Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoeste.

des thätigsten Wirkens und eben so poetischer Darstellung ge-nügend. Die in derselben verfaßten Gedichte sind es, von denenwir sprechen, die wir loben, die aber von jenem vornehmemTheil der Nation geringgeschätzt werden; deßwegen sie auchniemals aufgeschrieben, noch weniger abgedruckt worden. Daherrührte denn auch die Schwierigkeit, sie zu erlangen, welche viele ^Jahre unüberwindlich schien, deren Ursache uns aber erst jetzt,da sie gehoben ist, offenbar wird.

Um nun von meinem Verhältniß zu dieser Literatur zu reden,so muß ich vorerst gestehen, daß ich keinen der Slawischen Dia-lekte, ungeachtet mehrerer Gelegenheiten, mir jemals eigen ge-macht noch studirt, und also von aller Originalliteratur diesergroßen Völkerschaften völlig abgeschlossen blieb, ohne jedoch denWerth ihrer Dichtungen, in sofern solche zu mir gelangten,jemals zu verkennen.

Schon sind es fünfzig Jahre, daß ich den Klaggesangder edlen Frauen des Asan Aga übersetzte, der sich indas Abbate Fortis Reisen, auch von da in den MorlackischenNotizen der Gräfin Rosenberg finden ließ. Ich übertrug ihnnach dem beigefügten Französischen, mit Ahnung des Rhythmus,und Beachtung der Wortstellung des Originals. Gar mancheSendung erhielt ich, auf lebhaftes Anfragen, sodann von Ge-dichten sämmtlicher Slawischen Sprachen; jedoch nur einzelnsah ich sie vor mir, weder einen Hauptbegriff konnte ich fassen,noch die Abtheilungen charakteristisch sondern.

Was nun aber die Serbischen Gedichte betraf, so blieb ihreMittheilung aus obengemeldeter Ursache schwer zu erlangen.Nicht geschrieben, sondern durch mündlichen Vertrag, den einsehr einfaches Saiteninstrument, Gusle genannt, begleitet,waren sie in dem niedern Kreise der Nation erhalten worden;ja es ereignete sich der Fall, als man in Wien von einigenSerben verlangte, dergleichen Lieder zu dictiren, daß diesesGesuch abgeschlagen wurde, weil die guten, einfachen Menschensich keinen Begriff machen konnten, wie man ihre kunstlosen,im eigenen Vaterlande von gebildeten Männern verachtetenGesänge einigermaaßen hochschätzen könne. Sie fürchtetenvielmehr, daß man diese Naturlieder mit einer ausgebildetendeutschen Dichtkunst ungünstig vergleiche, und dadurch denrohem Zustand ihrer Nation spöttisch kundzugeben gedenke. Vondem Gegentheil und einer ernstlichen Absicht überzeugte mansie durch die Aufmerksamkeit der Deutschen auf jenen Klag-gesang, und mochte denn wohl auch durch gutes Betragen dielängstersehnte Mittheilung, obgleich nur einzeln, hin und wiedererlangen.

Alles dieses war jedoch von keiner Folge, wenn nicht eintüchtiger Mann, Namens Wuk Stephanowitsch Karad-schitsch, geboren 1787 und erzogen an der Scheide von Ser-bien und Bosnien, mit seiner Muttersprache, die auf demLande weit reiner als in den Städten geredet wird, frühzeitigvertraut geworden wäre, und ihre Volkspoesie lieb gewonnenhätte. Er benahm sich mit dem größten Ernst in dieser Sache,und gab im Jahre 1814 in Wien eine Serbische Grammatikan den Tag, und zugleich Serbische Volkslieder, hundert ander Zahl. Gleich damals erhielt ich sie mit einer deutschenUebersetzung; auch jener Lraucrgesang fand sich nunmehr im iOriginal; allein wie sehr ich auch die Gabe werth hielt, wie sehr !sie mich erfreute, so konnte ich doch zu jener Zeit noch zu keinem !Ueberblick gelangen. In Westen hatten sich die Angelegen- i

heften verwirrt, und die Entwicklung schien aus neue Verwir-rung zu deuten; ich hatte mich nach Osten geflüchtet und wohntein glücklicher Abgeschiedenheit eine Zeit lang entfernt von Westenund Norden.

