Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

632

Auswärtigc Literatur uut Volkspocsie.

Strengere Forderungen an die Übersetzung mögen nachJahren erfüllt werden.

Das Annähernde, Gelenke, Geläufige ist das Wünschens-werthe des Augenblicks.

Steigerung der Uebersetzungsforderungen.

Von der laxesten Art bis zur stricten Observanz.

Mängel beider.

Die letzte treibt uns unbedingt zum Original.

Anlockung für Fremde, Deutsch zu lernen; nicht allein derVerdienste unserer eigenen Literatur wegen, sondern weil diedeutsche Sprache immer mehr Vermittlerin werden wird, in-dem alle Literaturen sich in ihr vereinigen.

Und so können wir sie ohne Dünkel empfehlen.

Wer seit einem halben Jahrhundert die schiefen Urtheileder übrigen Europäischen Nationen über unsere Literatur be-obachtet hat, und sie nach und nach durch theilnehmende, um-sichtige Ausländer berichtigt sieht, der darf mit einigernationellen Selbstgenügsamkeit aussprechen, daß jene Nationenin gewissen Fächern ihre Bornirtbeit abgelegt und zu einerfreiern Umsicht gelangt sind, als sie mit uns und unsern treuenBeniühungen mehr und mehr bekannt worden.

Man mißgönnt der Französischen Sprache nicht ihre Con-versations- und diplomatische Allgemeinheit; in dem obenan-gedeuteten Sinne muß die deutsche sich nach und nach zurWeltsprache erheben.

Serbische Gedichte.

1827.

Der zweite Theil der Uebersetzung Serbischer Gedichte, denwir dem anhaltenden gründlichen Fleiß unserer jungen Freun-din verdanken, sollte mir Anlaß geben, über diese auch mirsehr schätzenswerthe Nationalpoesie meine Gedanken zu er-öffnen. Auch hatte ich schon manches deßhalb zurecht gestellt,als ich in den Göttingischen Anzeigen Nr. 192 Jahr 1826 eineRecension fand, welche mich aller weitem Aeußerungen über-hebt. Sie ist von dem gründlichsten Sprachkenner verfaßt, dereben so gut das allgemeine Organ, wodurch wir uns mittheilen,als das dadurch mitgetheilte zu schätzen weiß. Nachträglichaber darf ich folgendes bemerken.

Die Serbischen Lieder, freilich nach vieljährigen An-deutungen und Vorarbeiten im Stillen, werden uns aufeinmal durch verschiedenartige Uebersetzungen bekannt, welchesich sonst in einer Nation nur nach und nach zu entwickelnpflegen. Ueber die sonst gewöhnliche Accommodation, wie sievor fünfzig Jahren noch nöthig war, wo man seinem Volkealles Mitzutheilende so nach Geschmack und Gaumen zurichtenund anrichten mußte, um einigermaaßen dem Fremden Ein-gang zu verschaffen, hat uns eine höhere Cultur hinausgehoben,und wir sehen nun, neben der ernst und streng an das Originalsich haltenden Uebersetzung des Herrn Grimm, einen, bei allerHochachtung für das Original, mit freier Heiterkeit überliefern-den Vertrag der Fräulein von Jakob, durch welche wirschon in Masse die tüchtigsten Heldengesänge und die zartestenLiebeslieder als unser deutsches Eigenthum ansehen können.

Nun tritt Herr Gerhard hinzu, mit großer Gewandtheit derRhythmik und des Reimes, und bringt uns leichtfertige eigent-liche Lieder für den Kreis des Gesanges.

Wenn die beiden ersten Dichtarten den Vertrag eines ein-zelnen Rhapsoden oder den eines gefühlvollen Alleinsingers vor-aussetzen, so gelangen wir hier zum lustigen Gesammtsang, undtreffen das Vaudeville, das nicht allein durch einen sinnigwiederkehrenden Refrain Einbildungskraft und Gefühl zu-sammenhält, sondern auch in sinnlosen, ja unsinnigen Klängendie Sinnlichkeit, und was ihr angehört, aufregt und sie zueinem gemeinsamen Taumel auffordert.

Dieses ist das Erbtheil der geselligen Franzosen, worinsie sich von jeher überschwänglich ergingen, und worin neuererZeit Beranger sich meisterhaft erweist; wir würden sagenmusterhaft, wenn er nicht gerade um so ein trefflicher Poetzu seyn, alle Rücksichten, die man einer gebildeten Weltschuldig ist, durchaus ablehnen müßte.

Auffallend mußte hierbei seyn, daß ein halbrohes Volkmit dem durchgeübtesten gerade auf der Stufe der leichtfertig-sten Lyrik zusammentrifft, wodurch wir uns abermals über-zeugen, daß es eine allgemeine Weltpoesie gebe, und sich nachUmständen hervorthue: weder Gehalt noch Form brauchtüberliefert zu werden; überall, wo die Sonne hinscheint, istihre Entwicklung gewiß.

Diese Andeutungen fortzusetzen enthalten wir uns gegen-wärtig ; die Sätze der Serbischen Literatur werden schnellgenug deutsches Gemeingut werden, und wir behalten unsvor, sobald noch mehreres zur Kenntniß gekommen, unsereGedanken weiter mitzutheilen.

So weit'waren wir gelangt, als uns die angenehme Nach-richt zukam, daß Herr Gerhard unter dem Titel Wila eineneue Sammlung Serbischer Volkslieder zunächst herausgebenwerde. Da nun hier der sprach- und sinngewandte Mann dieseAngelegenheit zu fördern sich abermals geneigt erweis't, sozweifeln wir nicht, er werde die Aufforderung, die wir zu-nächst an ihn erlassen, freundlichst aufnehmen und sein Talentin dieser Angelegenheit fernerhin bethätigen.

Das Neueste Serbischer Literatur.

1827.

Sim eon Milutinowitsch, ein für die Poesie seinerNation wie für die dichterischen Erzeugnisse der unsrigen gleichempfänglicher Mann, gegenwärtig fünfunddreißig Jahre alt,war früher als Schreiber bei dem Senate in Belgrad ange-stellt, vertauschte aber, als Czerny Georg seine Brüder zuden Waffen rief, die Feder mit der Flinte und dem Hantschar.Er focht in den beiden Befreiungskriegen unter Georg undMilosch für die Freiheit seines Vaterlandes, wanderte, alsdieses dem Türkischen Joche sich wieder schmiegen mußte, nachBeffarabien, fing dort an die Heldenthaten der vorzüglichstenBojaren dichterisch zu beschreiben, und kam über Rußland undPolen nach Leipzig, um daselbst, unterstützt vom FürstenMilosch, in der Breitkopf- und Härtelschen Officin, wo erwußte, daß sein Freund Wuk Stephanvwitsch die Serbischen