Tiutschc Literatur. 553
Haupttröstung, ja die vorzüglichste Ermunterung solcher Männermüssen sie darin finden, daß das Wahre auch zugleich nützlichist. Wenn sie diese Verbindung nun selbst entdecken und denEinfluß lebendig vorzeigen und ausweisen können, so wird esihnen nicht fehlen kräftig einzuwirken, und zwar auf eine Reihevon Jahren.
Ermunterung.
Wenn es schon in manchen Fällen wohlgethan seyn mag,dem Leser nicht gerade das Gedachte zu überliefern, vielmehrsein eigenes Denken aufzuwecken und anzuregen, so möchte esdoch wohlgethan seyn, die eben ausgesprochene,,vor geraumerZeit niedergeschriebene Bemerkung nochmals aufzunehmen.
Die Frage, ob diese oder jene Beschäftigung, welcher sichder Mensch widmet, auch nützlich sey? wiederholt sich oft genugim Laufe der Zeit, und muß jetzt besonders wieder hervortreten,wo es niemand mehr erlaubt ist, nach Belieben ruhig, zufrieden,mäßig und ohne Anforderung zu leben. Die Außenwelt be-wegt sich so heftig, daß ein jeder einzelne bedroht ist, in denStrudel mit fortgerissen zu werden; hier sieht er sich genöthigt,um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, unmittelbar undaugenblicklich für die Bedürfnisse anderer zu sorgen; und dafragt sich denn freilich, ob er irgend eine Fertigkeit habe,diesen aufdringlichen Pflichten genugzuthun? Da bleibt nunnichts übrig als sich selbst zu sagen, nur der reinste undstrengste Egoismus könne uns retten; dieser aber muß einselbstbewußter, wohlgefllhlter und ruhig ausgesprochener Ent-schluß seyn.
Der Mensch frage sich selbst, wozu er am besten tauge, umdieses in sich und an sich eifrigst auszubilden? Er betrachte sichals Lehrling, als Geselle, als Altgeselle, am spätesten und höchstvorsichtig als Meister.
Weiß er mit einsichtiger Bescheidenheit die Forderungen andie Außerwelt nur mit dem Wachsthum seiner Fähigkeiten zusteigern, um sich bei ihr, dadurch nutzend, einzuschmeicheln, sowird er stufenweise seinen Zweck erreichen und, wenn ihm dasHöchste gelingt, behaglich wirken können.
Ueber Fördernisse und Hindernisse, wie sie die empirischeWelt darreicht oder zwischenschiebt, mag ihn das Leben, wenner genau aufmerkt, belehren; so viel aber mag der wirklichTüchtige immer vor Augen haben: sich um der Gunst des Tageswillen abzuhetzen, bringt keinen Vortheil für morgen und über-morgen.
Zu bedenken.
Jede Nation hat Eigenthümlichkeiten, wodurch sie vonden andern unterschieden wird, und diese sind es auch, wo-durch die Nationen sich unter einander getrennt, sich angezogenoder abgestoßen fühlen. Die Aeußerlichkeiten dieser innernEigenthümlichkeit kommen der andern meist auffallend wider-wärtig und, im leidlichsten Sinne, lächerlich vor. Diese sindes auch, warum wir eine Nation immer weniger achten, alssie es verdient. Die Innerlichkeiten hingegen werden nichtgekannt noch erkannt; nicht von Fremden, sogar nicht von derNation selbst, sondern es wirkt die innere Natur einer ganzenNation, wie die des einzelnen Menschen unbewußt; man ver-
wundert sich zuletzt, man erstaunt über das, was zum Vor-schein kommt.
Ohne mir anzumaßen, diese Geheimnisse zu kennen, hätteich auch nicht einmal die Kühnheit, sie auszusprechen. Nur soviel will ich sagen, daß, nach meiner Einsicht, das eigentlichinnere Wirksame bei den Franzosen jetzt am thätigsten ist,und daß sie deßhalb zunächst wieder einen großen Einfluß aufdie sittliche Welt haben werden. Gern sagte ich mehr, aberes führt zu weit, und man müßte sehr ausführlich seyn, umsich verständlich und um das, was man zu sagen hat, annehm-lich zu machen.
Wenn eine Gesellschaft deutscher Männer sich zusammen-begab, um besonders von deutscher Poesie Kenntniß zu nehmen,so war dieß auf alle Weise zulässig und höchst wünschenswerth,indem die Personen sämmtlich, als gebildete Männer, von demübrigen deutschen Literatur- und Staatswesen im allgemeinenund besondern unterrichtet, sich gar wohl die schöne Literaturznr geistreich vergnüglichen Unterhaltung auswählen und be-stimmen durften.
Sage man sich daher, daß die schöne Literatur einer Nationnicht erkannt noch empfunden werden kann, ohne daß man denComplex ihres ganzen Zustandes sich zugleich vergegenwärtigt.Dieß geschieht nun zum Theil, indem wir Zeitungen lesen,die uns ausführlich genug von öffentlichen Dingen unter-richten. Es ist aber dieses nicht genug, sondern man hat nochhinzuzufügen, was die Ausländer in kritischen und referirendenJournalen von sich selbst und von den übrigen Nationen, be-sonders auch von der deutschen, für Gesinnungen und Mei-nungen, für Antheil und Aufnahme zu äußern veranlaßt sind.Wollte man zum Beispiel sich mit der Französischen neuestenLiteratur bekannt machen, so müßte man die seit zwei Jahrengehaltenen und im Druck erschienenen Vorlesungen, als 6ui-rot, Oours ä'Iiistoirs moäerns, Villsmain, Oours äslittsraturs trsutzalse, und Oousin, Oours äs 1'üistoireäs In xlälosoplns kennen lernen. Das Verhältniß, das sieunter sich und zu uns haben, geht hieraus am deutlichsten hervor.Noch lebhafter vielleicht wirken die schneller erscheinendenBlätter und Hefte: I-o Olobv, In Nevus brsiiyaise, und daszuletzt erscheinende Tagsblatt Is Nsmps. Keins von allendiesen ist zu entbehren, wenn wir das Hin und Wieder jenerin Frankreich sich balancirenden großen Bewegungen, und alledaraus entspringenden Wogungen vor unserm Geiste lebendigerhalten wollen.
Die Französische Poesie, so wie die Französische Literaturtrennt sich nicht einen Augenblick von Leben und Leidenschaftder ganzen Nationalität; in der neuesten Zeit erscheint sienatürlich immer als Opposition, und bietet alles Talent auf,um sich geltend zu machen, um den Gegentheil niederzudrücken,welcher denn freilich, da ihm die Gewalt verliehen ist, nichtnöthig hat geistreich zu seyn.
Folgen wir aber diesen lebhaften Bekenntnissen, so sehenwir tief in ihre Zustände hinein, und aus der Art, wie sie vonuns denken, mehr oder weniger günstig, lernen wir uns zugleichbeurtheilen; und es kann gar nicht schaden, wenn man unseinmal über uns selbst denken macht.