Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

allgemeinen Begriff davon angezeigt und die Uebereinstimmungder Natur an einigen Beispielen gewiesen zu haben. Die großeMannichfaltigkeit der Samenkapseln giebt uns künftig Stoff zumehrerer Betrachtung.

80 .

Die Verwandtschaft der Samenkapseln mit den vorher-gehenden Theilen zeigt sich auch durch das Stigma, welches beivielen unmittelbar aufsitzt und mit der Kapsel unzertrennlichverbunden ist. Wir haben die Verwandtschaft der Narbe mitder Blattgestalt schon oben gezeigt und können hier sie nochmalsaufführen, indem sich bei gefüllten Mohnen bemerken läßt, daßdie Narben der Samenkapseln in farbige, zarte, Kronenblätternvöllig ähnliche Blättchen verwandelt sehen.

81 .

Die letzte und größte Ausdehnung, welche die Pflanze inihrem Wachsthum vornimmt, zeigt sich in der Frucht. Sie istsowohl an innerer Kraft als äußerer Gestalt oft sehr groß, jaungeheuer. Da sie gewöhnlich nach der Befruchtung vor sichgeht, so scheint der nun mehr determinirte Same, indem er zuseinem Wachsthum aus der ganzen Pflanze die Säfte herbei-zieht , ihnen die Hauptrichtung nach der Samenkapsel zu geben,wodurch denn ihre Gefäße genährt, erweitert und oft in demhöchsten Grade ausgefüllt und ausgespannt werden. Daß hieranreinere Luftarten einen großen Antheil haben, läßt sich schonaus dem vorigen schließen, und es bestätigt sich durch die Er-fahrung, daß die aufgetriebenen Hülsen der Oolutlmn reineLuft enthalten.

XI.

Von Len unmittelbaren Hüllen des Samens.

82 .

Dagegen finden wir, daß der Same in dem höchsten Gradevon Zusammenziehung und Ausbildung seines Innern sich be-findet. Es läßt sich bei verschiedenen Samen bemerken, daß erBlätter zu seinen nächsten Hüllen umbilde, mehr oder wenigersich anpasse, ja meistens durch seine Gewalt sie völlig an sichschließe und ihre Gestalt gänzlich verwandle. Da wir obenmehrere Samen sich aus und in Einem Blatt entwickeln ge-sehen, so werden wir uns nicht wundern, wenn ein einzelnerSamenkeim sich in eine Blatthülle kleidet.

83 .

Die Spuren solcher nicht völlig den Samen angepaßtenBlattgestalten sehen wir an vielen geflügelten Samen, z. B.des Ahorns, der Rüster, der Esche, der Birke. Ein sehr merk-würdiges Beispiel, wie der Samenkeim breitere Hüllen nachund nach zusammenzieht und sich anpaßt, geben uns die dreiverschiedenen Kreise verschieden gestalteter Samen der Calendel.Der äußerste Kreis behält noch eine mit den Kelchblättern ver-wandte Gestalt, nur daß eine die Rippe ausdehnende Samen-anlage das Blatt krümmt und die Krümmung inwendig derLänge nach durch ein Häutchen in zwei Theile abgesondert wird.Der folgende Kreis hat sich schon mehr verändert, die Breitedes Blättchens und das Häutchen haben sich gänzlich verloren;dagegen ist die Gestalt etwas weniger verlängert, die in demRücken befindliche Samenanlage zeigt sich deutlicher, und diekleinen Erhöhungen auf derselben sind stärker; diese beidenReihen scheinen entweder gar nicht oder nur unvollkommen

befruchtet zu seyn. Auf sie folgt die dritte Samenreihe in ihrerächten Gestalt, stark gekrümmt und mit einem völlig angepaßtenund in allen seinen Striefen und Erhöhungen völlig ausge-bildeten Jnvolucrum. Wir sehen hier abermals eine gewaltsameZusammenziehung ausgebreiteter, blattähnlicher Theile, undzwar durch die innere Kraft des Samens, wie wir oben durchdie Kraft der Anthere das Blumenblatt zusammengezogen ge-sehen haben.

XII.

Rückblick und Uebergang.

84 .

Und so wären wir der Natur auf ihren Schritten so bedacht-sam als möglich gefolgt; wir hätten die äußere Gestalt derPflanze in allen ihren Umwandlungen, von ihrer Entwicklungaus dem Samenkorn bis zur neuen Bildung desselben, begleitetund, ohne Anmaßung, die ersten Triebfedern der Naturwir-kungen entdecken zu wollen, auf Aeußerung der Kräfte, durchwelche die Pflanze ein und eben dasselbe Organ nach und nachumbildet, unsere Aufmerksamkeit gerichtet. Um den einmalergriffenen Faden nicht zu verlassen, haben wir die Pflanzedurchgehend? nur als einjährig betrachtet, wir haben nur dieUmwandlung der Blätter, welche die Knoten begleiten, bemerktund alle Gestalten aus ihnen hergeleitet. Allein es wird, umdiesem Versuch die nöthige Vollständigkeit zu geben, nunmehrnoch nöthig, von den Augen zu sprechen, welche unter jedemBlatt verborgen liegen, sich unter gewissen Umständen ent-wickeln und unter andern völlig zu verschwinden scheinen.

XIII.

Von den Auge» und ihrer Entwicklung.

85 .

Jeder Knoten hat von der Natur die Kraft, ein oder meh-rere Augen hervorzubringen; und zwar geschieht solches in derNähe der ihn bekleidenden Blätter, welche die Bildung unddas Wachsthum der Augen vorzubereiten und mitzubewirkenscheinen.

86 .

In der successiven Entwicklung eines Knotens aus demandern, in der Bildung eines Blattes an jedem Knoten undeines Auges in dessen Nähe beruht die erste, einfache, langsamfortschreitende Fortpflanzung der Vegetabilien.

87 .

Es ist bekannt, daß ein solches Auge in seinen Wirkungeneine große Aehnlichkeit mit dem reifen Samen hat, und daß oftin jenem noch mehr als in diesem die ganze Gestalt der künftigenPflanze erkannt werden kann.

88 .

Ob sich gleich an dem Auge ein Wurzclpunkt so leicht nichtbemerken läßt, so ist doch derselbe eben so darin wie in demSamen gegenwärtig, und entwickelt sich, besonders durchfeuchte Einflüsse, leicht und schnell.

89 .

Das Auge bedarf keiner Kotyledonen, weil es mit seinerschon völlig organisirten Mutterpflanze zusammenhängt, und