umihn einzuladen, unser Fest mit seiner Gegenwart zu beehren.
Bald darauf trat er in den Saal. Sein Ansehen ist be-fehlend und graciös (oomiuLuckinA null ArneetuI). Er trugeinen Schnurrbart, und obgleich von sehr blasser Farbe, istdoch sein Gesicht außerordentlich gefällig und ausdrucksvolll (excseäiuAlx xtessiuA sink expressivst Er nahm seinenPlatz am obern Ende der Tafel, und sich gegen die Gesellschaftverneigend, sprach er deutlich und mit allem gehörigen Pathos(witll proper empllnsis), aber etwas fremdem Accent fol-gende Worte u. s. w."
Eben deßhalb werden denn auch die zwei ersten, noch ver-sprochenen Theile sehnlich erwartet werden, besonders vonLesern, welche eben jene Kenntniß der Persönlichkeiten, Namen,Verhältnisse, Zustände, für nothwendiges Complement auchder schon an sich anonym höchst interessanten Ueberlieferungen,^ hoffen und begehren. Für uns aber würde es dem Werthe des! Buchs nichts benehmen, sollte stch's auch am Ende finden, daßj einige Fiction mit untergelaufen sey.