AllMärtigr Mratur und VolkSpaeSie.
I. Altgriechische Literatur.
Ueber die Parodie bei den Älten.
182ä.
Wie schwer es ist, sich aus den Vorstellungsarten seinerZeit herauszuarbeiten, besonders wenn die Aufgabe so gestellt ist,daß man sich in höhere, uns unerreichbare Zustände versetzenmüsse, begreift man nicht eher als nach vielen, theils vergeb-lichen theils auch wohlgelungenen Versuchen.
Von meinen Jünglingszeiten an trachtete ich, mich mitGriechischer Art und Sitte möglichst zu befreunden, und mirsagen zuverlässige Männer, daß es auch wohlgelungen sey. Ichwill hier nur an den Euripidischen Hercules erinnern, den icheinem modernen und zwar keineswegs verwerflichen Zustandeentgegengesetzt hatte.
In jenem Bestreben — es sind nunmehr gerade fünfzigJahre — bin ich immer fortgeschritten, und auf diesem Wegehabe ich jenen Leitfaden nie aus der Hand gelassen. Inzwischenfand ich noch manche Hindernisse, und konnte meine nordischeNatur nur nach und nach beschwichtigen, meine deutsche Ge-müthsart , die aus der Hand des Poeten alles für baar Geldnahm, was doch eigentlich nur als Einlösungs- und Anti-cipationsschein sollte angesehen werden.
Höchst verdrießlich war ich daher zu lesen und zu hören,daß über den herrlich überschwänglich ergreifenden Stücken derAlten noch zum Schluß der Vorstellung eine Narrensposse seygegeben worden. Wie mir aber gelang, mit einem solchenVerfahren mich auszusöhnen und mir ein Unbegreifliches zu-recht zu legen, sey hier gesagt, ob es vielleicht auch andernfromme.
Die Griechen, die als geselliges Volk gerne sprachen, alsRepublicaner gern sprechen hörten, waren so an den öffent-lichen Vertrag gewöhnt, daß sie unbewußt die Redekunstsicheigen gemacht hatten, und demgemäß dieselbe ihnen eine ArtBedürfniß geworden war. Dieses Element war dem dramati-schen Dichter höchst willkommen, der auf einer fingirten Bühnedie höchsten menschlichen Interessen vorzuführen und das Fürund Wider verschiedener Parteien durch Hin- und Widerredenkräftig auszusprechen hatte. Bediente er sich nun dieses Mittelszum höchsten Vortheil seiner Tragödie und wetteiferte mit demRedner im völligen, obgleich imaginären Ernste, so war es
ihm für das Lustspiel beinahe noch willkommener: denn indemer die niedrigsten Gegenstände und Handlungen durch hohesKunstvermogen ebenfalls im großen Styl zu behandeln wußte,so brachte er etwas Unbegreifliches und höchst Ueberraschen-des vor.
Von dem Niedrigen, Sittenlosen wendet sich der Gebildetemit Abscheu weg, aber er wird in Erstaunen gesetzt, wenn esihm dergestalt gebracht wird, daß er es nicht abweisen kann,vielmehr solches mit Behagen aufzunehmen genöthigt ist. Ari-stophanes giebt uns hiervon die unverwerflichsten Zeugnisse,und man kann das Gesagte aus dem Kyklops des Euripidesvollkommen darthun, wenn man nur auf die künstliche Rededes gebildeten Ulysses hinweis't, der doch den Fehler begeht,nicht zu denken, daß er mit dem rohesten aller Wesen spreche;der Cyklope dagegen argumeutirt mit voller Wahrheit ausseinem Zustande heraus, und indem er jenen ganz entschiedenwiderlegt, bleibt er unwiderleglich. Man wird durch die großeKunst in Erstaunen gesetzt, und das Unanständige hört auf eszu seyn, weil es uns auf das gründlichste von der Würde deskunstreichen Dichters überzeugt.
Wir haben uns also bei jenen als Nachspiel gegebenenheitern Stücken der Alten keineswegs ein Possen- und Fratzen-stück nach unserer Art, am wenigsten aber eine Parodie undTravestie zu denken, wozu uns vielleicht Horazens Verse ver-leiten könnten.
Nein, bei dem Griechen ist alles aus Einem Stücke, undalles im großen Styl. Derselbe Marmor, dasselbe Erz ist es,das einen Zeus wie einen Faun möglich macht, und immerder gleiche Geist, der allem die gebührende Würde verleiht.
Hier findet sich keineswegs der parodistische Sinn, welcherdas Hohe, Große, Edle, Gute, Zarte herunterzieht und in'sGemeine verschleppt, woran wir immer, ein Sympton sehen,daß die Nation, die daran Freude hat, auf dem Wege ist, sichzu verschlechtern; vielmehr wird hier das Rohe, Brutale,Niedrige, das an und für sich selbst den Gegensatz des Göttlichenmacht, durch die Gewalt der Kunst dergestalt emporgehoben,daß wir dasselbe gleichfalls als an dem Erhabenen theilnehmendempfinden und betrachten müssen.
Die komischen Masken der Alten, wie sie uns übrig ge-blieben, stehen dem Kuustwcrth nach in gleicher Linie mit den