Auswärtige Literatur und Volkspoene.
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Gränzen Europäischer Schicklichkeit zu hatten; und doch hat ersolche Andeutungen gewagt, daß einer seiner deutschen Über-setzer sie zu beseitigen und zu tilgen für nöthig erachtet.
Enthalten können wir uns ferner nicht, des neuern bekanntgewordenen Gedichtes Megha-Duta zu gedenken. Auchdieses enthält, wie die vorigen, rein menschliche Verhältnisse.Ein aus dem nördlichen Indien in das südliche verbannterHöfling giebt zur Zeit, da der ungeheure Zug geballter undsich ewig verwandelnder Wolken von der Südspitze der Halb-insel nach den nördlichen Gebirgen unaufhaltsam hinzieht, unddie Regenzeit vorbereitet, einer dieser riesenhaften Lufterschei-nungen den Auftrag, seine zurückgebliebene Gattin zu begrüßen,sie wegen der noch kurzen Zeit seines Exils zu trösten, unter-wegs aber Städte und Länder, wo seine Freunde befindlich, zubeachten und sie zu segnen, wodurch man einen Begriff des Rau-mes erhält, der ihn von der Geliebten trennt, und zugleich einBild, wie reichlich diese Landschaft im einzelnen ausgestattetsehn müsse.
Alle diese Gedichte sind uns durch Uebersetzungen mitge-theilt, die sich mehr oder weniger vom Original entfernen, sodaß wir nur ein allgemeines Bild ohne die begränzte Eigen-thümlichkeit des Originals gewahr werden. Der Unterschied istfreilich sehr groß, wie aus einer Uebersetzung mehrerer Verse
unmittelbar aus dem Sanskrit, die ich Herrn Professor Kose-garten schuldig geworden, auf's klarste in die Augen leuchtet.
Aus diesem fernen Osten können wir nicht zurückkehren,ohne des neuerlich mitgetheilten Chinesischen Dramas zu ge-denken. Hier ist das wahre Gefühl eines alternden Mannes,der ohne männliche Erben abscheiden soll, auf das rührendstedargestellt, und zwar gerade dadurch, daß hervortritt, wie erder schönsten Ceremonien, die zur Ehre des Abgeschiedenenlandesüblich verordnet sind, wo nicht gar entbehren, dochwenigstens sie unwilligen und nachlässigen Verwandten über-lassen soll.
Es ist ein ganz eigentliches, nicht im besondern, sondernin's allgemeine gedichtetes Familiengemälde. Es erinnert sehran Jfflands Hagestolzen, nur daß bei dem Teutschen allesaus dem Gemüth oder aus den Unbilden häuslicher und bürger-licher Umgebung ausgehen konnte, bei dem Chinesen aber,außer ebeudenselben Motiven, noch alle religiösen und policei-lichen Ceremonien mitwirken, die einem glücklichen Stamm-vater zu gute kommen, unsern wackern Greis aber unendlichpeinigen, und einer gränzenlosen Verzweiflung überliefern,bis denn zuletzt durch eine leise vorbereitete, aber doch über-raschende Wendung das Ganze noch einen fröhlichen Abschlußgewinnt.
VI. Volkspoesie.
Wie David königlich zur Harke sang,
Der Winzerin Lied am Throne lieblich klang.Des Persers Bulbul Rosenbusch umbangt,
Und Schlangenhaut als Wildengürtel prangt,Von Pol zu Pol Gesänge sich erneun —
Ein Sphärentanz harmonisch im Getümmel —Laßt alle Völker unter gleichem HimmelSich gleicher Gabe wohlgemuth erfreun!
Volkspoejie.
1822 .
Meine frühere Vorliebe für eigenthümliche Volksge-sänge hat späterhin nicht abgenommen, vielmehr ist siedurch reiche Mittheilungen von allen Seiten her nur gesteigertworden.
Besonders erhielt ich von Osten, theils einzeln, theils inMassen, dergleichen Lieder verschiedener Völkerschaften; dieGesänge reichen vom Olympus bis an's Baltische Meer undvon dieser Linie immer landeinwärts gegen Nordosten.
Die Unentschlossenheit aber zu irgend einer Herausgabe der-selben mag theils daher abzuleiten seyn, daß mich gar mannich-faltiges Interesse hin und wieder zog, aber eigentlich ist folgen-dem Umstand die Schuld beizumessen.
Alle wahren Nativnalgedichte durchlaufen einen kleinenKreis, in welchem sie immer abgeschlossen wiederkehren; deß-wegen werden sie in Massen monoton, indem sie immer nureine» und denselben beschränkten Zustand ausdrücken.
Man sehe die sechs mitgetheilten Neugriechischen; man
Goethe, Werke. V.
wird die kräftigen Lontraste zwischen tüchtigem Freisinn in derWildniß und einer zwar geordneten, aber doch immer unzu-länglichen barbarischen Uebergewalt bewundern. Allein viel-leicht würde man mit einem Dutzend oder anderthalben denwiderspenstigen Charakter schon ganz dargestellt haben, und aufWiederholungen treffen, wie uns denn selbst begegnet, daßwir, wie in unsern Volksliedern auch vorkommt, auf mehroder weniger glückliche Variationen desselben Themas, auf zu-sammeugeschmolzene fremdartige Fragmente und dergleichenschon öfters stoßen mußten.
Merkwürdig bleibt es jedoch, wie sehr die einzelnen obenangedeuteten Völkerschaften sich wirklich unter einander in ihrenLiedern entschieden auszeichnen; welchen Charakter wir nichtim allgemeinen aussprechen, sondern lieber nach und nachdurch Beispiele vorführen wollen.
Indem uns nun zu diesem Zweck von allen Seiten Bei-träge höchst willkommen seyn werden, so ersuchen wir schließ-lich den Freund, der uns im Sommer 1815 zu WiesbadenNeugriechische Lieder im Original und glücklich übersetzt vor-legte, einen baldigen Abdruck, der uns aber nicht vorgekommen,
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