Auswärtige Literatur und VolkSvoesie,
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Wenn wir früherhin eine Stelle aus dem vielleicht über-setzbaren Graf Carmagnola einzurücken Bedenken trugen,und gegenwärtig mit kühnem Versuch den unübersetzlichenDon Juan ergreifen und behandeln, so möchte dieß wohl alsWiderspruch angesehen werden; deßhalb wir denn auf denUnterschied hinzudeuten nicht ermangeln. Herr Manzoni istbei uns noch wenig bekannt; daher soll man seine Vorzüge erstin ihrer ganzen Fülle, wie nur das Original sie darbietet,kennen lernen; alsdann wird eine Uebersetzung von einemunserer jüngern Freunde gar wohl am Platze seyn: in LordByrons Talent sind wir aber genugsam eingeweiht, und könnenihm durch Uebersetzung weder nutzen noch schaden, die Origi-nale sind in den Händen aller Gebildeten.
Uns aber wird ein solcher Versuch, wäre auch das Unmög-liche unternommen, immer einigen Nutzen bringen: dennwenn uns eine falsche Spiegelung auch das Originalbild nichtrichtig wiedergiebt, so macht sie uns doch aufmerksam aus dieSpiegelfläche selbst und auf deren mehr oder weniger bemerk-liche mangelhafte Beschaffenheit.
Don Juan ist ein gränzenlos geniales Werk, menschen-feindlich bis zur herbsten Grausamkeit, menschenfreundlich in dieTiefen süßester Neigung sich versenkend; und da wir den Verfassernun einmal kennen und schätzen, ihn auch nicht anders wollen,als er ist, so genießen wir dankbar, was er uns mit übermäßi-ger Freiheit, ja mit Frechheit vorzuführen wagt. Dein wunder-lichen, wilden, schonungslosen Inhalt ist auch die technische Be-handlung der Verse ganz gemäß; der Dichter schont die Spracheso wenig als die Menschen, und wie wir näher hinzutreten, sosehen wir freilich, daß die Englische Poesie schon eine gebildetekomische Sprache hat, welcher wir Deutschen ganz ermangeln.
Das Deutschkomische liegt vorzüglich im Sinn, weniger inder Behandlung. Lichtenbergs Reichthum wird bewundert;ihm stand eine ganze Welt von Wissen und Verhältnissen zuGebote, um sie wie Karten zu mischen und nach Beliebenschalkhaft auszuspielen! Selbst bei Blumauer, dessen Vers-und Reimbildung den komischen Inhalt leicht dahinträgt, istes eigentlich der schroffe Gegensatz voin Alten und Neuen,Edlen und Gemeinen, Erhabenen und Niederträchtigen, wasuns belustigt. Sehen wir weiter umher, so finden wir, daßder Deutsche, um drollig zu seyn, einige Jahrhunderte zurück-schrecket und nur in Knittelreimen eigentlich naiv und anmuthigzu werden das Glück hat.
Beim Uebersetzen des Don Juan ließen sich dem Eng-länder manche Vortheile ablernen; nur Einen Spaß könnenwir ihm nicht nachahmen, welcher öfters durch seltsame undzweifelhafte Aussprache mancher auf dem Papier ganz ver-schieden gestalteter Worte bewirkt wird. Der Englische Sprach-kenner mag beurtheilen, in wiefern der Dichter auch da mutb-willig über die Sch-rur gehauen.
Nur zufällig konnte die Uebersetzung der hier mitgetheiltenStrophen entstehen, und wir lassen sie abdrucken, nicht alsMuster, sondern zur Anregung. Unsere sämmtlichen talent-vollen Uebersetzer sollten sich theilweise daran versuchen; manmüßte die Assonanzen, unreine Reime, und wer weiß wasalles erlauben; dabei würde eine gewisse lakonische Behandlungnöthig seyn, um Gehalt und Gewicht dieses frechen Muth-willens auszudrücken; erst wenn etwas geleistet ist, wird mansich weiter darüber besprechen können.
