Bildung und Umbildung organischer Naturen.
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der Vegetabilien, und ward vollendet durch die Organ ogra-phie derVegetabilien, welche alle unsere Kenntnisse hier-über zusammenfaßt."
P. I. F. Turpin. Wir haben von diesem vorzüglichenManne, der zugleich als einsichtiger Botaniker und genauesterZeichner, sowohl vollendeter Pflanzen als ihrer mikroskopischenAnfänge, rühmlich bekannt ist, uns ein Motto angeeignet, daswir unter Tafel I. Band XIX. der Memoiren des Mu-seums der Naturgeschichte 1830 gefunden, und hierseiner Bedeutung wegen gern wiederholen: Die Sachenherankommen sehen, ist das beste Mittel, sie zu er-klären. Ferner äußert er anderwärts: „Die allgemeine Orga-nisation eines lebendigen Wesens und die seiner Organe insbe-sondere lassen sich nur dadurch erklären, daß man Schritt fürSchritt die Folge der Entwicklung eines solchen Wesens vondem ersten Augenblicke seiner erscheinenden Bildung an bis zudem seines Todes verfolgt." Und auch dieß bleibt ein Haupt-artikel der Bekenntnisse erustwirkender Deutschen, welche sichmit Betrachtung der Natur treulich beschäftigen.
Ein bildender Künstler, der mit dem schärfsten Blick dieUnterschiede der ihm vorgelegten Gegenstände genau , wie siesich darstellen, nachzubilden hat, wird, mit geschickter Hand sieauf die Tafel übertragend, gar bald bemerken, daß die Organeein und derselben Pflanze nicht streng von einander gesondertsind. Er wird die Aufstufung eines Organs aus dem andernund deren gesteigerte Entwicklung gewahr werden, und ihmwird es leicht seyn, die stetige Folge verwandter, immer gleicherund immer veränderter Wesen mit fertiger Hand vor die Augenzu stellen.
Die Französische Sprache hat unter andern Worten, diewir ihr beneiden müssen, das Wort s'sedoiniasr, und wennes auch ursprünglich nur heißen mochte, sich auf den Weg be-geben, so suhlte doch eine geistreiche Nation, daß jeder Schritt,den der Wanderer vorwärts thut, einen andern Gehalt, eineandere Bedeutung habe als der vorhergehende, indem ausdem richtig eingeschlagenen Wege in jedem Schritt das zu er-reichende Ziel schon vollkommener begriffen und enthalten ist;daher das Wort uolleininvrileiit einen sittlich lebendigen Werthin sich faßt. Man denkt sich dabei das Herankommen, dasVorschreiten, aber in einem hoher» Sinne. Wie denn ja dieganze Strategie eigentlich auf dem richtigsten, kräftigsten uelle-miireiuent beruht.
Das Höchste, was sich hiervon auf Pflanzen anwenden läßt,hat der treffliche Turpin nicht allein durch wissenschaftlichesBeschauen, sondern auch künstlerische Nachbildung zu bearbeitenvielfache Gelegenheit gehabt, und würde daher diesem Felde dengrößten Dienst leisten, wenn er seine Geschicklichkeit zu demZwecke einer bildlichen Darstellung der Pflanzenmetamorphoseernstlich Hinleiten wollte.
Zwar enthalten die Tafeln zur Organographie desscharfsichtigen de Eandolle hiervon bereits ausfallend be-lehrende Beispiele; allein wir wünschten sie vollständiger zugedachten besondern Zwecken, möglichst genau, besonders auchdurch Farben charakteristisch verdeutlicht, naturgemäß metho-disch aufgestellt, welches, bei den entschiedenen botanischen Ein-sichten des trefflichen Künstlers, bei den höchst fördernden Vor-aroeiten, keine der schwierigsten Unternehmungen seyn möchte.
Hätten wir das Glück, in der Nähe des vollkommenenKünstlers zu leben, so würden wir ihm täglich und dringendanliegen, ihn ersuchen und auffordern, ein solches Werk zuunternehmen. Es bedürfte des wenigsten Textes und würdesich der botanischen Terminologie und ihrem Wortreichthum zurSeite stellen, aber doch für sich selbst bestehen, indem uns dieUrsprache der Natur in ihren Elementen und deren ausgebrei-teten Verarbeitung und Anwendung vollkommen leserlich er-scheinen müßte.
(1827 tritt die zweite Ausgabe von Friedrich SigismundVoigts Lehrbuch der Botanik an's Licht. S. 31 u. ff.wird die Darstellung der Metamorphose, wie sie in der erstenAusgabe gegeben ward, wiederabgedruckt, doch nun noch ge-nauer mit den Einleitungslehren der Botanik verbunden, undmit vielen aus seltenen Schriften und eigener Beobachtunggesammelten Beispielen ausgestattet.)
Botanik sürDamen rc. enthaltend eine Darstellung desPflanzenreichs in seiner Metamorphose, von Ludwig Rei-chenbach. Leipzig 1828.
Der Verfasser, nachdem er Ansicht und BehandlungsweiseLinnäs und Jussieus vorgetragen, wendet sich zu meinen Be-mühungen , und äußert sich darüber folgendermaaßen.
„Goethe blickt tief in das innere Naturleben, und seineleichte Auffassung des Beobachteten, seine glückliche Deutungder Einzelnheiten für den Zusammenhang des Ganzen, über-haupt seine originelle Gesammtbeschauung der Natur, veran-lassen uns, die dritte Richtung, welche die Naturforschung zunehmen im Stande ist, in seinem Streben lebhaft zu erkennen.Namentlich widmete er eben der Anschauung der Pflanzenweltund der Erforschung ihrer Entwicklung und Entfaltung so vieleAufmerksamkeit, daß wir niit vollem Rechte von ihm sagenkönnen, er erforschte als Jüngling schon der Dryade Geheimniß,aber ein Greis mußte er werden, bevor die Welt ihn verstand!— Zu hohem und verdientem Ruhme reifte erst spät heranseine geistvolle Schrift, über die Metamorphose derPflanzen (Gotha 1790), eine Abhandlung von eben so treff-licher Beobachtungsgabe geleitet, als durch jene glückliche Deu-tungsgabe belebt. Diese Metamorphose, diese Entwicklung derPflanze, übergetragen auf das ganze Gewächsreich, giebt dieGesetze für ideale Anordnung, für Darstellung des lebendigennatürlichen Zusammenhanges, dem wir nachforschen sollen, ohnejemals ihn ganz erreichen zu können. 'Nur die ahnungsvolleDeutung dazu belebt die Schriften des Meisters, die Ausführungbleibt jedem überlasten, nach Maaßgabe von Einsicht, Eiferund Kraft."
Dem Bestreben des vorzüglichen Mannes geben wir aus-drücklichen Beifall und fügen, um denselben zu bezeigen, nurweniges hinzu. Eine Idee, wie sie ausgesprochen ist, wirdein wundersames Gemeingut; wer sich ihrer zu bemächtigenweiß, gewinnt ein neues Eigenthum, ohne jemand zu berauben;er bedient sich dessen nach eigener Art und Weise folgerecht,auch wohl ohne immer daran zu denken. Dadurch aber beweistsich eben der inwohnende, kräftig lebendige Werth des erwor-benen Gutes.