Auswärtige Literatur und Volkspoesie.
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zu leiten gedenken. Sie kündigten ein Journal an, das derVermittler heißen sollte, dessen Programm aber schon mitwiderwärtiger Beleidigung empfangen wurde; indessen dasPublicum, nach seiner löblichen Art, über beide Meinungenspottet, und dadurch jeden wahren Antheil vernichtet.
Auf alle Falle jedoch muffen die Romantiker auch dort inkurzem die meisten Stimmen für sich haben, da sie in's Lebeneingreifen, einen jeden zum Zeitgenossen seiner selbst machen,und ihn also in ein behagliches Element versetzen. Wobei ihnendenn ein Mißverständniß zu gute kommt, daß man nämlichalles, was vaterländisch und einheimisch ist, auch zum Roman-tischen rechnet, und zwar deßhalb, weil das Romantische anLeben, Sitten und Religion herantritt, wo denn Muttersprache,Landesgesinnung als höchst lebendig und religiös erscheinen muß.Wenn man z. B. anfängt Inschriften, statt wie bisher in Latei-nischer Sprache, nunmehr in Italiänischer zu verfassen, allge-meiner Verständlichkeit willen, so glaubt man dieses auch demRomantischen zu verdanken; woraus deutlich erhellt, daß unterdiesem Namen alles begriffen sey, was in der Gegenwart lebtund lebendig auf den Augenblick wirkt. Zugleich ist uns einBeispiel gegeben, daß ein Wort durch Gebrauchsfolge einenganz entgegengesetzten Sinn annehmen kann, da das eigentlichRomantische unsern Sitten nicht näher liegt als Griechischesund Römisches.
1819 .
Der so eben mitgetheilte Aufsatz war schon vor mehrernMonaten aus Privatnachrichten entwickelt. Run sind aber zeit-her, außer dem angeführten Ooncilmtoro, auch die übrigenbezeichneten Schriften uns zur Hand gekommen, die wir, inHoffnung unsern Lesern Nützliches und Erfreuliches vorlegenzu können, treulich und fleißig betrachtet haben. Ob in derZwischenzeit von andern etwas hierüber in's Publicum gebrachtworden, ist uns unbekannt geblieben; wir jedoch glauben unserePflicht deßhalb mit wenigen allgemeinen Betrachtungen zu er-füllen.
Eine jede Theorie, sie sey von welcher Art sie wolle, setzteine Unterlage voraus, irgend etwas in der Erfahrung Ge-gebenes, welches man sich so gut als möglich zurecht legenmöchte. Von Aristoteles bis auf Kant muß man erst wissen,was diesen außerordentlichen Menschen zu schaffen machte, eheman nur einigermaaßen begreift, warum sie sich so viel Mühegegeben.
Jene neuern Mailändischen Schriften also mögen wir mitdem besten Willen, mit redlichster Sorgfalt lesen, so könnenwir doch nicht klar einsehen, warum und wozu sie geschriebensind? was diesen Streit aufregt, was ihm Interesse giebt undihn lebendig erhält? Wenigstens wüßten wir darüber nichtmehr zu sagen, als was im Vorstehenden schon geäußert wor-den, und man müßte eine geraume Zeit an Ort und Stellezubringen, uni davon ausreichende Nachricht zu geben.
Eine große, herrliche Stadt, die sich vor kurzem noch alsdas Haupt Italiens ansehen durfte, die der großen Zeitnoch mit einigem Gefallen gedenken muß, hegt in ihrem Busen,der köstlichen Bild- und Bauwerke nicht zu gedenken, somannichfaltig lebendige Kunsterzeugnisse, von denen wir gutenDeutschen uns keinen Begriff machen. Um ihr Urtheil darüber
zu begründen, sondern sie, den Franzosen ähnlich, doch liberaler,ihre Darstellungen in verschiedene Rubriken. Trauerspiel, Lnst-spiel, Oper, Ballet, ja Decoration und Garderobe sind abge-sonderte, obgleich in einander greifende Kunstfächer, derenjedem das Publicum und, in sofern er zum Worte kommt, derTheorist innerhalb gewisser Begränzungen eigene, besondereRechte und Befugnisse zugesteht. Hier sehen wir verboten,was dort erlaubt, hier bedingt, was dort frei gegeben ist.Aber alle diese Meinungen und Urtheile sind auf unmittelbareAnschauung gegründet, durch einzelne Fälle veranlaßt, und sosprechen Aeltere und Jüngere, mehr oder weniger Unterrichtete,frei oder befangen, leidenschaftlich hin und wieder, über allge-mein bekannte Mannichfaltigkeiten des Tages. Hieraus siehtman denn, daß nur der Gegenwärtige, Mitgenießende allen-falls mitzuurtheilen hätte; und vielleicht nicht einmal her gegen-wärtige Fremde, der in die Fülle eines ihm unerklärlichen Zu-standes hineinspringt und seine Ansichten dem Augenblick, derauf dem Vergangenen ruht, wohl schwerlich gerecht und billigfügen könnte.
Mit den heiligen Hymnen des Alexander Manzoni istes schon ein etwas anderer Fall. Wenn sich über mannichfaltigeVerkommenheiten der Zeit die Menschen entzweien, so vereinigtReligion und Poesie auf ihrem ernsten, tiefern Grunde diesämmtliche Welt. Vorbenannte Gedichte waren uns über-raschend , obgleich nicht fremdartig.
Wir gestehen Herrn Manzoni wahres poetisches Talent mitVergnügen zu: Stoff und Bezüge sind uns bekannt, aber wieer sie wieder aufnimmt und behandelt, erscheint uns neu undindividuell.
Es sind überhaupt nur vier Hymnen, welche nicht mehrals dreiunddreißig Seiten einnehmen, und folgendermaaßengeordnet: Die Auferstehung, das Grundergebniß derChristlichen Religion, das eigentlichste Evangelium. DerName Maria, durch welchen die ältere Kirche jede Ueber-lieferung und Lehre höchst unmuthig zu machen weiß. DieGeburt, als die Morgenröthe aller Hoffnungen des Menschen-geschlechts. Die Passion, als Nacht und Finsterniß allerErdenleiden, in welche die wohlthätige Gottheit sich einenAugenblick zu unserm Heil versenken mochte.
Diese vier Hymnen sind verschiedenen Ausdrucks und Tons,in verschiedenen Sylbenmaaßen abgefaßt, poetisch erfreulichund vergnüglich. Der naive Sinn beherrscht sie alle; aber einegewisse Kühnheit des Geistes, der Gleichnisse, der Uebergängezeichnen sich vor andern aus, und locken uns, immer nähermit ihnen bekannt zu werden. Der Verfasser erscheint alsChrist ohne Schwärmerei, als Römisch-katholisch ohne Bi-gotterie, als Eiferer ohne Härte. Doch ganz ohne Bekehrungs-trieb darf der Dichter sich nicht zeigen; dieser wendet ihn aberauf eine anmuthige Weise gegen die Kinder Israel, denen erfreundlich vorwirft, Maria sey doch aus ihrem Stamme ge-boren, und sie wollten allein einer solchen Königin die Huldi-gung versagen, die eine ganze Welt ihr zu Füßen legt.
Diese Gedichte geben das Zeugniß, daß ein Gegenstand,so oft er auch behandelt, eine Sprache, wenn sie auch Jahr-hunderte lang durchgearbeitet worden, immer wieder frisch undneu erscheinen, sobald ein frischer, jugendlicher Geist sie er-greifen , sich ihrer bedienen mag.