Sollte man uns vorwerfen, daß wir, durch Uebersetzungeine solche Schrift in Deutschland ausbreitend, unverantwort-lich handeln, indem wir eine treue, ruhige, wohlhäbige 'Nationmit dem Unsittlichsten, was jemals die Dichtkunst vorgebracht,bekannt zu machen trachten, so antworten wir, daß, nachunserm Sinne, diese Uebersetzungsversuche nicht gerade zumDruck bestimmt seyn müßten, sondern als Uebung guter, talent-voller Köpfe gar wohl gelten dürften. Sie mögen alsdann,was sie hierbei gewonnen, zu Lust und Freude ihrer Sprach-genossen bescheidentlich anwenden und ausbilden. Genau be-trachtet, wäre jedoch von einem Abdruck solcher Gedichte keinsonderlicher Schade für die Moralität mehr zu befürchten, in-dem Dichter und Schriftsteller sich wunderlich geberden müßten,um sittenverderberischer zu seyn, als die Zeitungen des Tags.
Als>llkreä,
3 ärswatie ?osm l.orä Lrkorr. l.oncZon 1817.
Eine wunderbare, mich nahberührende Erscheinung warmir das Trauerspiel Mansred von Byron. Dieser seltsame,geistreiche Dichter hat meinen Faust in sich aufgenommen und,hypochondrisch, die seltsamste Nahrung daraus gesogen. Er hatdie seinen Zwecken zusagenden Motive auf eigene Weise benutzt,so daß kein« mehr dasselbige ist, und gerade deßhalb kann ichseinen Geist nicht genugsam bewundern. Diese Umbildung istaus dem Ganzen, daß man darüber und über die Aehnlichkeitund Unähnlichkeck mit dem Vorbild höchst interessante Vor-lesungen halten könnte, wobei ich freilich nicht leugne, daß unsdie düstere Gluth einer gränzenlosen, reichen Verzweiflung amEnde lästig wird. Doch ist der Verdruß, den man empfindet,immer mit Bewunderung und Hochachtung verknüpft.
Wir finden also in dieser Tragödie ganz eigentlich die Quint-essenz der Gesinnungen und Leidenschaften des wunderbarsten,zu eigener Qual geborenen Talents. Die Lebens- und Dich-tungsweise des Lord Byron erlaubt kaum gerechte und billigeBeurtheilung. Er hat oft genug bekannt, was ihn quält; erhat es wiederholt dargestellt, und kaum hat irgend jemandMitleid mit seinem unerträglichen Schmerz, mit dem er sichwiederkäuend immer herumarbeitet.
Eigentlich sind es zwei Frauen, deren Gespenster ihn un-ablässig verfolgen, welche auch in genanntem Stück großeRollen spielen, die eine unter dem Namen Astarte, dieandere, ohne Gestalt und Gegenwart, bloß eine Stimme.
Von dem gräßlichen Abentheuer, das er mit der erstenerlebt, erzählt man folgendes. Als ein junger, kühner, höchstanziehender Mann, gewinnt er die Neigung einer Florentini-schen Dame; der Gemahl entdeckt es und ermordet seine Frau.Aber auch der Mörder wird in derselben Nacht aus der Straßetodt gefunden, ohne daß jedoch der Verdacht auf irgend jemandkönnte geworfen werden. Lord Byron entfernt sich von Florenz,und schleppt solche Gespenster sein ganzes Leben hinter sich drein.
Dieses mährchenhafte Ereigniß wird durch unzählige An-spielungen in seinen Gedichten vollkommen wahrscheinlich, wieer denn z. B., höchst grausam in seinen eigenen Eingeweidenwüthend, die unselige Geschichte jenes Königs von Sparta aufsich anwendet. Sie ist folgende. Pausanias, LakedämonischerFeldherr, durch den wichtigen Sieg bei Platäa ruhmgekrönt,