Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

606

Auswärtige Literatur mid Vvlkspoesie.

Zuständen umzuschauen, sie von einem höhern Standpunkte mitGerechtigkeit und Billigkeit zu überblicken, daher wir dennnoch öfters darauf zurückzukehren hoffen dürfen.

Ide I'oreixn üuarterlx Leviev.

. ?>'r. I. ZuN 1827.

Vor allen Dingen berührt uns, wie in dieser Zeitschriftdie sittlich-ästhetischen Bemühungen der Deutschen ausgenommenund angesehen sind. Der Referent dieses Faches ist ein merk-würdiger Mann, dem wir noch gar manche Aufklärung überuns selbst und andere verdanken werden.

In dem ersten Aufsatz, überschrieben: Ou tim Luper-imturul in Letitious Ooinxositions, welches wir übersetzenmöchten: das Uebernatürliche in fabelhaften Er-zählungen, hat er von den Werken unseres Hofsmann denAnlaß genommen, seine Gedanken auszusprechen.

Statt aller Definition und Erklärung trägt er eine kurzeGeschichte vor, wodurch das natürlich Wahre des Ahnungs-vollen und Schauderhaften vor den Geist gebracht wird; sodannzeigt er, wie von hier an die Einbildungskraft immer vor-schreite, bis sie endlich, wenn sie keine höhere bändigende Kunstanerkennt, sich ganz und gar in's Falsche verliert, das Gräß-liche , Schreckliche in's Unnatürliche und Unmögliche steigert,und zuletzt ganz und gar Unerträgliches hervorbringt.

Der Verfasser dieses Aufsatzes hat eine eigene Art vonKritik: es ist dieselbe, welche^as Tageslicht ausübt, indemes die Gegenstände aller Art mit einer heitern Gleichgültigkeitbeleuchtet, und sie eben dadurch jedem Urtheil offenbar vorlegt.Hofsmanns talentreiches Naturell weiß er anzuerkennen; erbegleitet ihn durch alle krankhaften Verirrungen mit freund-lichem Bedauern bis zu den krampfhaften Aeußerungen einesvorzüglichen auf den Tod gefolterten Wesens, wo er zuletztauszurufen gedrungen ist:Wir müssen uns von diesen Rase-reien lossagen, wenn wir nicht selbst toll werden wollen."

Hören wir ihn ferner:Es ist unmöglich, Mährchen dieserArt irgend einer Kritik zu unterwerfen; es sind nicht die Ge-sichte eines poetischen Geistes, sie haben kaum so viel schein-baren Gehalt, als den Verrücktheiten eines Mondsüchtigenallenfalls zugestanden würde; es sind fieberhafte Träume eineslcichtbeweglichen, kranken Gehirns, denen wir, wenn sie unsgleich durch ihr Wunderliches manchmal aufregen, oder durchihr Seltsames überraschen, niemals mehr als eine augen-blickliche Aufmerksamkeit widmen können. Fürwahr, die Be-geisterungen Hoffmanns gleichen oft den Einbildungen, dieein unmäßiger Gebrauch des Opiums hervorbringt, und welchemehr den Beistand des Arztes als des Kritikers fordern möchten.Und wenn wir auch anerkennen, daß der Autor, wenn er seinerEinbildungskraft ernster geboten hätte, ein Schriftsteller derersten Bedeutung geworden wäre, so dürfte er doch, indem erdem kranken Zustand seines zerrütteten Wesens nachhängt,jener gränzenlosen Lebhaftigkeit der Gedanken und Auffassungenals anheim gegeben erscheinen, welche der berühmte Nicolai,nachdem er viel davon gelitten, doch endlich zu besiegen dasGlück hatte. Bluteutleerungen und sonstige Reinigungen, ver-bunden mit gesunder Philosophie und überlegter Beobachtung,würden unsern Hoffmann, wie jenen bedeutenden Schrift-

steller, zu einem gesunden Geisteszustand wieder zurückgebrachthaben, und seine Einbildungskraft, in einem gleichen undstetigen Flug sich bewegend, hätte vielleicht das höchste Zielpoetischer Kunst erreicht. Seine Werke jedoch, wie sie gegen-wärtig liegen, dürften nicht als Muster der Nachahmung aus-zustellen seyn, vielmehr als Warnungstafeln, die uns an-schaulich machen, wie die fruchtbarste Einbildungskraft erschöpftwerden kann durch einen leichtsinnigen Verschweudungstriebdes Besitzers."

Wir können den reichen Inhalt dieses Artikels unsernLesern nicht genugsam empfehlen: denn welcher treue, fürNationalbildung besorgte Theilnehmer hat nicht mit Trauergesehen, daß die krankhaften Werke jenes leidenden Manneslange Jahre in Deutschland wirksam gewesen, und solche Ver-irrungen als bedeutend fördernde Neuigkeiten gesunden Ge-müthern eingeimpft worden i

Wir wollen noch ein'ge gelegentliche Betrachtungen hinzu-fügen.

Wenn man auch keine Art der Produktion aus dem Reicheder Literatur ausschließen kann und soll, so besteht denn dochdas immerfort sich wiederholende Unheil darin, daß wennirgend eine Art von wunderlicher Composition sich hervorthut,der Verfasser von dem einmal betretenen Pfade nicht weichenkann und mag; wobei das Schlimmste ist, daß er gar vielemit mehr oder weniger Talent begabte Zeitgenossen nachsich reißt.

Würden vorzügliche Geister sich auf mehr als Eine Weiseversuchen, so würden sie sich und andere überzeugen können,daß durch mannichfaltige Uebung der Geist eben so vielseitigwirksam werden kann, als er durch vielfache Studien an Klar-heit Mid Umsicht gewinnt.

Daß eine gewisse humoristische Anmuth aus der Verbindungdes Unmöglichen mit dem Gemeinen, des Unerhörten mit demGewöhnlichen entspringen könne, davon hat der Verfasser derneuen Melusine ein Zeugniß zu geben getrachtet; er hütetesich aber, den Versuch zu wiederholen, weil das Unternehmenschwieriger ist, als man denkt.

In diesem Bezug, obgleich etwas ferner liegend, findenwir eins der Grimmschen Kindermährchen zu empfehlen, woder naturfeste Bauerjunge, der immer von Schaudern(Grieseln) hört, und, höchst neugierig, was denn das eigentlichfür eine Empfindung sey, die gespensterhaftesteu Abentheuermit realistischer Gemüthsruhe besteht, und durch eine Reihe derfürchterlichsten Zustände hindurch, bei welcher dem Leser wirk-lich schaudert, seinen reinen Prosaismus bewährt, einen Tod-und Teufelsspuk als ganz etwas Gemeines behandelt, und imhöchsten Glück sich nicht beruhigen kaun, daß ihm eine solcheErfahrung nicht hat werden wollen, bis er endlich durch einenabsurden Weiberspaß belehrt wird, was denn eigentlich Schau-dern sey.

Der Gegensatz von Aeußerm und Jnnerm, von Einbil-dungskraft und Derbheit, von unverwüstlichem, gesundem Sinnund gespenstischem Trug kann nicht besser dargestellt werden.