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Auswärtige Literatur und Volkspoesie,
Hier ist zu bemerken, daß das Stück sehr früh angeht; manmuß es vor Sonnenaufgang denken, und dem Dichter zugeben,daß er in einen kurzen Zeitraum sehr viel zusammenpreßt. Esliehen sich hiervon ältere und neuere Beispiele wohl anführen,wo das Dargestellte in einer gewissen Zeit unmöglich geschehenkann, und doch geschieht. Auf dieser Fietion des Dichters undder Zustimmung des Hörers und Schauers ruht die oft ange-fochtene und immer wiederkehrende dramatische Zeit- und Orts-einheit der Alten und Neuern.
Das nun folgende Chor spricht von der Gegend, und wasdarin vorgeht, ganz morgendlich. Man hört noch die Nachtigallsingen, wobei es höchst wichtig ist, daß ein Hochzeitgesang mitder Klage einer Mutter um ihren Sohn beginnt.
Chor der Vicnertnuen.
Leise, leise, weckt mir den König nicht!
70. Morgenschlaf gönn' ich jedem,
Greisem Haupt zu allererst.
Kaum noch tagt es,
Aber bereitet, vollendet das Werk!
Roch weint im Hain Philomele75. Ihr sanft harmonisches Lied;
In frühem Jammer ertönt„Ichs, o Ichs!" ihr Rufen.
Syrinxton hallt im Gebirg,
Felsanklimmender Hirten Musik;
80. . Es eilt schon fern auf die TristBrauner Füllen muthige Schaar;
Zum wildaufjagenden WaidwerkZieht schon der Jäger hinaus;
Am Uferrande des Meers85. Tont des melodischen Schwans Lied.
Und es treibt in die WogenDen Nachen hinaus
Windwehen und rauschender Ruderschlag.
Aufziehn sie die Segel,
90. Aufbläht sich bis zum Mitteln Tau das Segel.
So rüstet sich jeder zum andern Geschäft;
Doch mich treibt Lieb' und Verehrung heraus,
Des Gebieters fröhliches HochzeitfestMit Gesang zu begehn: denn den Dienern95. Schwillt freudig der Muth bei der HerrschaftSich fügenden Festen.
Doch brütet das Schicksal Unglück aus,
Gleich trifft's auch schwer die treuen Hausgenossen.Zum frohen Hochzeitfest ist dieser Tag bestimmt,
100. Den betend ich sonst ersehnt,
Daß mir am festlichen Morgen der Herrschaft dasBrautlied
Zu singen einst sey vergönnt.
Götter gewährten, Zeiten brachtenMeinem Herrn den schönen Tag.
105. Drum tön', o Weihlied, zum frohen Brautfest!
Doch seht, aus der Pforte der König trittMit dem heiligen Herold und Phaethon;
Her schreiten die dreie verbunden! O schweig'
Mein Mund in Ruh!
110. Denn Großes bewegt ihm die Seel' anjetzt:
Hin giebt er den Sohn in der Ehe Gesetz,
In die süßen bräutlichen Baude.
Der Herold.
Ihr, des Okeanos Strand Anwohnende,
Schweigt und höret!
115. Tretet hinweg vom Bereich des Palastes!
Stehe von fern, Volk!
Ehrfurcht hegt vor dem nahenden Könige!
Heil entsprieße,
Frucht und Segen dem heitern Vereine,
Welchem ihre Nähe gilt,
Des Vaters und des Sohns, die am Morgen heut
120. Dieß Fest zu weihen beginnen. Drum schweige jederMund!
Leider ist die nächste Scene so gut wie ganz verloren; alleinman sieht aus der Lage selbst, daß sie von herrlichem Inhaltseyn könnte. Ein Vater, der seinem Sohne ein feierlich Hoch-zeitfest bereitet, dagegen ein Sohn, der seiner Mutter erklärthat, daß er unter diesen Anstalten sich wegschleichen und eingefährliches Abentheuer unternehmen wolle, machen den wirk-samsten Gegensatz, und wir müßten uns sehr irren, wenn ihnEuripides nicht auch dialektisch zur Sprache geführt hätte.
Und da wäre denn zu vermuthen, daß wenn der Vater zuGunsten des Ehestands gesprochen, der Sohn dagegen auchallenfalls argumentirt habe; die wenigen Worte, die bald aufden angeführten Chor folgen,
Mcrops.
-denn wenn ich Gutes sprach —
geben unserer Vermuthung einiges Gewicht; aber nun verläßtuns Licht und Leuchte. Setzen wir voraus, daß der Vater denVortheil, das Leben am Geburtsorte fortzusetzen, herausgehoben,so paßt die ablehnende Antwort des Sohnes ganz gut:
Phasthon.
Auf Erden grünet überall ein Vaterland.
Gewiß wird dagegen der wohlhäbige Greis den Besitz, an demer so reich ist, hervorhebe», und wünschen, daß der Sohn inseine Fußstapfen trete; da könnten wir denn diesem das Frag-ment in den Mmw legen:
p h a s t h o n.
Es sey gesagt! den Reichen ist es eiugezeugt,
Feige zu seyn; was aber ist die Ursach' deß?
125. Vielleicht daß Reichthum, weil er selber blind,
Der Reichen Sinn verblendet wie des Glücks.
Wie es denn aber auch damit beschaffen mag gewesen seyn,auf diese Scene folgte nothwendig ein abermaliger Eintritt desChors. Wir vermuthen, daß die Menge sich hier zum Festzugeangestellt und geordnet, woraus schönere Motive hervorgehenals aus dem Zuge selbst. Wahrscheinlich hat hier der Dichternach seiner Art das Bekannte, Verwandte, Herkömmliche in dasCostüm seiner Fabel eingeflochten.
Indeß nun Aug' und Ohr des Zuschauers freudig undfeierlich beschäftigt sind, schleicht Phasthon weg, seinen gött-lichen, eigentlichen Vater aufzusuchen. Der Weg ist nicht weit,er darf nur die steilen Felsen hinabsteigen, an welchen dieSonuenpferde täglich herausstürmen; ganz nahe da unten ist