Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und VolkSvoeste.

und nöthigt uns, auf Unkosten seines Gegners zu lachen. Aufwelchem Wege ihm jedoch dieses gelingt, wird nunmehr umständ-licher auseinanderzusetzen seyn.

Lazzarelli hatte das Glück, in die Epoche einer sehr hohen,aber auch zugleich freien und losen Cultur zu fallen, wo es er-laubt ist, die würdigsten Gegenstände der nächstvergangenenZeiten parodistisch zu benutzen. Die Sonette fallen in die Jahre1683, 84, unter die Regierung Jnnocenz XI., die keineswegsbigott war. Ihn steht man ausgerüstet mit allem, was Alter-thum und Geschichte darbietet, was ein kirchliches und politischesLeben mittheilt, was Künste spielend überliefern, und wovondie Wissenschaft entweder schon vollständige Kenntniß giebt oderdoch die ersten Blicke gewährt. Gelehrsamkeit, Weltklugheit,Gründlichkeit und gefällige Aeußerungen, alles findet sich bei-sammen, und man würde nicht endigen, wenn man alle dieElemente Hererzählen wollte, aus welchen der Verfasser seinenMuthwillen auferbaut; genug, nicht allein Italiänische Kennerund Naturforscher, sondern auch Französische behaupten, daßLucrez nicht würdiger von der Natur gesprochen, Homer sienicht schöner beschrieben habe.

Ohne in ein solches unbedingtes, vielleicht manchem über-trieben scheinendes Lob gerade einzustimmen, will ich versuchen,ferner abzuleiten, wie unserm Autor dasselbe zu Theil werdenkonnte.

Außer jenen schon zugestandenen großen Vorzügen einesglücklichen Naturells und einer ausreichenden theoretischen undpraktischen Bildung genoß der Verfasser des noch größern Na-tionalvorzugs einer lebendigen Weltanschauung. Der Jtaliäner,von Kindheit an öffentlich lebend, bemerkt, erst spielend, dannheiter, dann ernst, alle die unendlichen Abstufungen, in wel-chen die bürgerliche Gesellschaft sich um ihn her bewegt. Alles,was dem Menschen die Natur, was ihm Zustand und Aus-bildung giebt, regt sich vor einem klaren Auge ganz offenbar.Bedenke man nun, daß die beiden höchsten Zweige der Verfas-sung, alle Funktionen des Religionscnltns und der Gerichtspflege,sich am hellen Tage, in der freien Luft, vor aller Augen dasganze Jahr über entfalten, so begreift man, was da zu sehen,zu bemerken und zu lernen ist. Der Bettler wie der Marchese,der Mönch wie der Cardinal, der Vetturin wie der Krämer,der Handwerker wie der Künstler, alle treiben ihr Wesenvor den aufmerkenden Augen einer immerfort urtheilendenMenge. Keine Nation hat vielleicht einen so scharfen Blickzu bemerken, wenn einer etwas Ungeschicktes zu seinem Schadenoder etwas Kluges zu seinem Nutzen unternimmt, wovon dersicherste Beweis ist, daß der größte Theil ihrer Sprichwörteraus solchen strengen und unbarmherzigen Bemerkungen ent-standen.

Jenes öffentliche Leben der Jtaliäner, welches von allenReisenden gekannt, von allen Reisebeschreibern bemerkt ist,bringt ein heiteres, glänzendes Wesen in ihre Literatur; ja dieItaliänischen Schriftsteller sind schwerer zu beurtheilen als dieanderer Nationen. Ihre Prosaisten werden Poeten, ehe mansich's versieht, weil sie dasjenige, was mit dem Dichter geborenwird, in ihren Kinderjahren gleich aus der zweiten Hand em-pfangen, und mit einem bequemen Reichthum nach ihren Fähig-keiten gar leicht gebahren können. ^

Hieraus läßt sich einsehen, warum es bei dem Deutschen ^gerade das Umgekehrte ist, und warum wahrhaft poetische >

Naturen unserer Nation zuletzt gewöhnlich ein trauriges Prosa!-sches Ende nehmen.

Jenes Aufpassen der Jtaliäner auf ein geschicktes oder un-geschicktes Betragen giebt gerade unserm Lazzarelli sehr vielWaffen gegen seinen Gegner. Dieser mag von der MutterNatur an Gestalt nicht begünstigt, in seinem Betragen nichtangenehm gebildet, in seinen Unternehmungen schwankend undunsicher, im Handeln übereilt, mitunter durch Heftigkeit wider-wärtig, und mehr verworren als klar gewesen seyn: dieses allesweiß nun sein Gegner in einzelnen Fällen hervorzuheben, sogenau und bestimmt zu zeichnen, daß man einen zwar nichtVerdienstlosen, aber doch dämischen Menschen vor sich zu sehenglaubt, ja den Griffel anfassen möchte, um die Caricatur ausder Tafel zu entwerfen.

Wie manches bliebe noch übrig, theils über die vorliegendenGedichte zu sprechen, theils bei dieser Gelegenheit vergleichungs-weise zu berühren; doch ersparen wir dieß auf andere Zeit, undbemerken nur noch folgendes.

In der ersten Lust, als der Verfasser ein ganzes Jahr mittäglichen Jnvectiven auf seinen Widersacher ausfüllte, mag er mitAbschriften nicht karg gewesen seyn, wie denn mehrere Sonettean benannte Personen als Zeugen der Absurdität des DonCiccio gerichtet sind; hieraus mögen Sammlungen entstandenseyn, bis zuletzt eine rohe Ausgabe hinter dem Rücken desAutors veranstaltet worden. Hierüber beklagt er sich, besondersüber fremden Einschub, wahrscheinlich um sich gegen die ver-fänglichsten Stellen zu verwahren; späterhin giebt er die Ge-dichte selbst heraus, jedoch mit falschem Verlegernamen undDruckort: Paris, bei Claudius Rind. Beide Ausgabensind uns nicht zu Augen gekommen; die dritte obgemeldete hin-gegen scheint sorgfältig, jedoch nicht ohne Druckfehler, nach derzweiten abgedruckt, wahrscheinlich auch in Italien. Diese istnoch im Buchhandel zu finden, und keinen geistreichen Freundder Italiänischen Literatur wiro es gereuen, sie in seine Hand-bibliothek aufgenommen zu haben.

Haute.

182«.

Bei Anerkennung der großen Geistes« und Gemüthseigen-schaften Dantes werden wir in Würdigung seiner Werke sehrgefördert, wenn wir im Auge behalten, daß gerade zu seinerZeit, wo auch Giotto lebte, die bildende Kunst in ihrer natür-lichen Kraft wieder hervortrat. Dieser sinnlich-bildlich bedeu-tend wirkende Genius beherrschte auch ihn. Er faßte dieGegenstände so deutlich in's Auge seiner Einbildungskraft, daßer sie scharf umrissen wiedergeben konnte; deßhalb wir denndas Abstruseste und Seltsamste gleichsam nach der Natur ge-zeichnet vor uns sehen. Wie ihn denn auch der dritte Reimniemals genirt, sondern auf eine oder andere Weise seinenZweck ausführen und seine Gestalten umgränzen hilft. DerUebersetzer (Streckfuß) nun ist ihm hierin meist gefolgt, hat sichdas Vorgebildete vergegenwärtigt, und was zu dessen Dar-stellung erforderlich war, in seiner Sprache und seinenReimen zu leisten gesucht. Bleibt mir dabei etwas zu wünschenübrig, so ist es in diesem Betracht.