Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Deutsch c Literatur.

Mannichfaltigkeit der Anlagen und Schicksale, doch bald Ver-gleichungen darbieten, aus denen sich ein gewisses Gemeinsamesim Charakter erkennen läßt. Schon bei den hier vorliegendenAufsätzen dürfte sich das Interesse dieser Betrachtung ergeben.

Die von Herrn Professor Millauer gelieferten Notizenüber siebzehn verstorbene Mitglieder der Präger theologischenFacultät greifen zwar in der Zeit etwas zurück, gehören aberdoch sämmtlich dem achtzehnten Jahrhundert an. Der gleicheStand erweis't sich in ihnen mächtig, und neben dem, daß mannicht vergessen kann, katholische Professoren vor Augen zu haben,wird man wohl auch erinnert, daß man sie nothwendig alsBöhmen anzusehen habe.

Der Lebensabriß des Grafen Thun, Fürstbischofs vonPassan, des Grasen Clam Martinitz, des Generals Frei-herr von Koller, die angezeigten Lebensbeschreibungen derGenerale Graf Kinsky, Graf Kolowrat und GrafHie-ronhmus Colloredo, ferner die kürzern Anzeigen überdie Gelehrten Johann Macek und Joseph Dlabac, sowie den in Peru durch Zufall umgekommenen NaturforscherHänke gewähren einen reichen Ueberblick mannichfacher Ver-hältnisse, die dem einen oder dem andern Leser oft von be-sondern! Interesse sehn müssen, für jeden aber auch ein allge-meines haben können.

Historische Nachlese.

Vom Abbe JosephDobrowsky,dem Altmeister kritischerGeschichtsforschung in Böhmen, finden wir mehrere kleine Auf-sätze und Anmerkungen, in denen man alsobald den Hauch über-legener Kenntnisse spürt. Dieser seltene Mann, welcher früheschon dem allgemeinen Studium Slawischer Sprachen undGeschichten mit genialem Bücherfleiß und Herodotischen Reisennachgegangen war, führte jeden Ertrag immer wieder mit Vor-liebe auf die Volks- und Landeskunde von Böhmen zurück, undvereinigte so mit dem größten Ruhm in der Wissenschaft denseltenern eines populären-Namens.

Wo er eingreift, da ist gleich der Meister sichtbar, der seinenGegenstand überall erfaßt hat, und dem sich die Bruchstückeschnell zum Ganzen reihen. Indem er aus den großen Arbeitenunseres Pertz alsogleich für die Böhmische Geschichte seinenGewinn erlies't, vermehrt er rückwirkend den der unseligen.Seine Bemerkungen über das alte Mährische Reich suchen indiese dunkle Verwicklung der bewegtesten, zusammenfließenden,sich wieder theilenden Völkerwogen das Licht der Kritik ein-zuführen. Empfehlenswerth sind gleicherweise die Enträthselungeiner bisher unverständlichen Stelle in der Chronik des Cosmas,die Bemerkungen über die Verwandtschaft Slawischer und nor-discher Mythologie, und die Nachricht von Legung des Grund-steins der Neustadt Prag.

Wir erwähnen noch des mit Dobrowskys Erläuterungenversehenen Artikels von Herrn Professor Ens über das frühereVerhältniß des Fürstenthums Troppau zu Böhmen, ferner desAufsatzes von Herrn von Schwaben au über Konrad II.,Fürsten von Znaim, sodann von Herrn Kröpf die Erörterungder alten Burg Chlumez, später Geiersberg genannt.

Die von Herrn Professor Millauer mitgetheilte Original-matrikel der juridisch-kanonischen Facultät der Präger Carolina,so wie die Anzeige des Programms des Herrn Rector Held,worin derselbe die Vermuthung begründet, nicht Johann Huß,

sondern eine aus Paris eingetroffene Gesandtschaft habe durchihren Rath entscheidend bei König Wenzel I V. aus Ertheilungdes Decrets gewirkt, auf welches der große Abzug erfolgte,schließen sich den übrigen Nachrichten von diesen gewichtigenUniversitätssachen belehrend an.

Rückblick auf die Bewohner.

Herr Gubernialrath Neumann liefert über die Produktionund Consumtion, über die ökonomische und technische ThätigkeitBöhmens einen umständlichen Bericht, der die eigenbedingteLage des Landes, seine Bedürfnisse wie seinen Ueberfluß, unddie Fortschritte des Wohlstandes und der Bildung seiner Be-wohner klar vor Augen stellt, und mit dem erfreuenden Anblickeiner gedeihlichen Gegenwart die nicht weniger zuverlässige Aus-sicht einer glücklichen Zukunft begründet. Ein solcher Aufsatzerlaubt aber kaum einen Auszug; wir müssen auf ihn selbst ver-weisen, um darin die Resultate des vereinigten Bemühens einerväterlich fürsorgenden Regierung, tüchtig ausführender Beamtenund patriotischer Mithülfe theilnehmend anzuschauen.

Auch für die Entwicklung Böhmens sind Gesellschaften undAnstalten höchst wirksam geworden, in welchen der Gemeingeisider Privaten mit dem Schutz und Beitritt der Behörden zuKraft und Ansehen sich verbunden. Die Böhmische Gesellschaftder Wissenschaften, die patriotisch-ökonomische Gesellschaft, dieGesellschaft des vaterländischen Museums, das polytechnischeInstitut, Aktiengesellschaften und andere Vereine zu gemein-nützigen Zwecken zeigen sich nach den verschiedensten Richtungenthätig; für Eisenbahnen, Kettenbrücken wird gesorgt, Woll-märkte werden angeordnet, die vormalige und jetzige Forstculturverglichen. Die meisten der Aufsätze, welche von diesen Gegen-ständen einzeln handeln, sind sachgemäß belehrend. Wir werdeneinige hierher bezügliche noch unter eigenen Rubriken besondershervorheben.

Böhmisches Museum.

Wie in andern Theilen des Oesterreichischen Kaiserstaatswar auch in Böhmen bei eisriggesinnten Männern schon imJahre 1818 lebhaft der Wunsch zu Gründung einer vater-ländischen Anstalt erwacht, welche alle Interessen der besondernNationalität im ganzen Umfange des Worts in sich begriffe:Alterthümer, Gcschichtsbeiträge, Urkunden und andere Denk-zeichen sollten hier gesammelt, rie Sprache, die Sitten undEigenheiten des Volks erforscht und festgehalten, die Natur-gebilde des Landes zusammengestellt, und jedes Gedeihen inWissenschaft, Kunst, Gewerbfleiß und Verkehr, vor allem aberder vaterländische Sinn selbst genährt und erhöht werden.

Der Aufruf des Oberstburggrafen hatte bald die edelstenund tüchtigsten Theilnehmer aus allen Ständen vereint, reicheHülfsmittel wurden zusammengebracht, und die Gesellschaftbegann sich zu gestalten. Doch ein so weitgreifendes Unter-nehmen bedurfte reifer Ueberlegung und mannichfacher An-haltspunkte, um gleich von Anfang in zweckmäßiger Einrichtungseine Wirksamkeit ohne Schwanken und Hemmung ausüben zukönnen. Die Organisation kam nicht ohne Schwierigkeit zuStaude; endlich aber konnten die fertigen Statuten zur Kaiser-lichen Genehmigung vorgelegt werden, die denn auch im Jahre1822 sehr gnädig erfolgte, und der Gesellschaft die ihrem Wirkenvorgeschriebene Bahn eröffnete.