Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoefie.

623

Lwarlo.

Vom Franken ein Gesandter! Groß Ereigniß,

Was es auch sey, tritt ein. Im Grund der Urne,Von tausend Namen überdeckt, liegt tiefDer meine; bleibt sie ungeschiittelt, immerLiegt er im Grunde. So in meinerVerdüstrung sterb' ich, ohne daß nur jemandErführe, welch Bestreben mich durchglüht.

Nichts bin ich! Sammelt auch dieß niedre DachDie Großen bald, die sich's erlauben dürfen,

Dem König feind zu seyn; ward ihr Geheimniß,

Nur eben weil ich nichts bin, mir vertraut.

Wer denkt an Swarto? wen bekümmert's wohl,Was für ein Fuß zu dieser Schwelle tritt?

Wer haßt? wer fürchtet mich? O, wenn ErkühnenDen hohen Stand verlieh', den die GeburtVoreilig zutheilt, wenn um Herrschaft manMit Schwertern würbe, sehen solltet ihr,Hochmüth'ge Fürsten, wem's von uns gelänge!Dem Klügsten könnt' es werden. Euch zusammenLes' ich im Herzen; mein's verschloß ich. WelchesEntsetzen würd' euch fassen, welch Ergrimmen,Gewahrtet ihr, daß einzig Ein BegehrenEuch allen mich verbündet, Eine Hoffnung....Mich einst euch gleich zu stellen! Jetzt mit GoldeGlaubt ihr mich zu beschwichtigen. Gold! zu FüßenGeringern hinzuwerfen, es geschieht;

Doch schwach demüthig Hände hinzureichen,

Wie Bettler es zu haschen

Fürst Zldcchi.

Heil dir, Swarto!

I-'Loo,

Kiornsle 6i Scienro, I.kUsrs, Lrti, Lommeroio slestri. Ailsno.

1828 .

Eine Zeitschrift, mit diesem Jahre begonnen, empfiehlt sichsogleich durch ihr Aeußeres, welches einen Beweis giebt, wiehoch man jenseits der Alpen das Publicum zu ehren wisse.

Wir haben die ersten 47 Blätter vor uns und können denMitarbeitern sowohl wie den Redactoren das beste Zeugnißgeben. Sie offenbaren durchaus einen reinen, geistvoll heiternFreisinn, hinlängliche Uebersicht fremder Literatur neuestenDatums, überhaupt Umsicht von hohem Standpunkte, nirgendsZwang noch Zurückhaltung im einzelnen, aber bei ernstemWollen Mäßigung im ganzen.

Sie sind auf dem Alterthum und auf ihrer ältesten Literaturgegründet; sodann aber vernimmt man, was die Jtaliänerneuerlich unter sich verkehren, was sie dem Ausländer mittheilenmöchten, was sie von uns, mit besonderer Gunst angesehenenDeutschen, und wie sie es brauchen können, wie sie sich gegendie Franzosen, die Engländer, die Spanier verhalten. Sie zeigenKlugheit genug, dafür zu sorgen, was das Publicum Tag für Tagwissen möchte, zugleich aber auch Aufmerksamkeit für das höhereWissenswerthe. Dieses Blatt, auf solche Weise fortgesetzt, wirdauch dazu dienen, jene Nation in Begriffen und Sprache weiterzu fördern und ihren ästhetischen Gesichtskreis zu erweitern.

Wer das Schwierige und Unerfreuliche der ältern Italiä-nischen Prosa kennt, wird übrigens hier durch die leichte Heiter-keit des Vortrags sich überrascht finden und sich dabei erinnern,daß Mailand schon seit geraumer Zeit mit Florenz in sprach-thümlichem Conflict liege. Daher ist uns der Gedanke gekom-men, diese Blätter den Lehrern der Italiänischen Sprache imAnslanve zur Benutzung beim Unterricht zu empfehlen. Manchesandere Gute, was sich bei diesem Unternehmen ahnen und hoffenläßt, möge sich in der Folge bewähren!

V. Orientalische Literatur.

Toutinamrh,

übersctzt von Professor Zken, mit Anmerkungen und Zugaben vonProfessor Kosegarten.

1822 .

Es wird mit Recht das Papageienbuch genannt; dennder Papagei spielt die Hauptperson, und zwar folgendermaaßen.Eine schöne junge Frau, in Abwesenheit ihres Gemahls, ver-liebt sich in einen von ungefähr erblickten Fremden. Durch eineZwischenperson wird ausgemacht, es sey weniger gefährlich ihnzu suchen als ihn zu sich einzuladen. Nun putzt sie sich auf dasschönste, will aber doch den Schritt nicht ganz auf ihre Gefahrthun, und fragt, bei einbrechender Nacht, den dämonisch-weisenHauspapageien um Rath, welcher die List erdenkt, durch in-teressante, aber weitläufig ausgesponnene Erzählungen dieLiebeskranke bis zum Morgen hinzuhalten. Dieß wiederholtsich alle Nacht, und man erkennt hieran die Favoritsorm der

Orientalen, wodurch sie ihre gränzenlosen Mährchen in eineArt von Zusammenhang zu bringen suchten.

Wir unterscheiden nunmehr gleich ein älteres Toutinameh,von einem Dichter SijaieddinNechschebi, im Jahre Christi1329 vollendet, der darin ältere Erzählungen Indischen Ur-sprungs bearbeitet hatte. Hiervon giebt uns Professor Kose-garten im Anhange genügsame Kenntniß.

Die neuere Behandlung durch Muhamed Kaderi, dasvon Herrn Jken übersetzte Werk, fällt wahrscheinlich in denAnfang des siebzehnten Jahrhunderts.

Höchst interessant ist es daher, dasjenige, was uns ausdem Alten mitgetheilt wird, mit dem Neuen zu vergleichen;jenes hat große Fülle, ächt Orientalisch-Poetische Vorstellungs-arten; die Erzählung ist ausführlich bis zur Weitläufigkeit, dieunerläßliche Wiederholung durchgängig abwechselnd und ver-mannichfaltigt; wir finden die ächten Eigenschaften einer wohl-durchdachten, originellen Behandlung.