Auswärtige Literatur und Volkspoeiie.
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wir unterlassen deßhalb die Entwicklung des Plans, welche wirvor Jahren bei Einführung desGrafen Carmagnola fürnöthig erachtet, und beziehen uns auf die Analyse dieses Stücks,welche Herr Fauriel seiner Französischen Uebelsetzung beigefügthat. Sie wird allen Freunden einer sinnigen, entwickelnden,fördernden Kritik auf jede Weise willkommen seyn. Wir er-greifen jedoch die Gelegenheit anszusprechen, wie uns eben dieseTragödie die früher von Herrn Manzoni gefaßte gute Meinungnoch mehr zu begründen und seine Verdienste in weiterm Um-fang zu übersehen den Anlaß gegeben hat.
Alexander Manzoni hat sich einen ehrenvollen Platz unterden Dichtern neuerer Zeit erworben; sein schönes, wahrhaftpoetisches Talent beruht auf reinem, humanem Sinn undGefühl. Und wie er nun, was das Innere seiner dargestelltenPersonen betrifft, vollkommen wahr und mit sich selbst in Ueber-einstimmung bleibt, so findet er auch unerläßlich, daß dashistorische Element, in welchem er dichterisch wirkt und handelt,gleichfalls untadelhaft Wahres, durch Documente Bestätigtes,Unwidersprechliches enthalte. Seine Bemühung muß also dahingehen, das sittlich-ästhetisch Geforderte mit dem wirklich unaus-weichlich Gegebenen völlig in Einklang zu bringen.
Nach unserer Ansicht hat er dieß nun vollkommen geleistet,indem wir ihm zugeben, was man anderwärts wohl zu tadelngefunden hat, daß er nämlich Personen aus einer halbbar-barischen Zeit mit solchen zarten Gesinnungen und Gefühlenausgestattet habe, welche nur die höhere religiöse und sittlicheBildung unserer Zeit hervorzubringen fähig ist.
Wir sprechen zu seiner Rechtfertigung das vielleicht Paradoxscheinende Wort aus, daß alle Poesie eigentlich in Anachronismenverkehre; alle Vergangenheit, die wir herausrufen, um sie nachunserer Weise den Mitlebenven vorzutragen, muß eine höhereBildung, als es hatte, dem Alterthümlichen zugestehen; derPoet mag hierüber mit seinem Gewissen übereinkommen, derLeser aber muß gefällig durch die Finger blicken. Die Jliaswie die Odyssee, die sämmtlichen Tragiker, und was unsvon wahrer Poesie übrig geblieben ist, lebt und athmet nur inAnachronismen. Allen Zuständen borgt man das Neuere, umsie anschaulich, ja nur erträglich zu machen, so wie wir ja auchin der letzten Zeit mit dem Mittelalter verfuhren, dessen Maskewir viel zu sehr bis in Kunst und Leben herein als wirklich geltenließen.
Hätte sich Manzoni früher von diesem unveräußerlichenRecht des Dichters, die Mythologie nach Belieben umzubilden,die Geschichte in Mythologie zu verwandeln, überzeugt gehabt,so hätte er sich die große Mühe nicht gegeben, wodurch er seinerDichtung unwidersprechliche historische Denkmale bis in's ein-zelne unterzulegen getrachtet hat.
Da er aber dieses zu thun durch seinen eigenen Geist undsein bestimmtes Naturell geführt und genöthigt worden, soentspringt daraus eine Dichtart, in der er wohl einzig genanntwerden kann; es entstehen Werke, die ihm niemand nachmachenwird.
