Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

gelangten auf den Weg, dessen ich mich erfreue, theils veran- !laßt durch meine Vorübung, theils auf der Bahn, wie sie der ^Zeitgeist eröffnete. Stockung und Hemmung sind nunmehrkaum denkbar, eher vielleicht Voreil und Uebertreiben alsKrebsgang und Stillstand. In so guten Tagen, die ich dank-bar genieße, erinnert man sich kaum jener beschränkten Zeit,wo einem ernsten, treuen Bestreben niemand zu Hülfe kam.Einiges mag hier stehen als Beispiel und Andenken.

Kaum hatte mein erstes der Natur gewidmetes Wcrkcheneiniges, und zwar ungünstiges Aufsehen gemacht, als ich aufReisen zu einem würdigen bejahrten Mann gelangte, den ichin jedem Sinne zu verehren und, weil er mich immerfort be-günstigte, zu lieben hatte. Nach dem ersten heitern Willkommenbemerkte er mir einigermqaßen bedenklich, er habe gehört, daßich Botanik zu studiren anfange, wovon er mir ernstlich abzu-rathen Ursache habe: denn ihm selbst sey ein Versuch mißglückt,diesem Zweige sich zu nähern. Statt fröhlicher Natur habe erNomenklatur und Terminologie gefunden und eine so ängst-liche Kleinlichkeitslust, den Geist ertödtend und jede freiere Be-wegung desselben hemmend und lähmend; er rathe mir daherwohlmeinend, ich solle nicht die ewig blühenden Felder derPoesie mit Provincialfloren, botanischen Gärten und Gewächs-häusern, am wenigsten mit getrockneten Herbarien vertauschen.

Ob ich nun gleich voraussah, wie schwer es werden möchte,den wohlwollenden Freund von meinen Endzwecken und Be-mühungen zu unterrichten und zu überzeugen, so begann ichdoch ihm zu gestehen, daß ein Heft über Metamorphose derPflanzen von mir ausgegangen sey. Er ließ mich nicht aus-reden , sondern fiel mir freudig in's Wort, nun sey er zufrieden,getröstet und von seinem Irrthum geheilt. Er sehe wohl ein,daß ich die Sache nach Ovids Weise genommen, und er freuesich schon voraus, zu erfahren, wie ich die Hyacinthen, Clytienund Narcissen gar lieblich werde ausgestattet haben. Das Ge-spräch wandte sich nun zu andern Dingen, die seinen vollkom-menen Beifall hatten.

So entschieden wurde damals verkannt, was man wollteund wünschte: denn es lag ganz außer dem Gesichtskreise derZeit. Vereinzelt behandelte man sämmtliche Thätigkeiten;Wissenschaft und Künste, Geschäftsführung, Handwerk, undwas man sich denken mag, bewegte sich im abgeschlossenenKreise. Jedem Handelnden war Ernst in sich; deßwegen ar-beitete er aber auch nur für sich und aus seine Weise; der Nach-bar blieb ihm völlig fremd, und sie entfremdeten sich gegenseitig.Kunst und Poesie berührten einander kaum; an lebendigeWechselwirkung war gar nicht zu denken; Poesie und Wissen-schaft erschienen als die größten Widersacher.

Indem sich nun jeder einzelne Wirkungskreis absonderte,so vereinzelte, zersplitterte sich auch in jedem Kreise die Be-handlung. Nur ein Hauch von Theorie erregte schon Furcht:denn seit mehr als einem Jahrhundert hatte man sie wie einGespenst geflohen und, bei einer fragmentarischen Erfahrung,sich doch zuletzt den gemeinsten Vorstellungen in die Arme ge-worfen. Niemand wollte gestehen, daß eine Idee, ein Begriffder Beobachtung zum Grunde liegen, die Erfahrung befördern,ja das Finden und Erfinden begünstigen könne.

Nun mußte es wohl begegnen, daß man in Schriften oderim Gespräch irgend eine Bemerkung vorbrachte, die dergleichenbraven Männern gefiel, so daß sie solche vereinzelt gern auf-und annahmen; da wurde man denn gelobt, sie nannten eseinen glücklichen Wurf, und schrieben mit Behagen dem, deres mittheilte, einen gewissen Scharfsinn zu, weil Scharfsinnauch ihnen im einzelnen wohl zu Gebote stand. Sie rettetenhierdurch ihre eigene Inkonsequenz, indem sie einem andernaußerhalb der Folge irgend einen guten Gedanken zugaben.

Nacharbeiten und Sammlungen.

18IS.

Weil die Lehre der Metamorphose überhaupt nicht in einemselbstständigen, abgeschlossenen Werke verfaßt, sondern eigent-lich nur als Musterbild aufgestellt werden kann, als Maaßstab,woran die organischen Wesen gehalten, wonach sie gemessenwerden sollen, so war das Nächste und Natürlichste, daß ich,um tiefer in das Pflanzenreich einzudringen, mir einen Begriffder verschiedenen Gestalten und ihres Entstehens im einzelnenauszubilden suchte. Da ich aber auch die Arbeit, die ich ange-fangen, schriftlich fortzusetzen, und das, was ich überhaupt an-gedeutet hatte, in's Besondere durchzuführen dachte, so sammelteich Beispiele des Bildens, Umbildens und Verbildens, womitdie Natur so freigebig ist. Ich ließ manches, was mir belehrendschien, abzeichnen, anfärben, in Kupfer stechen, und bereiteteso die Fortsetzung meiner ersten Arbeit, indem ich zugleich beiden verschiedenen Paragraphen meines Aufsatzes die auffallen-den Erscheinungen fleißig nachtrug.

Durch den fordernden Umgang mit Batsch waren mir dieVerhältnisse der Pflanzenfamilien nach und nach sehr wichtiggeworden: nun kam mir Usteris Ausgabe des JussieuschenWerks gar wohl zu Statten; die Akotyledonen ließ ich liegen,und betrachtete sie nur, wenn sie sich einer entschiedenen Ge-stalt näherten. Jedoch konnte mir nicht verborgen bleiben, daßdie Betrachtung der Monokotyledonen die schnellste Ansicht ge-währe , indem sie wegen Einfalt ihrer Organe die Geheimnisseder Statur offen zur Schau tragen und sowohl vorwärts, zuden entwickeltem Phanerogamen, als rückwärts, zu den ge-heimen Kryptogamen, hindeuten.

Im bewegten Leben, durch fremdartige Beschäftigungen,Zerstreuung und Leidenschaft hin und wieder getrieben, be-gnügte ich mich, das Erworbene bei mir selbst zu bearbeitenund für mich zu nutzen. Mit Vergnügen folgte ich dem Grillen-spiel der Natur, ohne mich weiter darüber zu äußern. Diegroßen Bemühungen Humboldts, die ausführlichen Werkesämmtlicher Stationen gaben Stoff genug zu stiller Betrachtung.Endlich wollte sie sich mir wieder zur Thätigkeit bilden; aberals ich meine Träume der Wirklichkeit zu nähern gedachte,waren die Kupferplatten verloren; Lust und Muth, sie wiederherzustellen, fand sich nicht ein. Indessen hatte diese Vor-stellungsart junge Gemüther ergriffen, sich lebhafter und solge-reicher entwickelt, als ich gedacht, und nun fand ich jede Ent-schuldigung gültig, die meiner Bequemlichkeit zu Hülfe kam.