2
Bildung und Umbildung organischer Naturen.
zu allen Zeiten ein Trieb hervorgethan, die lebendigen Bil-dungen als solche zu erkennen, ihre äußern, sichtbaren, grcif-lichen Theile im Zusammenhange zu ersassen, sie als Andeu-tungen des Innern aufzunehmen, und so das Ganze in derAnschauung gewissermaaßen zu beherrschen. Wie nahe dieseswissenschaftliche Verlangen mit dem Kunst« und Nachahmungs-triebe zusammenhänge, braucht wohl nicht umständlich aus-geführt zu werden.
Man findet daher in dem Gange der Kunst, des Wissensund der Wissenschaft mehrere Versuche, eine Lehre zu gründenund auszubilden, welche wir die Morphologie nennen möch-ten. Unter wie mancherlei Formen diese Versuche erscheinen,davon wird. in dem geschichtlichen Theile die Rede seyn.
Der Deutsche hat für den Cvmplex des Daseyns eineswirklichen Wesens das Wort Gestalt. Er abstrahirt beidiesem Ausdruck von dem Beweglichen, er nimmt an, daßein Zusammengehöriges festgestellt, abgeschlossen und in seinem !Charakter fixirt sey.
Betrachten wir aber alle Gestalten, besonders die orga-nischen, so finden wir, daß nirgend ein Bestehendes, nirgendein Ruhendes, ein Abgeschlossenes vorkommt, sondern daßvielmehr alles in einer steten Bewegung schwanke. Daherunsere Sprache das Wort Bildung sowohl von dem Hervor-gebrachten als von dem Hervorgebrachtwerdenden gehörig ge-nug zu brauchen Pflegt.
Wollen wir also eine Morphologie einleiten, so dürfen wirnicht von Gestalt sprechen, sondern, wenn wir das Wortbrauchen, uns allenfalls dabei nur die Idee, den Begriff oderein in der Erfahrung nur für den Augenblick Festgehaltenesdenken.
Das Gebildete wird sogleich wieder umgebildet, und wirhaben uns, wenn wir einigermaaßen zum lebendigen Anschauender Natur gelangen wollen, selbst so beweglich und bildsamzu erhalten, nach dem Beispiele, mit dem sie uns vorgeht.
Wenn wir einen Körper auf dem anatomischen Wege inseine Theile zerlegen, und diese Theile wieder in das , worinsie sich trennen lassen, so kommen wir zuletzt auf solche An-fänge, die man Similartheile genannt hat. Von diesenist hier nicht die Rede; wir machen vielmehr auf eine höhereMaxime des Organismus aufmerksam, die wir folgender-maaßen aussprechen.
Jedes Lebendige ist kein einzelnes, sondern eine Mehrheit;selbst in sofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es docheine Versammlung von lebendigen, selbstständigen Wesen, dieder Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung abergleich oder ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können.Diese Wesen sind theils ursprünglich schon verbunden, theilsfinden und vereinigen sie sich. Sie entzweien sich und suchensich wieder, und bewirken so eine unendliche Production aufalle Weise und nach allen Seiten.
Je unvollkommener das Geschöpf ist, desto mehr sind dieseTheile einander gleich oder ähnlich, und desto mehr gleichen siedem Ganzen. Je vollkommener das Geschöpf wird, desto un-ähnlicher werden die Theile einander. In jenem Falle ist dasGanze den Theilen mehr oder weniger gleich, in diesem dasGanze den Theilen unähnlich. Je ähnlicher die Theile einandersind, desto weniger sind sie einander subordinirt. Die Subor-dination der Theile deutet auf ein vollkommeneres Geschöpf.
Da in allen allgemeinen Sprüchen, sie mögen noch so gutdurchdacht seyn, etwas Uufaßliches für denjenigen liegt, dersie nicht anwenden, der ihnen die nöthigen Beispiele nichtunterlegen kann, so wollen wir zum Anfang nur einige geben,da unsere ganze Arbeit der Aus- und Durchführung dieser undanderer Ideen und Maximen gewidmet ist.i Daß eine Pflanze, ja ein Baum, die uns doch als Jndivi-i duum erscheinen, aus lauter Einzelnheiten bestehen, die sich^ unter einander und dem Ganzen gleich und ähnlich sind, daranist wohl kein Zweifel. Wie viele Pflanzen werden durch Ab-senker fortgepflanzt! Das Auge der letzten Varietät eines Obst-baumes treibt einen Zweig, der wieder eine Anzahl gleicherAugen hervorbringt; und auf eben diesem Wege gebt die Fort-pflanzung durch Samen vor sich; sie ist die Entwicklung einerunzähligen Menge gleicher Individuen aus dem Schooße derMutterpflanze.
Man sieht hier sogleich, daß das Geheimniß der Fortpflan-zung durch Samen innerhalb jener Maxime schon ausgesprochenist; und man bemerke, man bedenke nur erst recht, so wirdman finden, daß selbst das Samenkorn, das uns als eine in-dividuelle Einheit vorzuliegen scheint, schon eine Versammlungvon gleichen und ähnlichen Wesen ist. Man stellt die Bohnegewöhnlich als ein deutliches Muster der Keimung auf. Mannehme eine Bohne, noch ehe sie keimt, in ihrem ganz ein-! gewickelten Zustande, und man findet nach Eröffnung derselbenerstlich die zwei Samenblätter, die man nicht glücklich mit deniMutterkuchen vergleicht; denn es sind zwei wahre, nur aus-getriebene und mehlig ausgefüllte Blätter, welche auch anLicht und Lust grün werden. Ferner entdeckt man schon dasFederchen, welches abermals zwei ausgebildetere und weitererAusbildung fähige Blätter sind. Bedenkt man dabei, daß hinterjedem Blattstiele ein Auge, wo nicht in der Wirklichkeit, dochin der Möglichkeit ruht, so erblickt man in dem uns einfachscheinenden Samen schon eine Versammlung von mehrern Ein-zelnheiten. die man einander in der Idee gleich und in derErscheinung ähnlich nennen kann.
Daß nun das, was de»Jdee nach gleich ist, in der Er-fahrung entweder als gleich oder als ähnlich, ja sogar als völligungleich und unähnlich erscheinen kann, darin besteht eigentlichdas bewegliche Leben der Natur, das wir in unsern Blätternzu entwerfen gedenken.
Eine Instanz aus dem Thierreich der niedrigsten Stufeführen wir noch zu mehrerer Anleitung hier vor. Es giebtJnfusionsthiere, die sich in ziemlich einfacher Gestalt vor unsermAuge in der Feuchtigkeit bewegen, sobald diese aber aufgetrocknet,zerplatzen, und eine Menge Körner ausschütten, in die siewahrscheinlich bei einem naturgemäßen Gange sich auch in derFeuchtigkeit zerlegt, und so eine unendliche Nachkommenschafthervorgebracht hätten. Doch genug hiervon an dieser Stelle,dabei unserer ganzen Darstellung diese Ansicht wieder hervor-treten muß.
Wenn man Pflanzen und Thiere in ihrem unvollkommenstenZustande betrachtet, so sind sie kaum zu unterscheiden. EinLebenspnnkt, starr, beweglich oder halbbeweglich, ist das, wasunserm Sinne kaum bemerkbar ist. Ob diese ersten Anfänge,nach beiden Seiten determinabel, durch Licht zur Pflanze, durchFinsterniß zum Thier hinüberzuführen sind, getrauen wir unsnicht zu entscheiden, ob es gleich hierüber an Bemerkungen und