Auswärtige Literatur und Volkspoesie.
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Die ganze Anlage des Dauteschen HöllenlocalS hat etwasMikromegisches, und deßhalb Sinneverwirrendes. Bon obenherein bis in den tiefsten Abgrund soll man sich Kreis in Kreisenimaginiren; dieses giebt aber gleich den Begriff eines Amphi-theaters, das, ungeheuer, wie es seyn möchte, uns immer alsetwas künstlerisch Beschränktes vor die EinbiloungSkraft sichhinstellt, indem man ja von oben herein alles bis in die Arenaund diese selbst überblickt. Man beschaue das Gemälde desOrgagna, und man wird eine umgekehrte Tafel des Cebcs zusehen glauben, statt eines Kegels einen Trichter. Die Erfindungist mehr rhetorisch als poetisch; die Einbildungskraft ist auf-geregt , aber nicht befriedigt."
Indem wir aber das Ganze nicht eben rühmen wollen, sowerden wir durch den seltsamsten Reichthum der einzelnen Loca-litäten überrascht, in Staunen gesetzt, verwirrt und zur Ver-ehrung genöthigt. Hier, bei der strengsten und deutlichstenAusführung der Scenerie, die uns Schritt sür Schritt die !Aussicht benimmt, gilt das, was ebenmäßig von allen sinn- >lichen Bedingungen und Beziehungen, wie auch von den Per- ssonen selbst, deren Strafen und Martern zu rühmen ist. Wir lwählen ein Beispiel, und zwar den zwölften Gesang: s
Rauhfelsig war's da, wo wir niederklommen,
Das Steingehäuf' den Augen übergroß;
So wie ihr dieser Läge wahrgenommenAm Bergsturz diesseits Trento, der den SchooßDer Etsch verengte, niemand konnte wissenDurch Unterwühlung oder Erdenstoß?
Von Fclsenmaffen, dem Gebirz entrissen,
Unübersehbar lag der Hang bedeckt,
Fels über Felsen zackig hingeschmissen,
Bei jedem Schritte zaudert' ich erschreckt.- !
So gingen wir, von Trümmern rings umfaßt,
Auf Trümmern sorglich, schwankend aber wankenSie unter meinen: Fuß, der neuen Last.
Er sprach darauf: In düstersten GedankenBeschauest du den Felsenschutt, bewachtVon toller Wuth; sie trieb ich in die Schranken.
Allein Vernimm! Als in der Hölle NachtZum erstenmal so tief ich abgedrungen,
War dieser Fels noch nicht hcrabgekracht;
Doch kurz vorher, eh der herabgeschwungenVon» höchsten Himmel herkam, der dem TiSDes ersten Kreises große Beut' entrungen,
Erbebte so die grause Finsterniß,
Daß ich die Meinung faßte, Liebe zücke
Durch's Weltenall und stürz' in mächt'gem Riß !
Jn's alte Chaos neu die Welt zurücke.
Der Fels, der seit dem Ansang fest geruht,
Ging damals hier und anderwärts in Stücke.
Zuvörderst nun muß ich folgendes erklären. Obgleich inmeiner Originalausgabe des Dante (Venedig 1739) die Stellev (juvl bis svllivo auch auf den Minotaur gedeutet wird, sobleidt sie mir doch bloß auf das Local bezüglich. Der Ort wargebirgig, rauhfelsig (alpeslro), aber das ist dem Dichter nichtgenug gesagt; das Besondere daran (per «Pirol oll° i v' or' sneo)war so schrecklich, daß es Augen und Sinn verwirrte. Daherum sich und andern nur einigermaaßeu genugzuthun, erwähnt
Dort he, Werke. V.
er, nicht sowohl gleichnißweise als zu einem sinnlichen Beispiel,eines Bergsturzes, der wahrscheinlich zu seiner Zeit den Wegvon Trento nach Verona versperrt hatte. Dort mochten großeFelsenplatten und Trümmerkeile des Urgebirgs noch scharf undfrisch über einander liegen, nicht etwa verwittert, durch Vege-tation verbunden und ausgeglichen, sondern so, daß die ein-zelnen großen Stücke, hebelartig ausruhend, durch irgend einenFußtritt leicht in's Schwanken zu bringen gewesen. Diesesgeschieht denn auch hier, als Dante herabsteigt. Nun aber willder Dichter jenes Naturphänomen unendlich überbieten; erbraucht Christi Höllenfahrt, um nicht allein diesem Sturz,sondern auch noch manchem andern umher in dem Höllenreicheeine hinreichende Ursache zu finden.
Die Wanderer nähern sich nunmehr dem Blutgraben, derbogenartig, von einem gleichrunden ebenen Strande umfangenist, wo Tausend«. von Centauren umhersprengen und ihr wildes! Wächterwesen treiben. Virgil ist auf der Fläche schon nah genug> dem Chiron getreten, aber Dante schwankt noch mit unsicherms Schritt zwischen den Felsen. Wir müssen noch einmal dahin! sehen; denn der Centaur spricht zu seinen Gesellen:
i Bemerkt! der hinten kommt, bewegt,
Was er berührt, wie ich es wohl gewahrte,
Und wie's kein Todtenfuß zu machen pflegt.
Man frage nun seine Einbildungskraft, ob dieser ungeheureBerg- und Felsensturz im Geiste nicht vollkommen gegenwärtiggeworden sey?
In den übrigen Gesängen lassen sich, bei veränderter Scene,eben ein solches Festhalten und Ausmalen durch Wiederkehr der-selben Bedingungen finden und vorweisen. Solche Parallel-^ stellen machen uns mit dem eigentlichsten Dichtergeist Dantes, aus den höchsten Grad vertraut.
, Der Unterschied des lebendigen Dante und der abgeschiede-nen Todten wird auch anderwärts ausfallend, wie z. B. diegeistigen Bewohner des Reinigungsortes (UurAutorio) vorDante erschrecken, weil er Schatten wirft, woran sie seineKörperlichkeit erkennen.
Llaffiker und Komantiker in Italien,
sich heftig bekämpfend.
1818
Uomnntico I den Jtaliänern ein seltsames Wort, in Neapelund dem glücklichen Campanieu noch unbekannt, in Rom unter^ deutschen Künstlern allenfalls üblich, macht in der Lombardei,s besonders in Mailand, seit einiger Zeit großes Aussehen. DasPublicum theilt sich in zwei Parteien, sie stehen schlagfertiggegen einander, und wenn wir Deutschen uns ganz geruhig^ des Adjectivums romantisch dabei bedienen, so werden dortdurch die Ausdrücke Romanticismus und Kriticismuszwei unversöhnliche Sectcn bezeichnet. Da bei uns der Streit,wenn es irgend einer ist, mehr praktisch als theoretisch geführtwird, da unsere romantischen Dichter und Schriftsteller dieMitwelt sür sich haben, und es ihnen weder an Verlegern nochLesern fehlt, da wir über die ersten Schwankungen des Gegen-satzes längst hinaus sind, und beide Theile sich schon zu ver-ständigen ansangen, so können wir mit Beruhigung zusehen,
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