Bildung und Umbildung organischer Naturen.
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der oben mitgetheilte Titel entstellt wird, indem statt Meta-morphose Metapher gesetzt ist, so halten wir unsereZeit für zu hoch gebildet, als daß wir dahinter eine spöttischeAnspielung auf die deutsche Behandlungsweise der Natur-gegenstände argwöhnen sollten. Die Lehre der Metamorphosekann den Herausgebern nicht fremd seyn, und es wird siegereuen, den Abdruck nicht bester durchgesehen oder vielleichtgar sowohl Redaction als Revision dieses Capitels Personenanvertraut zu haben, welche dem Stand der Wissenschaft völligfremd sind.
ll. k. Vsuelier, Histoirs xkisioloßiizue des plkmtesd'Lurope, ou exxositicm 6es püenomenss <zu'elles prbsen-tent (laus leg divers periodes de leurs developpemeiit.1 kort Vol iu-8vo. Ceueve 1830.
Dieses bedeutenden Werkes, aus welchem wir seit seinerErscheinung schon manchen Vortheil gezogen, hätten wir eigent-lich hier gar nicht zu gedenken. Der Verfasser, ein umsichtigerBotaniker, erklärt die physiologischen Phänomene nach theo-logischen Ansichten, welche die unsrigen nicht sind noch seynkönnen, ob wir gleich mit niemanden streiten, der sich derselbenbedient.
Indem der Verfasser jedoch am Schlüsse seiner Einleitungsich als jener Lehrart nicht geneigt erklärt, wonach Herr deCandolle in seinen didaktischen Schriften die botanische Organi-sation zu entwickeln unternimmt, und in sofern auch unsereAnsicht, welche damit nahezu übereinstimmt, zugleich verwirft,so ergreifen wir die Gelegenheit, diese freilich sehr zarten Ver-hältnisse zur Sprache zu bringen.
Es ist zwar mit allem Dank zu bemerken, daß ein so wich-tiger Mann, wie Herr de Candolle, die Identität aller Pflanzen-theile anerkennt, so wie die lebendige Mobilität derselben, sichvorwärts oder rückwärts zu gestalten und sich dadurch ingränzenlos unterschiedenen Formen dem Auge darzustellen, anden vielfachsten Beispielen durchführt. Allein wir können denWeg nicht billigen, den er nimmt, um die Liebhaber desPflanzenreichs zu der Grundidee zu führen, von deren rechtemVerständniß alles abhängt. Nach unserer Ansicht thut er nichtwohl, von der Symmetrie auszugehen, ja sogar die Lehreselbst mit diesem Namen zu bezeichnen.
Der würdige Mann setzt eine gewisse von der Statur in-tentionirte Regelmäßigkeit voraus und nennt alles, was mitderselben nicht übereintrifft, Aus- und Abwüchse, welche durchFehlgeburten, außerordentliche Entwicklungen, Verkümme-rungen oder Verschmelzungen jene Grundregel verschleiern undverbergen.
Gerade diese Art sich auszudrücken hat Herrn Vaucher ab-geschreckt, und wir können es ihm nicht ganz verargen. Dennsonach erscheint in der Pflanzenwelt die eigentliche Absicht derNatur sehr selten erfüllt; wir werden von einer Ausnahmezur andern hingewiesen und finden nicht, wo wir festen Fußfassen sollen.
Die Metamorphose ist ein höherer Begriff, der überdem Regelmäßigen und Unregelmäßigen waltet, und nachwelchem eben so gut die einfache Rose als die vielblätterige sichbildet, eben so gut die regelmäßige Tulpe als die wunderlichsteder Orchideen hervorgebracht wird.
Goethe, Werke. VI.
Auf diesem Wege verdeutlicht sich alles Gelingen und Miß-lingen der Naturprodukte dem Adepten; das ewig lockere Lebenist ihm anschaulich, woraus die Möglichkeit hervorgeht, daßdie Pflanzen sowohl in den günstigsten als ungünstigsten Um-ständen sich entwickeln, Art und Abart über alle Zonen ver-breitet werden können.
Wenn eine Pflanze, nach innern Gesetzen oder auf Ein-wirkung äußerer Ursachen, die Gestalt, das Verhältniß ihrerTheile verändert, so ist dieses durchaus als dem Gesetz gemäßanzusehen und keine dieser Abweichungen als Miß- und Rück-wuchs zu betrachten.
Mag sich ein Organ verlängern oder verkürzen, erweiternoder zusammenziehen, verschmelzen oder zerspalterz, zögernoder sich übereilen, entwickeln oder verbergen, alles geschiehtnach dem einfachen Gesetz der Metamorphose, welche durchihre Wirksamkeit sowohl das Symmetrische als das Bizarre,das Fruchtende wie das Fruchtlose, daß Faßliche wie das Un-begreifliche vor Augen bringt.
Ein Vortrag dieser Art würde Herrn Vaucher, wenn mansich mit ihm darüber methodisch, unter Vorlegung beweisenderBeispiele, folgerecht unterhalten könnte, vielleicht eher zusagen,weil dadurch die teleologische Ansicht nicht aufgehoben, vielmehrderselben Hülfe geleistet wird.
Der Forscher kann sich immer mehr überzeugen, wie Wenigund Einfaches, von dem ewigen Urwesen in Bewegung gesetzt,das Allermannichfaltigste hervorzubringen fähig ist.
Der aufmerksame Beobachter kann sogar durch den äußernSinn das Unmöglichscheinende gewahr werden; ein Resultat,welches, man nenne es vorgesehenen Zweck oder nothwendigeFolge, entschieden gebietet, vor dem geheimnißvollen Urgründealler Dinge uns anbetend niederzuwerfen.
Ueber die Spiraltenden; der Vegetation.
Vorarbeit. Aphoristisch.
Wenn ein Fall in der Naturbetrachtung vorkommt, deruns stutzig macht, wo wir unsere gewöhnliche Vorstellungs-und Denkweise nicht ganz hinlänglich finden, um solchen zugewaltigen, so thun wir wohl, uns umzusehen, ob nicht in derGeschichte des Denkens und Begreifen« schon etwas Aehnlichesverhandelt worden.
Dießmal wurden wir nun an die Homoiomerien desAnapagoras erinnert, obgleich ein solcher Mann zu seiner Zeitsich begnügen mußte, dasselbige durch dasselbige zu erklären.Wir aber, auf Erfahrung gestützt, können schon etwas der-gleichen zu denken wagen.
Lassen wir bei Seite, daß eben diese Homoiomerien sichbei urelementaren, einfachen Erscheinungen eher anwendenlassen; allein hier haben wir auf einer hohen Stufe wirklichentdeckt, daß spirale Organe durch die ganze Pflanze im kleinstendurchgehen, und wir sind zugleich von einer spiralen Tendenzgewiß, wodurch die Pflanze ihren Lebensgang vollführt, undzuletzt zum Abschluß und Vollkommenheit gelangt.
Lehnen wir also jene Vorstellung nicht ganz als ungenügendab, und beherzigen dabei: was ein vorzüglicher Mann einmal
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