Nun aber enthüllt sich diese langsam reifende Angelegenheitimmer mehr und mehr. Herr Wuk begab sich nach Leipzig,wo er in der Breitkopf-Härtelschen Officin drei Bände Liederherausgab, von deren Gehalt oben gesprochen wurde, sodannGrammatik und Wörterbuch hinzufügte, wodurch denn diesesFeld dem Kenner und Liebhaber um vieles zugänglicher ge-worden.

Auch brachte des werthen Mannes Aufenthalt in Deutsch-land denselben in Berührung mit vorzüglichen Männern. Biblio-thekar Grimm in Cassel ergriff mit der Gewandtheit einesSprachgewaltigen auch das Serbische; er übersetzte die WukischeGrammatik und begabte sie mit einer Vorrede, die unsern obi-gen Mittheilungen zum Grunde liegt. Wir verdanken ihm be-deutende Uebersetzungen, die in Sinn und Sylbenmaaß jenesRationelle wiedergeben.

Auch Professor Vater, der gründliche und zuverlässigeForscher, nahm ernstlichen Theil, und so rückt uns dieses bisherfremd gebliebene und gewissermaaßen zurückschreckende Studiumimmer näher.

Auf diesem Punkt nun, wie die Sachen gekommen sind,konnte nichts erfreulicher seyn, als daß ein Frauenzimmer vonbesondern Eigenschaften und Talenten, mit den SlawischenSprachen durch einen frühern Aufenthalt in Rußland nichtunbekannt, ihre Neigung für die Serbische entschied, sich mitaufmerksamster Thätigkeit diesem Liederschatz widmete, undjener langwierigen Säumniß durch eine reiche Leistung einEnde machte. Sie übersetzte, ohne äußern Antrieb, ausinnerer Neigung und Gutachten, eine große Masse der vor-liegenden Gedichte, und wird in einem Octavband so viel der-selben zusammenfassen, als man braucht, um sich mit dieserausgezeichneten Dichtart hinreichend bekannt zu machen. Aneiner Einleitung wird's nicht fehlen, die das, was wir vorläufighier eingeführt, genauer und umständlicher darlegen, um einenwahren Antheil dieser verdienstvollen neuen Erscheinung allge-mein zu fördern.

Die deutsche Sprache ist hierzu besonders geeignet; sieschließt sich an die Idiome sämmtlich mit Leichtigkeit an, sie ent-sagt allem Eigensinn, und fürchtet nicht, daß man ihr Unge-wöhnliches, Unzulässiges vorwerfe; sie weiß sich in Worte, Wort-bildungen, Wortfügungen, Redewendungen, und was alles zurGrammatik und Rhetorik gehören mag, so wohl zu finden, daßwenn man auch ihren Autoren bei selbsteigenen Produktionenirgend eine seltsamliche Kühnheit vorwerfen möchte, man ihrdoch vorgeben wird, sie dürfe sich bei Uebersetzung dem Originalin jedem Sinne nahe halten.

Und es ist keine Kleinigkeit, wenn eine Sprache dieß von sichrühmen darf: denn müssen wir es zwar höchst dankenswerthachten, wenn fremde Völkerschaften dasjenige nach ihrer Art sichaneignen, was wir selbst inmrhalb unseres Kreises Originelleshervorgebracht, so ist es doch nicht von geringerer Bedeutung,wenn Fremde auch das Ausheimische bei uns zu suchen haben.Wenn uns eine solche Annäherung ohne Affectation wie bishernach mehrern Seiten hin gelingt, so wird der Ausheimische inkurzer Zeit bei uns zu Markte gehen müssen, und die Waaren,