Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.

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Veränderung der Scene.

Das Innere eines großen Tempels festlich geschmückt. DieVermählungsfeierlichkeiten haben indessen ihren Gang genom-men; mannichfaltige herrliche Aufzüge, Theseus zu Wagen anihrer Spitze, werden eine glänzende Erscheinung seyn. Diesymbolischen Feierlichkeiten werden mit Prunk durchgeführt,als, gerade beim Abschluß, unter Donner und Blitz, das innereHeiligthum sich aufthut, und Alcesias, als Pontifex Maximus,beinahe als Oberherr der sämmtlichen Griechischen Geistlichkeitanzusehen, hervortritt, den bräutlichen Altar verflucht, die alteStrafe, d. h. nach dem Verlaus von sieben Jahren wieder denTribut von sieben Knaben und sieben Mädchen, fordert.

Man kann denken, daß in diesem Conflict alle Leiden-schaften sich regen, und, von einem fortdauernden Gewitterbegleitet, sich kräftig erweisen werden.

Um nun, was ich bei dem ersten Acte wünschen möchte,deutlich zu machen, ist es nöthig, die ältere überlieferte Fabelmit der neuern, wie sie die Oper uns bringt, zusammen zuhalten.

Aeltere Fabel.

Unter der Regierung des Königs Aegeus zu Athen wird einSohn des Minos, Königs von Kreta, in Athen als Gast er-schlagen. Der Vater, dem es nicht gelingt, Rache zu nehmen,wendet sich an die Götter; eine Pest verheert Athen und, umdiese loszuwerden, muß man sich die Bedingung gefallen lassen:alle sieben Jahre sieben Knaben und sieben Mädchen als Sühn-opfer nach Kreta zu schicken, dem Ungeheuer Minotaurus zugräßlichem Futter.

Aegeus, um dem Tadel seines Volks zu entgehen, sendetmit den übrigen Opfern seinen Sohn Theseus fort, welchemAriadne, von Liebe entzündet, einen Faden verehrt, an dem ersich aus dem Labyrinth, dem Aufenthalte jenes Unthiers, wenner solches erlegt, wieder herausfinden soll.

Dieß gelingt, Minotaurus wird erschlagen, Ariadne ent-führt. Leider kommt, durch einen Irrthum im Gefolg desVorhergesagten, Aegeus der König um's Leben.

Neuere Fabel,

wie man sich solche aus dem Gedichte zu entwickeln hat.

Wir finden Theseus schon als König, aber, genau besehen,in einer bedenklichen Lage: denn jenes politische, geistliche Ueber-gewicht zu Gunsten Kretas besteht noch; sieben Jahre sind ab-gelaufen, und man zaudert, die schuldigen Opfer abzuliefern;im Gegentheil hat Theseus Kampfspiele angestellt, wir ver-muthen, um die Tapfersten der Nation kennen zu lernen; dennalle Griechen und Griechengenossen sind eingeladen. Er hatim Sinn, auf's neue Kreta zu bekriegen, um entweder die Ab-sendung der Opfer verweigern zu können oder die abzusendendenin Freiheit zu setzen. Diese Intention, die sich nur errathenläßt, wünschte ich deutlicher ausgesprochen, damit man sichberuhige, wenn in so bedenklicher Zeit Festspiele angestellt undVermählungsceremvnien umständlich durchgeführt werden. Dieschönste Gelegenheit bietet sich Seite 10, wo Theseus, der hiernur als Liebhaber erscheint, auch als Held und König auftretenmöge.

Da ferner jener Tribut in Gefolge einer Strafe von denGöttern erfolgte, so ist die Fiction, daß ein Oberpriester von

Goethe, Werke. V.

Kreta kommt, um die verzögerten Schlachtopser abzuholen, sehrzulässig, ja glücklich. Nur wünschte ich, daß dieses Verhältnißetwas klarer angedeutet wäre.

Alcesias, aus dem Schiffe steigend, würde sich nicht etwanur pantomimisch, sondern ausdrücklich erklären, und denGrund seiner Autorität, deren er sich in der Folge bedient,kräftig aussprechen. Das Chor der Kretensischen Schiffe dürftefreilich nicht so freundlich behandelt werden: denn sie wissen dochwohl, zu welch einer feindseligen Absenkung sie den Auftraghaben. Die Scene, wo st« zum erstenmal anS der Ferne ver-nommen werden, würde alsdann auch einen andern Eindruckmachen. Wie ich denn sogar vorschlagen möchte, daß das Kre«tensische Schiff mit schwarzen Segeln, allenfalls durch feuer-rotste Flammen noch furchtbarer, herankäme. Dieß würde zuder leidenschaftlichen Scene, wo Alcesias seinen Sohn sterbendfindet, einen mächtigen Hintergrund geben.

Was den Schluß der achten Scene betrifft, so würde ich,wenn der Hohepriester aus dem Heiligthume tritt, ihn gleich-falls mit einem gewaltsamen Chor begleiten, aber den Donnernicht zugleich eingreifen lassen. Der Zuschauer stutzt, denselbigenMann, den er als einen höchst leidenschaftlich-feindseligenkennen lernte und künftighin als einen listigen Pfaffen gewahrwerden muß, von den Göttern gleichsam eingeführt und seineHandlungen sanctionirt zu sehen. Später möchten Wolken,Donner und Blitz sich einsinken, wo man sie auch wohl alsNaturzuMigkeiten betrachten kann.

Durch diese Vorschläge wird an der ganzen Sache nichtsverrückt, und nur ein und der andere bedeutende Momentherausgehoben.

Uebrigens betheure ich noch hierbei, daß ich es keineswegsunangenehm empfinden werde, wenn man von meinen Vor-schlägen keinen Gebrauch macht. Ich weiß recht gut, daß man inTheaterstücken, besonders in Opern, nicht alles zu motivirenbraucht, ja daß man, um des Lontrastes willen, manches un-versehens einführen darf; mir aber verzeihe man die Eigenheit,daß ich den Zuschauer immer gerne verständigt wünsche, auchda, wo man seiner Einbildungskraft und seinen Gefühlenmanches Wunderbare zumuthet.

Zweiter Act.

An diesem wäre sodann nichts weiter zu erinnern. These»-ist abgefahren, hat uns aber die Aussicht aus einen gewissenSieg hinterlassen, so daß wir ganz geruhig, obgleich gerührt,zusehen, wenn der Kretensische Pfaffe nunmehr gewissermaaßendie Obergewalt in Athen ausübt, die er, verbunden mit Listund Tücke, gar wohl zu benutzen weiß.

Die Scene des LoosenS wird von großer Bedeutung seyn;die Befreiung des Alpheus und dessen gelingende Abfahrt be-stärkt unsere Hoffnung, er werde, mit Theseus verbunden, denMinotaurus erlegen und die bedrohten Opfer befreien, so daßder zweite Act an sich nicht das mindeste zu wünschen übrigläßt.

Dritter Act.

Er ist gleichfalls untadelig, die erste Hälfte sehr glücklicherfunden. Ariadne, die königliche Tochter, hat bei frühern,wenn auch nicht ganz entscheidenden Expeditionen der Athenerdie Vorzüge des Theseus kennen gelernt. Sie ist ihm, wenn auch

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