Denn durch die entschiedenen Studien, die er jener Zeitwidmete, durch die Bemühungen, womit er die Zustände desPapstes und seiner Lateiner, der Langobarden und ihrer Könige,Carl des Großen und seiner Franken, sodann das Gegenein-anderwirken dieser ganz verschiedenen, ursprünglich einanderwidersprechenden, durch weltgeschichtliche Ereignisse zusammen
und zwischen einander gewürfelten Elemente sich zu verdeut-lichen, vor seinem Urtheil zu vergewissern trachtete, gewannseine Einbildungskraft einen überreichen Stoff und durchausein so festes Anhalten, daß man wohl sagen darf, keine Zeilesey leer, kein Zug unbestimmt, kein Schritt zufällig oder durchirgend eine secundäre Nothwendigkeit bestimmt. Genug, erhat in dieser Art etwas Willkommenes und Seltenes geleistet;man muß ihm danken für alles, was er gebracht hat, auch wieer's gebracht hat, weil man dergleichen Gehalt und Form wohlniemals hätte fordern können.
Wir könnten in der Entwicklung des Vorgesagten noch aufmannichfaltigc Weise fortfahren, aber es sey genug den den-kenden Leser hierauf aufmerksam gemacht zu haben. Nur Einsbemerken wir, daß diese genaue historische Vergegenwärtigungihm besonders in den lyrischen Stellen, seinen! eigentlichen Erb-theil, vorzüglich zu Statten kommt.
Die höchste Lyrik ist entschieden historisch; man versuche diemythologisch geschichtlichen Elemente von Pindars Oden abzu-sondern, und man wird finden, daß man ihnen durchaus dasinnere Leben abschneidet.
Die modernere Lyrik neigt sich immer zum Elegischen hin;sie beklagt sich über Mangel, damit man den Mangel nichtspüre. Warum verzweifelt Horaz, den Pindar nachzuahmen?Nachzuahmen ist er freilich nicht, aber ein wahrhafter Dichter,der so viel zu rühmen und zu loben fände wie er, der sich mitfroher Gesinnung bei Stammbäumen aufhalten und den Glanzso vieler wetteifernder Städte rühmen könnte, würde ganz ohneFrage eben so gute Gedichte hervorzubringen vermögen.
Wie im Grafen Carmagnola der Chor, indem er dievorgehende Schlacht schildert, in gränzenloses Detail vertieft,sich doch nicht verwirrt, mitten in einer unaussprechlichen Un-ordnung doch noch Worte und Ausdrücke findet, uni Klarheitüber das Getümmel zu verbreiten und das Wiloeinherstürmendefaßlich zu machen, so sind die beiden Chöre, die das TrauerspielAdelchi beleben, gleichfalls wirksam, um das Unübersehbarevergangener und augenblicklicher Zustände dem Blick des Geistesvorzuführen. Der Beginn des ersten aber ist so eigen lyrisch,daß er anfangs fast abstrus erscheint. Wir müssen uns dasLongobardische Heer geschlagen und zerstreut denken; eine Be-wegung , ein Rumor verbreitet sich in die einsamsten Gebirgs-gegenden, wo die vormals überwundenen Lateiner, Sklavengleich, das Feld bauen und sonst mühseliges Gewerb treiben.Sie sehen ihre stolzen Herren, die Glieder aller bisher Gewalthabenden Familien flüchtig, zweifeln aber, ob sie sich deßhalbfreuen sollen? auch spricht ihnen der Dichter jede Hoffnung ab:unter den neuen Herrn werden sie sich keines bessern Zustandeszu erfreuen haben.
Jetzt aber, ehe wir uns zu dem zweiten Chöre wenden,erinnern wir an eine Betrachtung, die in den Noten und Ab-handlungen zu besserm Verständniß des westöstlicheuDivans S. 332 des ersten Bandes mit wenigem angedeutetworden, daß nämlich das Geschäft der lyrischen Poesie von demder epischen und dramatischen völlig verschieden sey. Denn diesemachen sich zur Pflicht, entweder erzählend oder darstellend,den Verlauf einer gewissen bedeutenden Handlung dem Hörerund Schauer vorzuführen, so daß er wenig oder gar nicht dabei! mitzuwirken, sondern sich nur lebhaft ausnehmend zu verhaltens habe; der lyrische Dichter dagegen soll irgend einen Gegenstand,