Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und VrlkSdoefle.

wenn das Feuer, das wir entzündet, nun über den Alpen zulodern anfängt.

Mailand ist aber vorzüglich geeignet, ein Schauplatz diesesKampfes zu w rden, weil daselbst mehr Literatoren und Künstlerals irgendwo in Italien sich beisammen finden, die, bei erman-gelnden politischen Händeln, nunmehr literarischen Streitigkeitenein Interesse abgewinnen. Vorzüglich aber mußte in dieserwichtigen Stadt zuerst eine solche Bewegung entstehen, da mansich daselbst von deutscher Sprache und Bildung, bei so naherNachbarschaft und mannichfaltigen Handelsverhältnissen, einenBegriff zu machen Gelegenheit findet.

Daß in Italien jene Cultur, die sich von den alten Sprachenund den darin verfaßten unnachahmlichen Werken herschreibt,in großer Verehrung stehe, läßt sich gar wohl denken, ja, daßman auf diesem Grunde, worauf man sich erbaut, nun auchallein und ausschließlich zu ruhen wünscht, ist der Sache ganzgemäß; daß diese Anhänglichkeit zuletzt in Starrsinn und Pedan-terie auslanfe, möchte man als natürliche Folge gar wohl ent-schuldigen. Haben doch die Jtaliäner in ihrer eigenen Spracheeinen solchen Widerstreit, wo eine Partei an Dante und denrühern, von der Crusca citirten Florentinern festhält, neuereWorte und Wendungen aber, wie sie Leben und Weltbewegungjüngern Geistern aufdringt, keineswegs gelten läßt.

Nun mag einer solchen Gesinnung und Ueberzeugung ihrGrund und Werth nicht abgesprochen werden; allein wer bloßmit dem Vergangenen sich beschäftigt, kommt zuletzt in Gefahr,das Entschlafene, für uns Mumienhafte vertrocknet an seinHerz zu schließen. Eben dieses Festhalten aber am Abgeschie-denen bringt jederzeit einen revolutionären Uebergang hervor,wo das verstrebende Neue nicht länger zurückzudrängen, nichtzu bändigen ist, so daß es sich vom Alten losreißt, dessen Vor-züge nicht anerkennen, dessen Vortheile nicht mehr benutzenwill. Freilich, wenn das Genie, der gute Kopf sich bestrebt,das Alterthum wieder zu beleben, seine Zeitgenossen in ab-gelegene Regionen zurückzuführen, ihnen das Entfernte durchgefällige Abspiegelung näher zu rücken, da finden sich großeSchwierigkeiten; demjenigen Künstler dagegen wird es leicht,der sich umthut, was die Zeitgenossen ohnehin lieben, wonachsie streben, welche Wahrheit ihnen behagt, welcher Irrthumihnen am Herzen liegt? Und dann ist er ja selbst ein Moder-ner, in diese Zustände von Jugend auf eingeweiht und darinbefangen; seine Ueberzeugung schließt sich an die Ueberzeugungdes Jahrhunderts. Nun lasse er seinem Talente freien Laus,und es ist kein Zweifel, daß er den größten Theil des Publi-cums mit sich hinreißen werde.

Bei uns Deutschen war die Wendung in's Romantische auseiner erst den Alten, dann den Franzosen abgewonnenen Bil-dung durch Christlich-religiöse Gesinnungen eingeleitet, durchtrübe nordische Heldensagen begünstigt und bestärkt; worauf sichdenn diese Denkweise festsetzen und verbreiten konnte, so daßjetzt kaum ein Dichter, Maler, Bildhauer übrig geblieben, dersich nicht religiösen Gefühlen hingäbe und analogen Gegen-ständen widmete.

