Bildung und Umbildung organischer Naturen.
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mich, im Vaterlande und auch wohl auswärts, als Dichterund läßt mich allenfalls für einen solchen gelten; daß ich abermit großer Aufmerksamkeit mich um die Natur in ihrenallgemeinen physischen und ihren organischen Phänomenenemsig bemüht und ernstlich angestellte Betrachtungen stetig undleidenschaftlich im Stillen verfolgt, dieses ist nicht so allgemeinbekannt, noch weniger mit Aufmerksamkeit bedacht worden.
Als daher mein seit vierzig Jahren in deutscher Spracheabgedruckter Versuch, wie man die Gesetze der Pflanzenbildungsich geistreich vorzustellen habe, nunmehr besonders in derSchweiz und Frankreich näher bekannt wurde, so konnte mansich nicht genug verwundern, wie ein Poet, der sich bloß mitsittlichen, dem Gefühl und der Einbildungskraft anheimgegebenen Phänomenen gewöhnlich befasse, sich einen Augenblickvon seinem Wege abwenden und, in flüchtigem Vorübergehen,eine solche bedeutende Entdeckung habe gewinnen können.
Diesem Vorurtheil zu begegnen, ist eigentlich vorstehenderAufsatz verfaßt; er soll anschaulich machen, wie ich Gelegen-heit gefunden, einen großen Theil meines Lebens mit Neigungund Leidenschaft auf Naturstudien zu verwenden. Nicht alsodurch eine außerordentliche Gabe des Geistes, nicht durch einemomentane Inspiration, noch unvermuthet und auf einmal,sondern durch ein folgerechtes Bemühen bin ich endlich zu einemso erfreulichen Resultate gelangt.
Zwar hätte ich gar wohl der hohen Ehre, die man meinerSagacität erweisen wollen, ruhig genießen und mich allenfallsdamit brüsten können; da es aber im Verfolg wissenschaftlichenBestrebens gleich schädlich ist, ausschließlich der Erfahrung alsunbedingt der Idee zu gehorchen, so habe ich für meine Schul-digkeit gehalten, das Ereigniß, wie es mir begegnet, historischtreu, obgleich nicht in aller Ausführlichkeit, ernsten Forscherndarzulegen.
Schicksal der Handschrift.
1817 .
Aus Italien, dem formreichen, war ich in das gestaltloseDeutschland zurückgewiesen, heitern Himmel mit einem düsternzu vertauschen; die Freunde, statt mich zu trösten und wiederan sich zu ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. MeinEntzücken über entfernteste, kaum bekannte Gegenstände, meinLeiden, meine Klagen über das Verlorene schien sie zu beleidi-gen; ich vermißte jede Theilnahme, niemand verstand meineSprache. In diesen Peinlichen Zustand wußte ich mich nichtzu finden; die Entbehrung war zu groß, an welche sich deräußere Sinn gewöhnen sollte; der Geist erwachte sonach, undsuchte sich schadlos zu halten.
Im Laufe von zwei vergangenen Jahren hatte ich ununter-brochen beobachtet, gesammelt, gedacht, jede meiner Anlagenauszubilden gesucht. Wie die begünstigte Griechische Nationverfahren, um die höchste Kunst im eigenen Nationalkreise zuentwickeln, hatte ich bis auf einen gewissen Grad einzusehengelernt, so daß ich hoffen konnte, nach und nach das Ganzezu überschauen, und mir einen reinen, vorurtheilsfreien Kunst-genuß zu bereiten. Ferner glaubte ich der Natur abgemerkt zuhaben, wie sie gesetzlich zu Werke gehe, um lebendiges Gebild,als Muster alles künstlichen, hervorzubringen. Das dritte, wasmich beschäftigte, waren die Sitten der Völker. An ihnen zu
lernen, wie aus dem Zusammentreffen von Nothwendigkeitund Willkür, von Antrieb und Wollen, von Bewegung undWiderstand ein drittes hervorgeht, was weder Kunst noch Natur,sondern beides zugleich ist, nothwendig und zufällig, absichtlichund blind: ich verstehe die menschliche Gesellschaft.
Wie ich mich nun in diesen Regionen hin und her bewegte,mein Erkennen auszubilden bemüht, unternahm ich sogleichschriftlich zu verfassen, was mir am klarsten vor dem Sinnestand, und so ward das Nachdenken geregelt, die Erfahrunggeordnet und der Augenblick festgehalten. Ich schrieb zu gleicherZeit einen Aufsatz über Kunst: Einfache Nachahmung.der Natur, Manier, Styl, einen andern, die Meta-morphose der Pflanzen zu erklären, und das RömischeCarneval; sie zeigen sämmtlich, was damals in meinemInnern vorging, und welche Stellung ich gegen jene dreigroßen Weltgegenden genommen hatte. Der Versuch, dieMetamorphose der Pflanzen zu erklären, das heißt die mannich-faltigen, besondern Erscheinungen des herrlichen Weltgartensauf ein allgemeines, einfaches Princip zurückzuführen, warzuerst abgeschlossen.
Nun aber ist es eine alte schriftstellerische Wahrheit: unsgefällt, was wir schreiben; wir würden es ja sonst nicht ge-schrieben haben. Mit meinem neuen Hefte wohl zufrieden,schmeichelte ich mir, auch im wissenschaftlichen Felde schrift-stellerisch eine glückliche Laufbahn zu eröffnen; allein hier solltemir ebenfalls begegnen, was ich an meinen ersten dichterischenArbeiten erlebt: ich ward gleich Anfangs auf mich selbst zurück-gewiesen; doch hier deuteten die ersten Hindernisse leider gleichauf die spätern, und noch bis auf den heutigen Tag lebe ich ineiner Welt, aus der ich wenigen etwas mittheilen kann. DemManuscript aber erging es folgendermaaßen.
Mit Herrn Göschen, dem Herausgeber meiner gesam-melten Schriften, hatte ich alle Ursache zufrieden zu seyn; leiderfiel jedoch die Auflage derselben in eine Zeit, wo Deutschlandnichts mehr von mir wußte, noch wissen wollte, und ich glaubtezu bemerken, mein Verleger finde den Absatz nicht ganz nachseinen Wünschen. Indessen hatte ich versprochen, meine künf-tigen Arbeiten ihm vor andern anzubieten, eine Bedingung,die ich immer für billig gehalten habe. Ich meldete ihm daher,daß eine kleine Schrift fertig liege, wissenschaftlichen Inhalts,deren Abdruck ich wünsche. Ob er sich nun überhaupt vonmeinen Arbeiten nicht mehr sonderlich viel versprochen, oder ober in diesem Falle, wie ich vermuthen kann, bei Sachverstän-digen Erkundigung eingezogen habe, was von einem solchenUebersprung in ein anderes Feld zu halten seyn möchte, willich nicht untersuchen; genug, ich konnte schwer begreifen,warum er mein Heft zu drucken ablehnte, da er im schlimmstenFalle durch ein so geringes Opfer von sechs Bogen Maculatureinen fruchtbaren, frisch wieder auftretenden, zuverlässigen,genügsamen Autor sich erhalten hätte.
Abermals befand ich mich also in derselben Lage, wie jene,da ich dem Buchhändler Fleischer meine Mitschuldigenanbot; dießmal aber ließ ich mich nicht sogleich abschrecken. E t-tinger in Gotha, eine Verbindung mit mir beabsichtigend,erbot sich zur Uebernahme, und so gingen diese wenigen Bogen,mit Lateinischen Lettern zierlich gedruckt, auf gut Glück indie Welt.
Das Publicum stutzte; denn nach seinem Wunsch, sich gut