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Nu-wärliqe Literatur und Volkspl'esre.
französisches Hanpttheater.
1828 .
Es war löblich und der Sache angemessen, daß man inParis, wo so viele Theater neben einander bestanden, auch einsder ganz reinen, regelmäßigen, sogenannten classischen Art zuerhalten trachtete. Wäre der Gedanke nicht richtig, der Vorsatznicht lobenswürdig gewesen, wie hätte die Ausübung so langelebendigen Beifall gefunden?
Demungeachtet fühlte man, obgleich erst nach anderthalbJahrhunderten, daß man, einen engen Kreis immer mehr ver-engend , Aufmerksamkeit und Antheil nicht fernerhin erhaltenkonnte, besonders wenn ein entschiedenes Talent Welt undBühne verließ, das bisher eigentlich jene herkömmlich gepriese-nen Stücke erst zu beleben und gewissermaaßen immer neu zuerschaffen wußte. So war denn zuletzt Talma ganz eigentlichder Kloben, woran das erste Theater Frankreichs und der Weltim Schweben gehalten wurde.
Talma gehört nun ganz eigentlich der neuesten Welt an;sein Bestreben war, das Innerlichste des Menschen vorzustellen.Mit welchem leidenschaftlichen Drang war er nicht bemüht,jenes hypochondrische Stück auszubilden, das in der ArabischenWüste spielt, um Gefühle und Gesinnungen auszudrücken, dieeiner solchen Oede gemäß wären.
Wir selbst waren Zeuge, mit welchem Glück er sich in eineTyrannenseele einzugeisten trachtete; einebösartige, heuchlerischeGewaltthätigkeit auszudrücken gelang ihm zum besten. Doch wares ihm zuletzt am Nero nicht genug; man lese, wie er sich miteinem Tiber des Chenier zu identificiren suchte, und man wirdganz das Peinliche des Romanticismus darin finden. Weil aberhierdurch das eigentlich Heroische, das sich in republicanischemConflict, wie bei Corneille, als Bedrängniß in höhern Ständen,wie bei Racine, oder in großen Weltbegebcnheiten, wie sie Vol-taire behandelt, am kräftigsten hervorthut, nach und nach ver-loren ging und eine gewisse sentimentale Innerlichkeit dagegensich einschmeichelte, so folgte daraus, daß man sich nach einerfreiern Thätigkeit umsah und ein wirklich gegenständliches ge-schichtliches Interesse wieder aus das Theater zu bringen trachtete.
Aelteres Herkommen.
Der Franzose will nur „eine Krise." Dieses einsichtigeWort Napoleons deutet dahin, daß die Station an eine gewisseeinfache, abgeschlossene, leicht faßliche Darstellung auf demTheater gewöhnt war; man könnte es eine Etikette nennen,von der man sich nicht entfernen wollte, weil man sie zwar be-engend, aber doch in einem gewissen Sinne bequem fand.Der lebhafte, durch und durch selbstliebige Franzose kann seineNeigung für eine gewisse Aristokratie nicht aufgeben. Und indiesem Sinne hing er an der alten Anstalt, erhielt denselbigenRespect vor seinem Achill und Agamemnon wie vor den edlenFamiliennamen, die ihm seine Geschichte rühmlich vor dieOhren brachte. Es war eine Art von Cultus im Theater zusitzen, als mentaler Souffleur die bekannten Stücke zwischenden Zähnen zu murmeln und bei dieser frommen Handlung zuvergessen, daß man sich von Herzen ennuyire.
Uebergang.
Der Drang, etwas Bedeutenderes, größere Weltcharak-tere, Universalereignisse auf den Bretern zu sehen, mußte jedoch
in der neuern Zeit rege werden. Wer die Revolution überlebthat, fühlt sich in die Geschichte hineingetrieben; er sieht im Ge-genwärtigen das Vergangene mit frischem, die fernsten Gegen-stände heranziehendem Blick. Indeß wir Deutschen noch immerden Conflict zwischen Patriciern und Zunftmännern nicht los-werden, ob er gleich in unsern constitutionellen Staaten, wojeder an seinem Platze sich wohlsinnig und tüchtig beweisenkann, längst beschwichtigt und aufgehoben ist, gehen jene in ihreältere, freilich durch Menschen und Begebenheiten höchst be-deutende Geschichte zurück, und suchen die abgeschiedenen Ge-stalten anf's Theater hervorzuzaubern.
Neuere Versuche.
Dieses geht aber so unmittelbar nicht an, sondern mandramatisirt erst die Geschichte nach Bequemlichkeit, und zwarkühn genug von der ältesten bis zur neuesten Zeit, und es darfkein Bestrebsamer dieses Faches dergleichen Bearbeitungenignoriren. Hiervon bezeichnen wir: I-s. zournös cles Lärm-endes, les ötats ds Llois, welchen der Tod Heinrichs III.folgen soll. Auch dürfen wir in gleichem Sinne los soireesdo Heuill/ und soenes eontewpornines gar wohl em-pfehlen. Wer sich mit diesen Werken bekannt macht, wirdunsern obern Aeußerungen wahrscheinlich bcitreten.
Fernere Schritte.
Weil nun bei solchen literarischen Bestrebungen, wie beipolitischen Revolutionen, man erst vor-, sondern aber rück-wärts geht, und demungeachtet immer um einige Schritteweiter kommt, so läßt sich ein Gleiches auch hier bemerken.Victor Hugo, auch einer von den unabhängigen jungen Leuten,die, indocil, wie sie sind, sich doch am Ende durch eigenesThun und Erfahrung müssen belehren lassen, hat sein schönesTalent auf ein großes unausführbares historisches Stück,Cromwell, verwendet und sich dabei sehr schätzenswerthbewiesen.
Hier aber kommt manches zur Sprache, worüber man sicherst später vereinigen wird. Jene obengenannten dramatisirtenhistorischen Ereignisse sind in Prosa geschrieben, und das istauch eigentlich, was eine poetische Annäherung an das wirklicheLeben begünstigt; Cromwell hingegen ist in Alexandrinern.
Nun ist wohl anzunehmen, daß der Alexandriner durchaussich auf dem Französischen Theater erhalten wird und muß.Daher würde ich einem solchen Schriftsteller rathen, diesesVersmaaß für die edlen Stellen und wichtigsten Momente bei-zubehalten, sodann aber, nach Beschaffenheit der Situationen,Charaktere, Gesinnungen und Gefühle, mit dem Sylbenmaaßezu wechseln, wie Shakespeare mit dem Jambus und derProsa thut.
Wenn man sich von alten Vorurtheilen losmachen will,ohne das zu zerstören, was in ihnen als gründlich gut undnaturgemäß anerkannt werden darf, so thut man wohl, infrühere Zeiten zurückzugehen und zu untersuchen, wie es vor-mals aussah, wo das nunmehr Erstarrte noch lebendig undbiegsam war. Man sehe den Cid des Corneille, wo nach An-laß des Spanischen Vorbildes, obgleich mit bescheidener Mäßi-gung, das Sylbenmaaß wechselt, der Sache angemessen undvon guter Wirkung.
Ist man denn doch schon an Quinanlts Opern abwechselnde