Einen solchen Verlauf nimmt die Dicht- und Kunstgeschichtenun auch in Italien. Als praktische Romantiker werden gerühmtJohann Torti und dessen poetische Darstellung der Leidens-geschichte Christi; ferner seine Terzinen über die Poesie. Ale-xander Manzoni sodann, Verfasser eines noch ungedruckten

Trauerspiels Carmagnola, hat sich durch heilige Hymnenguten Ruf erworben. Von wem man sich aber theoretisch vielverspricht, ist Hermes Visconti, welcher einen Dialogüber die drei dramatischen Einheiten, einen Aufsatz über dieBedeutung des Wortes poetisch und Ideen über den Stylgeschrieben hat, die noch nicht im Publicum verbreitet sind.Man rühmt an diesem jungen Manne einen höchst geistreichenScharfsinn, vollkommene Klarheit des Gedankens, tiefes Stu-dium der Alten so wie der Neuern. Er hat verschiedene Jahreder Kantischen Philosophie gewidmet, Deutsch deßhalb gelerntund sich den Sprachgebrauch des Königsberger Weisen zu eigengemacht. Nicht weniger hat er andere deutsche Philosophenstudirt, so wie unsere vorzüglichsten Dichter; von diesem hofftman, daß er jenen Streit beilegen und die Mißverständnisseaufklären werde, die sich täglich mehr verwirren.

Eine gar eigene Betrachtung hierüber veranlaßt ein merk-würdiger Fall. Monti, Verfasser von Aristodem undCasus Gracchus, Uebersetzer der Jlias, kämpft eifrig undkräftig auf der classischen Seite. Seine Freunde und Verehrerstehen dagegen für die romantische Partei und versichern, seineeigenen besten Werke seyen romantisch, und bezeichnen solchenamentlich, worüber der kostbare Mann höchst verdrießlich undaufgebracht, das ihm zugedachte falsche Lob gar nicht aner-kennen will.

Und doch ließe sich dieser Widerstreit sehr leicht heben, wennman bedenken wollte, daß jeder, der von Jugend an seineBildung den Griechen und Römern verdankt, nie ein gewissesantikes Herkommen verleugnen, vielmehr jederzeit dankbaranerkennen wird, was er abgeschiedenen Lehrern schuldig ist,wenn er auch sein ausgebildetes Talent der lebendigen Gegen-wart unaufhaltsam widmet und, ohne es zu wissen, modernendigt, wenn er antik angefangen hat.

Eben so wenig können wir die Bildung verleugnen, die wirvon der Bibel hergenommen haben, einer Sammlung bedeuten-der Documente, welche bis auf die letzten Tage einen lebendigenEinfluß hat, ob sie uns gleich so fern liegt und so fremd istals irgend ein anderes Alterthum. Daß wir sie näher fühlen,kommt daher, weil sie auf Glauben und höchste Sittlichkeit wirkt,da andere Literaturen nur auf Geschmack und mittlere Mensch-lichkeit Hinleiten.

In wiefern nun die Italiänischen Theoretiker sich in Gütevereinigen können, wird die Zeit lehren. Gegenwärtig ist nochleine Aussicht dazu: denn weil, wie nicht zu leugnen ist, in demromantischen Wesen manches Abstruse vorkommt, was nichtgleich einem jeden klar wird, vielleicht auch mancher Mißgriffobwaltet, den man eben nicht vertheidigen kann, so ist dieMenge gleich fertig, wenn sie alles, was dunkel, albern, ver-worren, unverständlich ist, romantisch nennt; hat man ja auch inDeutschland den edelsten Titel eines Naturphilosophen frecherWeise zum Spitz- und Schimpfnamen entwürdigt!

Wir thun deßhalb sehr wohl, wenn wir auf diese Ereignissein Italien Acht haben, weil wir, wie in einem Spiegel, unservergangenes und gegenwärtiges Treiben leichter erkennen, alswenn wir uns, nach wie vor, innerhalb unseres eigenen Cir-kels beurtheilen. Beobachten wollen wir daher, was in Mai-land einige gebildete, liebenswürdige Geister noch unternehmen,die, mit gesitteten und schicklichen Manieren, die verschiedenenParteien einander anzunähern und auf den wahren Standpunkt