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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen

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Die Ursache scheint mir hauptsächlich darin z» liegen: dieserKnochen, der bei Thieren so außerordentlich vorgeschoben ist,zieht sich bei dem Menschen in ein sehr kleines Maaß zurück.Man nehme den Schädel eines Kindes oder Embrhons vorsich, so wird man sehen, wie die keimenden Zähne einen solchenDrang an diesen Theilen verursachen, und die Beinhäntchenso spannen, daß die Natur alle Kräfte anwenden muß, umdiese Theile aus das innigste zu verweben. Man halte einenThierschädel dagegen, wo die Schneidezähne so weit vorwärtsgerückt sind, und der Drang sowohl gegen einander als gegenden Hundszahn nicht so stark ist. Inwendig in der Nasenhöhleverhält es sich eben so. Man kann, wie schon oben bemerkt, dieSutur des Ossis iotormnxillaris aus den Osuaiibus inei-sivis bis dahin verfolgen, wo die Ossa turbiimta oder Oon-dmo inferiores sich anlegen. Hier wirkt also der Trieb desWachsthumes dreier verschiedener Knochen gegen einander,und verbindet sie genauer.

Ich bin überzeugt, daß denjenigen, die diese Wissenschafttiefer durchschauen, dieser Punkt noch erklärbarer seyn wird.Ich habe verschiedene Fälle, wo dieser Knochen auch bei Thierenzum Theil oder ganz verwachsen ist, bemerken können, und eswird sich vielleicht in der Folge mehr darüber sagen lassen.Auch giebt es mehrere Fälle, daß Knochen, die sich bei erwach-senen Thieren leicht trennen lassen, schon bei Kindern nichtmehr abgesondert werden können.

Die Tafeln, die ich beifüge, sind meistens nur die erstenVersucharbeiten eines jungen Künstlers, der sich unter demArbeiten gebessert hat. Es ist eigentlich nur die dritte undsiebente Tafel völlig nach der Tamperschen Methode gearbeitet;doch habe ich nachher das Os luterinaxillurs verschiedenerThiere nach selbiger auf das bestimmteste zeichnen lassen; undsollte ein solcher Beitrag zur vergleichenden Knochenlehre denKennern interessant seyn, so wäre ich nicht abgeneigt, eineFolge dieser Abbildungen in Kupfer stechen zu lassen.

Beiden Oetseeis, Amphibien, Vögeln, Fischen habe ichdiesen Knochen theils auch entdeckt, theils seine Spuren ge-funden.

Die außerordentliche Mannichfaltigkeit, in der er sich anden verschiedenen Geschöpfen zeigt, verdient wirklich eine aus-führliche Betrachtung, und wird auch selbst Personen ausfallendseyn, die an dieser so dürr scheinenden Wissenschaft sonst keinInteresse finden.

Man könnte alsdann mehr in's einzelne gehen, und, beigenauer, stufenweise! Vergleichung mehrerer Thiere, vomEinfachsten auf das Zusammengesetztere, vom Kleinen undEingeengten auf das Ungeheure und Ausgedehnte fortschreiten.

Welch eine Kluft zwischen dem Osso iiitormuxillori derSchildkröte und des Elephanten! Und doch läßt sich eine ReiheFormen dazwischen stellen, die beide verbindet. Das, was anganzen Körpern niemand leugnet, könnte man hier an einemkleinen Theile zeigen.

Man mag die lebendigen Wirkungen der Natur im Ganzenund Großen übersehen, oder man mag die Ueberbleibsel ihrerentflohenen Geister zergliedern, sie bleibt immer gleich, immermehr bewundernswürdig.

Auch würde die Naturgeschichte einige Bestimmungen da-durch erhalten. Da es ein Hauptkennzeichen unseres Knochensist, daß er die Schneidezähne enthält, so müssen umgekehrt

auch die Zähne, die in denselben eingefügt sind, als Schneide-zähne gelten. Dem Nriokoeüus rosmsrus und dem Kameelehat man sie bisher abgesprochen, und ich müßte mich sehr irren,wenn man nicht jenem vier und diesem zwei zueignen könnte.

Und so beschließe ich diesen kleinen Versuch mit den, Wunsche,daß er Kennern und Freunden der Naturlehre nicht mißfallenund mir Gelegenheit verschaffen möge, näher mit ihnen ver-bunden, in dieser reizenden Wissenschaft, so viel es die Um-stände erlauben, weitere Fortschritte zu thun.

Jena, 178k,

Galens Büchlein von den Knochen ist, wenn man es auchnoch so ernstlich angreift, für uns schwer zu lesen und zu nutzen:man kann ihm zwar eine sinnliche Anschauung nicht ableugnen,das Skelett wird zu unmittelbarer Besichtigung vorgezeigt,aber wir vermissen einen durchdachten methodischen Vertrag.Was in eine Einleitung gehörte, schaltet er zwischen die Dar-stellung ein: z. B. in wiefern man Sutur und Harmonieunterscheiden oder für eins nehmen solle; er wendet sich vonder regelmäßigen Struktur schnell zu den abweichenden: so hater z. B. kaum von den Stirn- und Schädelknochen geredet, alser gleich die Difformität der Spitz- oder Kcgelköpfe umständlichabhandelt; er wiederholt sich in Verschränknnge», welches beimündlichem Vertrag, in Gegenwart des zu demvnstrirendcnKörpers, wohl angehen möchte, jedoch die Einbildungskraftdes Lesers verwirrt; er breitet sich in Controversen mit Vor-fahren und Gleichzeitigen aus: denn weil man damals dieKnochen partienweise als ein Ganzes zusammennahm, und dieTheile desselben durch Zahlet! unterschied, so konnte man wedereinig werden, was man zusammenfassen, noch wie viele Theileman zählen solle, wie man sich denn auch noch ferner überEigenschaft, Beziehung, Verwandtschaft entzweien mochte.

Alles dieses soll die Ehrfurcht für einen außerordentlichenMann keineswegs vermindern, sondern uns nur rechtfertigen,wenn wir so kurz als möglich das, was uns hier berührt, zu-sammenfassen; dieses aber ist gegenwärtig nur, daß Galen beiBeschreibung des Schädels, und zwar offenbar des Menschen-schädels , unseres Zwischenknochens gedenkt. Er sagt im drittenCapitel, das Wangenbein bei uns die obere Kinnladeenthalte die Alveolen aller Zähne, außer der Schneidezähne;er wiederholt dasselbe im vierten, indem er spricht:Die zweigroßen Wangenbeine enthalten fast alle Zähne, wie wir schongemeldet." Im fünften Capitel, bei Aufzählung der Zähne,nennt er die vier »ordern als Schncidezähne, thut aber desbesondern Knochens nicht Erwähnung, in welchem sie einge-fügt sind. Im dritten Capitel spricht er von einer Sutur, dievon der Nasenwurzel anfängt, ihren Weg an der Nase herabwärts verfolgt und zwischen dem Hundszahn und den Schneide-zähnen auslänft.

Hieraus ist nun auf das deutlichste ersichtlich, daß er denZwischenknochen gekannt und gemeint; ob er aber solchen amMenschen gesehen, wird wohl immer zweifelhaft bleiben.

Hierüber sind denn in der Folge manche Streitigkeitenentstanden, die sich kaum in den letzten Tagen entschieden ha-ben; einiges zur Literargeschichte dieser Differenzen lege ausältern Collectaueen hier zu.

Vesolins cko üuiusni eorporis kaliriea sLasil, 1555.)